Die Kinderklinik am Krankenhaus Singen hat eine Initiative gestartet, die bei einer wachsenden Zahl von betroffenen Kindern und Jugendlichen von lebenswichtiger Bedeutung sein kann. Es geht um Erkrankungen nach dem Diabetes-Typus I, der sich grundsätzlich von einer Diabetes-Erkrankung des Typus II unterscheidet. Bei Diabetes I spricht man von einer Stoffwechselentgleisung beziehungsweise Autoimmunerkrankung, über deren Ursachen laut Chefarzt Andreas Trotter so gut wie nichts bekannt ist. Was man jedoch weiß: Deutschlandweit werden derzeit pro Jahr rund 2500 Neuerkrankungen allein bei Kindern bis 14 Jahren registriert – Tendenz steigend.

Die Kinderkrankenpflegerin Diana Fricker hat dies zum Thema ihrer Abschlussarbeit für ihre berufsbegleitende Ausbildung zur Diabetesberaterin gemacht. Ihr Ansatz: Die besten Behandlungsmethoden bringen nichts, wenn die Patienten nichts von ihrer Erkrankung wissen. Also hat sie einen Test gemacht und während drei Wochen 100 Fragebogen auf der Station und im Wartezimmer verteilt, mittels dessen der Kenntnisstand von Eltern über die Besonderheiten, insbesondere die Symptome von Diabetes I ermittelt werden sollte.

Eltern wollen‘s wissen

Überraschend dabei ist zunächst die Resonanz. Sämtliche Fragebögen wurden ausgefüllt und rund Dreiviertel der Eltern erklärten, dass sie gern Genaueres über die Erkrankung wissen würden. Etwa Zweidrittel gaben an, einzelne Symptome – wie ständiger Durst, Müdigkeit, häufiges Wasserlassen oder Gewichtsverlust – zu kennen. Bei der Frage, wer überhaupt an Diabetes I erkranken kann, gingen 57 Befragte davon aus, dass dies auch bei Kindern unter einem Jahr der Fall sein kann.

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Der Fragebogen ist dabei nur ein Element der breit angelegten Initiative, die die Kolleginnen von Diana Fricker sowie die Ärzte der Kinderklinik unterstützen. So werden zum Beispiel Plakate in Kindergärten und Schulen aufgehängt, hinzu kommen Vorträge für Erzieherinnen und Lehrer. Besonders wichtig sind den Diabetesberaterinnen aber vor allem die Schulungen sowohl der Eltern sowie der Kinder (ab fünf Jahren) und Jugendlichen, die an Diabetes I erkrankt sind. Diese Schulungen haben es in sich: Sie ziehen sich über mehrere Wochen hin und sollen vor allem für den Umgang mit der Erkrankung eine feste Alltagsstruktur vermitteln.

Wenn das gelingt, ist Diabetes I vergleichsweise einfach zu handhaben. In aller Regel wird den Kindern durch das Hilfsmittel einer Insulin-Pumpe ein Leben ermöglicht, das sich kaum von dem nicht erkrankter Kinder unterscheidet. So dürfen Diabetes-I-Kinder zum Beispiel alles essen: „Diabetes I hat absolut nichts mit Ernährung zu tun“, erklärt dazu Andreas Trotter. Wenn die Erkrankung jedoch nicht behandelt wird, sei sie lebensbedrohlich und könne innerhalb von vier bis acht Wochen zum Tod führen.

Urintest genügt als Diagnose

Wichtig ist außerdem die Früherkennung. Laut Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin Sarah Otto werden die Symptome einer Diabetes-I-Erkrankung in einem Zeitraum von einer Woche bis zu vier Monaten entwickelt. Je früher gegengesteuert werden könne umso besser, der Schaden lässt sich mit verhältnismäßig leichter Diagnose begrenzen: ein Urintest genügt.

Im Zweifel lieber gleich zum Hausarzt

  1. Diabetes I und II: Es handelt sich um zwei unglückliche Bezeichnungen, weil es sich um grundverschiedene Erkrankungen handelt. Diabetes II ist eine Volkskrankheit, von der deutschlandweit sechs bis sieben Millionen Menschen (allein im Erwachsenenalter) betroffen sind – hier spielen Ernährung und Lebensgewohnheiten eine wichtige Rolle. Die Zahl der Diabetes-Typ-I-Fälle liegt bei insgesamt 300 000. Sie gilt als Autoimmunerkrankung und hat als spezielle Form der Stoffwechselentgleisung nach aktuellem Kenntnisstand nichts mit der Ernährung oder dem Lebensstil zu tun. Fälle von Diabetes (sowohl Typ I als auch Typ II) sind in der Singener Kinderklinik nichts Ungewöhnliches. Betreut werden 50 bis 60 Kinder und Jugendliche (bis 18 Jahre), pro Jahr gibt es zehn bis 20 neue Fälle.
  2. Die Symptome: Diabetes-Symptome sind verhältnismäßig leicht zu erkennen und sind auf Aufklärungsplakaten symbolhaft (Bild) zusammengefasst. Hinweise können demnach ständiges Wasserlassen und permanenter Durst, andauernde Müdigkeit sowie eine Gewichtsabnahme sein. Das gilt für Erwachsene wie für Kinder. Eltern sollten bei entsprechenden Symptomen bei ihren Kindern zum Hausarzt gehen und damit nicht zu lange warten. „Wichtig ist“, so die Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin, Sarah Otto, „dass die Erkrankung schnell erkannt wird.“