Singen Kinderchancen setzt sich gegen Armut ein – und hat noch viel vor

Der Verein Kinderchancen hat die vergangenen Jahre eine Förderung vom Land bekommen – diese läuft nun aus. Der Verein hofft auch eine Verlängerung. Außerdem soll die Stadt stärker in die Pflicht genommen werden.

Sozial- und Integrationsminister Manne Lucha kam ganz schön ins Schwitzen während seines Besuchs bei Kinderchancen in Singen. Doch das lag einzig an der Raumtemperatur und nicht an einer hitzigen Diskussion mit den Verantwortlichen des Präventionsnetzwerks. Denn beide Seiten waren bei dem Gespräch voll des Lobes für die Arbeit des Vereins.

Seit rund fünf Jahren setzt sich Kinderchancen gegen Kinderarmut in Singen ein. Mittlerweile sind 15 Organisationen und 16 Einzelpersonen beteiligt, unterstützt wird der Verein von der Stadt und dem Landkreis. In den vergangenen zwei Jahren erhielt Kinderchancen als Modellprojekt zudem eine Förderung des Landes Baden-Württemberg – diese ist nun ausgelaufen. „Wir hoffen natürlich auf eine weitere Förderung“, machte Wolfgang Heintschel, Vorsitzender von Kinderchancen und Geschäftsführer der Caritas, deutlich.

Um diesen Wunsch zu unterstreichen und um die Arbeit des Vereins in den vergangenen Jahren vorzustellen, wurde der Besuch des Sozialministers genutzt. Der ist vom Konzept des Präventionsnetzwerks angetan. „Es ist genau richtig, Kräfte zusammenzuspannen und miteinander, statt gegeneinander zu arbeiten“, sagte Lucha. „Auch im reichen Baden-Württemberg gibt es Kinder, die in Armut aufwachsen. Das können und dürfen wir nicht hinnehmen“, stellt der 55-Jährige, der für den Landkreis Ravensburg im Landtag sitzt, klar. Umso mehr schätze er Netzwerke wie Kinderchancen.

Durch verschiedene Projekte wie Schüler-Frühstück, Lernförderungen und frühe Hilfen arbeitet das Netzwerk an vier Zielen: Kinderarmut bekämpfen, eine Vernetzung der Hilfsangebote schaffen, eine Lobby für arme Kinder aufbauen und Konzepte erarbeiten, um die Entwicklungschancen zu verbessern. Und auch erste Erfolge sind zu erkennen. Die schulischen Leistungen seien seit der Einführung des Frühstückangebots besser geworden. Allerdings wisse man nie, ob dieses Ergebnis letztlich auch am Einsatz der Helfer liege. „Wer heilt hat recht, und dann hält man auch an der Therapie fest“, sprach sich der Minister für das Angebot aus. Einer der schönsten Erfolge sei es laut Udo Engelhardt, stellvertretender Vorsitzender des Netzwerks, wenn die Kinder durch das Programm von sich aus beginnen, sich gesünder zu ernähren und auch die Eltern es dann annehmen.

Und auch von den einzelnen Projekten abgesehen, ist Kinderchancen mit den ersten fünf Jahren zufrieden. „Wir haben Kinderarmut zum Thema gemacht, Strukturen verbessert und liefern konkrete Hilfe“, sagte Wolfgang Heintschel. „Die Projekte gehen in die richtige Richtung“, stimmte Manne Lucha zu.

Der weitere Weg scheint klar zu sein. „Wir sind den ersten kleinen Schritt gegangen, der nächste wichtige Schritt ist es, ein integriertes Gesamtprojekt durchzuziehen“, sagte Heintschel. Die Arbeit gehe ihnen jedenfalls nicht aus. Bettina Fehrenbach, Projektkoordinatorin und eine von drei Festangestellten in Teilzeit, berichtete, dass beispielsweise bei der frühen Hilfe für jenische Familien noch viel zu tun sei. „Das bereitet uns besondere Sorgen in Singen. Wie versuchen, dass die Kinder möglichst früh an Bildung teilhaben können“, erklärte sie.

„Ich möchte, dass man alle Familien früher erreicht, nicht erst in der Kita“, sagt auch Bürgermeisterin Ute Seifried. Um das zu ermöglichen, soll die Federführung von Kinderchancen an die Stadt gehen. „Die freien Träger, das Jugendamt und die Stadt sollen zu einem Dreier-Team werden“, erklärt Wolfgang Heintschel. Kinderchancen wolle den eingeschlagenen Weg auf jeden Fall weiter gehen. „Aber wir haben uns Kompetenzen angemaßt, die wir eigentlich nicht hatten und jetzt soll das wieder zurück an die Stadt“, erklärt er. Schließlich habe man der Stadt bislang Aufgaben abgenommen, denn das was Kinderchancen macht sei eine kommunale Pflicht und so soll sie nun auch wieder behandelt werden.

Zum Verein und zur Person

  • Kinderchancen ist ein Präventionsnetzwerk mit 41 Mitgliedern, das sich gegen Kinderarmut einsetzt. Beteiligt sind neben der Stadt unter anderem auch die Arbeiterwohlfahrt, Caritas, Tafel sowie Schulen. In Singen lebt etwa jedes fünfte Kind in Armut, ein deutlich höherer Wert als im restlichen Landkreis. Daran möchte Kinderchancen arbeiten. Der Verein ist bundesweit der einzige, der aus Engagement freier Träger entstanden ist. Andere Netzwerke gründeten sich aus einer kommunalen Entscheidung, bei der dann die Träger mit einstiegen.
  • Manne Lucha ist seit 12. Mai Minister für Soziales und Integration. Er stammt aus dem bayerischen Garching an der Alz. Seit 34 Jahren lebt er in Baden-Württemberg. Lucha absolvierte eine Ausbildung zum Krankenpfleger und studierte Sozialarbeit an der FH Weingarten. Er hat seit 1994 einen Sitz im Gemeinderat von Ravensburg und zog 2011 in den Landtag ein. Lucha spielte mehrmals kleinere Nebenrollen im Konstanzer Tatort. (dc)

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