Ralf Baumert hat Akten mitgebracht – drei Stapel, die mit einer Höhe von 30 bis 40 Zentimetern selbst nach Verwaltungsmaßstäben durchaus im Bereich Hochbau anzusiedeln sind. "Wir müssen Gutachten für alles und jedes anfertigen lassen und setzen uns kritisch damit auseinander", sagt der Bürgermeister von Rielasingen-Worblingen. Beim geplanten Kiesabbau im Dellenhau aber versuche sein Hilzinger Bürgermeisterkollegen Rupert Metzler, die Diskussion auf eine Sichtweise zu verengen (der SÜDKURIER berichtete am Samstag). Unterstützt wird Ralf Baumert von Singens Oberbürgermeister Bernd Häusler und dem Gottmadinger Bürgermeister Michael Klinger. Das Trio setzt sich vor allem gegen den von Rupert Metzler erhobenen Vorwurf des Populismus zur Wehr und dreht nun den Spieß um: Metzlers Einsatz für die Befürwortung des Kiesabbaus im Dellenhau verdeutliche, dass er sich offensichtlich nicht hinreichend mit der Thematik befasst habe.

Zum Beispiel bei dem zu erwartenden Verkehrsaufkommen. Die Angaben dazu weichen nach Darstellung von Ralf Baumert, Bernd Häusler und Michael Klinger deutlich voneinander ab. So weist Ralf Baumert auf die Notwendigkeit der Kies-Aufbereitung hin, die in den ersten Jahren nicht im Dellenhau vorgenommen werden könne. Das Material müsse nach Überlingen am Ried gefahren werden, danach würden angesichts des vorgesehenen Exports in die Schweiz die Lastwagen wieder zurückfahren. "Alle fünf bis zehn Minuten wird ein Lastwagen den Dellenhau verlassen", so rechnet er vor.

Bernd Häusler konkretisiert seine Bedenken wegen des hohen Exportanteils von bis zu 45 Prozent in die Schweiz. Es handle sich beim Kies um einen Rohstoff und damit um ein endliches Produkt, bei dessen Abbau man – anders als bei Produkten des Handels – nationale Interessen berücksichtigen müsse. Allein der Hinweis auf eine nur rund achtjährige Abbauzeit verdeutliche das Ausmaß des Raubbaus. Zum Vergleich: Beim Kiesabbau in Steißlingen werde von einer Abbauzeit von 80 bis 100 Jahren ausgegangen und damit sei im Übrigen der regionale Bedarf sehr gut abgedeckt. Für den Singener OB ist es außerdem ein Rätsel, wie sein Hilzinger Kollege zu seiner der Bewertung der nachbarschaftlichen Abhängigkeiten zwischen Deutschland und der Schweiz kommt. Rupert Metzler geht dabei für das geplante Einkaufszentrum Cano in Singen von einem prognostizierten Anteil Schweizer Kunden von 80 Prozent aus. "Realistisch sind zwischen 17 und 20 Prozent", sagt dazu Bernd Häusler.

Für Michael Klinger sprechen sowohl die regionalen Interessen wie auch grundsätzliche Überlegungen gegen den Kiesabbau im Dellenhau. Von der im Hegau in die Landschaft geschlagenen Wunde würde hauptsächlich die Schweiz profitieren – mit zusätzlichen Arbeitsplätzen beispielsweise sei schwerlich zu rechnen. Von der Verkehrs- und Staubbelastung über verdreckte Straßen würde der Hegau die Lasten zu tragen haben, außerdem hätten die Bürgermeister die Wahrnehmung in der Bevölkerung zu berücksichtigen. "Und da ist unsere Haltung gegen den Kiesabbau angesichts von rund 4000 Unterschriften legitimiert und alles andere als Populismus."

Genau deshalb ist für Bernd Häusler auch das Argument nicht stichhaltig, dass die Nutzung des Dellenhaus nur durch den Verzicht des Kiesabbaugebiets in Überlingen am Ried zur Debatte stehe. Die Bürgerproteste in dem Singener Ortsteil gegen die Erweiterung seien wegen der wachsenden Nähe zum Wohngebiet berechtigt gewesen, außerdem gehöre das Gelände zum Naherholungsgebiet. "50 Jahre lebt der Ort mit dem Abbau, Überlingen hat da seine Pflicht und Schuldigkeit getan", so die Überzeugung des OB. Wie weit die Maßstäbe der Bewertung verrutscht sind, verdeutlicht er mit Verweis auf die drei Aktenstapel. "Wegen jeden Juchtenkäfers müssen wir Gutachten erstellen, aber beim Dellenhau bekommen wir beim zuständigen Ministerium noch nicht einmal Gehör."

"Es besteht kein Bedarf für ein Kiesabbaugebiet Dellenhau"

Peter Waldschütz und seine Frau Edeltraud haben vor zweieinhalb Jahren eine Bürgerinitiative gegen den Kiesabbau im Dellenhau gegründet. Sie haben über 4000 Unterschriften gesammelt, um gegen die Pläne des Kiesunternehmens Birkenbühl zu protestieren. Im Interview erläutert Peter Waldschütz die Haltung der Initiative.

Herr Waldschütz, was sagen Sie zu den Plänen des Unternehmens Birkenbühl?

Wir dürfen nicht zulassen, dass aufgrund des abgeschlossenen Abbaus von Kies und Sand in Überlingen hier im Dellenhau nun ein neues Kieswerk entstehen soll, wo dann in den nächsten 14 bis 16 Jahren Rohstoffe abgebaut werden. Davon gehen dann 45 Prozent der Fördermenge in das Frauenfelder Betonwerk von Herrn Drewing, Geschäftsführer der Firma Birkenbühl. Bevor nicht andere Vorrangsgebiete der Firma Birkenbühl gänzlich abgebaut sind, besteht kein Bedarf für Dellenhau, zumal durch günstigen Rohstofferwerb in Deutschland die Schweiz ihre Rohstoffreserven schützt.

Wie sehen Sie den Kiesabbau im Sachen Schutz von Tieren und Landschaft?

Die vorgesehene Abbaufläche liegt mitten im Landschaftsschutzgebiet und grenzt direkt an ein Landstrich, auf dem besonders schützenswerter Baumbestand steht. Staub und Lärm belasten nicht nur die Bewohner der Singener Weststadt, auch die Hygiene des Hegau Klinikums ist nicht mehr gewährleistet. Außerdem ist das Gelände ein wichtiges Naherholungsgebiet.

Der Kiesunternehmer will schrittweise renaturieren. Wie bewerten Sie das?

Die Natur kann nicht wieder so hergestellt werden, wie sie war. Zudem gibt es durch die laufende Renaturierung kaum Platz für eine Kiesaufbereitungsanlage. Das erhöht die ohnehin schon drohende immense Zahl an Laster-Fahrten. Die sind auch nötig, um die riesigen Löcher zu verfüllen.

Wie geht es weiter?

Wir werden weiter Einsprüche sammeln und sie dem Regierungspräsidium Freiburg vorlegen. Wir sind guter Dinge, Einfluss zu nehmen, sodass der Kiesabbau im Dellenhau nicht zum Zug kommt. Neben den Einwänden der Gemeinden Singen, Rielasingen-Worblingen und Gottmadingen gibt es schon weitere Einsprüche.

Fragen: Albert Bittlingmaier