Bei Spaziergängen im Hegau fühlt man sich oft weit in die Vergangenheit zurückversetzt. Die hohen Wälder auf den erloschenen Vulkanen wirken noch älter als die Ruinen, die sie umgeben, und wenn man von einem der Berge über das hüglige Mosaik aus Feldern und Waldstücken blickt, könnte man meinen, dass irgendein Burgvogt vor 500 Jahren ungefähr denselben Ausblick genossen haben muss.

Während in anderen Landschaften spätestens mit der Industrialisierung offensichtlich kein Stein auf dem anderen blieb, verbinden viele den Hegau mit Beschaulichkeit und Kontinuität.

Alles idyllisch? Weit gefehlt, sagt der Professor

Der Vortrag, den der Forstwirtschaftsprofessor Rainer Luick im Rahmen der Mitgliederversammlung des Hegau­ Geschichtsvereins in der Stadthalle hielt, sollte die gegensätzlich anmutenden Begriffe "Natur" und "Kultur" am Beispiel der Hegauer Landschaft näher erörtern und sagen, was die hiesige Kulturlandschaft so einzigartig macht. Das hörte sich zunächst nach einer erheiternden Veranstaltung an. Doch weit gefehlt.

Luick begann mit einer für manchen vielleicht ernüchternden Erkenntnis: "Nahezu alles, was uns in Mitteleuropa umgibt, ist Kulturlandschaft, sprich vom Menschen gemachte Landschaft." Das gilt im Besonderen für den Hegau, denn dieser weist eine besonders lange Besiedlungs- und Nutzungsgeschichte auf.

Der Mensch hat die Natur komplett verändert

Dementsprechend kritisch betrachtet Luick die Werbung diverser regionaler Tourismusunternehmen, welche den Hegau etwa als "unberührte Naturlandschaft" lobpreisen. So etwas wie "unberührte Natur" oder "Wildnis", führte der Biologe aus, gebe es in Mitteleuropa seit Jahrhunderten nicht mehr.

Gerade die Wälder Mitteleuropas sind sehr jung und in erster Linie Ergebnisse von Aufforstungsmaßnahmen ab der Mitte des 19. Jahrhunderts: Zwar war Mitteleuropa ursprünglich dicht bewaldet, doch mit weitgreifenden Rodungen im Mittelalter und der Frühen Neuzeit verschwanden geschlossene Wälder nahezu vollständig.

Einst dominierte der Laubwald

Vor 200 Jahren waren der Schwarzwald und auch der Hegau, zumindest was den Baumbewuchs anging, kahle Landschaften. Im Rahmen der Aufforstung kamen Bäume nach Süddeutschland, die in den hier einst dominierenden Laubwäldern kaum anzutreffen waren – allen voran die Fichte.

Wie es um die Vegetation innerhalb des Hegaus stand, als der Mensch seine Finger noch nicht im Spiel hatte, sei indes schwer zu bestimmen. Anhaltspunkte könnten zwei Biotope geben, welche seit dem Auftreten des Menschen wohl wenig von ihrem Charakter verloren haben: die Linden-Blockschuttwälder am Hohenstoffel sowie das Radolfzeller Aachried.

"Gärten des Todes" statt Totholz

Luick berichtete, dass sich mancher Besucher bei Führungen verblüffenderweise über das "hässliche", "unordentlich herumliegende" Totholz beschwere. Dabei ist eben dieses für eine natürliche Vegetation unbedingt notwendig.

Gut möglich, dass solchen Personen, die im Hegau immer häufiger auftretenden "Gärten des Todes", welche nicht mehr Gras, sondern kiesbedeckt sind, besser gefallen. Solche sterile Zonen seien mitverantwortlich für den rapiden Artenrückgang in Deutschland.

Luick: 90 Prozent des Hegaus leistet keinen ökologischen Beitrag

Was den Erhalt der Artenvielfallt angehe, könne der Hegau nicht als Vorbild dienen: So leisten 90 Prozent der gegenwärtigen Hegauer Kulturlandschaft keinen positiven ökologischen Beitrag. Wo sich einst Streuobstwiesen und kleinere agrarische Betriebe befanden oder Schafherden umherzogen, dominierten zunehmend mit hochtoxischem Glyphosat behandelte Monokulturen, so Luick.

Diese Entwicklungen führten unter anderem dazu, dass Amphibien im Hegau in den letzten Jahrzehnten 90 Prozent ihrer Biomasse verloren haben – Vögeln und insbesondere einer ihrer Hauptnahrungsquelle, den Insekten, geht es nicht viel besser.

Was von den Anhöhen noch idyllisch wirkt wandelt sich in Wahrheit also bereits seit Jahren in eine zunehmend leblose Ödnis? Für Rainer Luick ist jedenfalls Handeln angesagt. Sonst bekämen wir – wie Luick anmerkte – die Landschaft, die wir verdienen.