Sie hat drei Monate an der Übersetzung gearbeitet. Das Nachwort und die Anmerkungen haben eben so viel Zeit beansprucht. Insgesamt war Susanne Klingenstein acht Monate mit der Übersetzung des Romans „Die Reisen Benjamins des Dritten“ des ostjüdischen Schriftstellers Scholem Y. Abramowitsch beschäftigt, das sie in einem Gespräch mit Waltraut Liebl-Kopitzki vom Mitveranstalter Forum Allmende in der „Färbe“ vorstellte.

Neben der literarischen Gesellschaft ermöglichten die Bibliotheken Singen, die „Färbe“ sowie der Gailinger Verein für jüdische Geschichte die Veranstaltung. Diese ging auf eine Idee von Veronika Netzhammer zurück. Die langjährige Gemeinderätin und Vorsitzende des „Färbe“-Fördervereins dankte am Ende des Abends den beiden Frauen auf der Bühne unter dem Beifall des zahlreich erschienenen Publikums mit – was sonst – einem Buchgeschenk.

Klingenstein, amerikanische Literaturhistorikerin mit deutschen Wurzeln – sie wurde in Baden-Baden geboren, verbrachte Teile ihrer Kindheit am Bodensee, machte ihren Doktor in Heidelberg – ist eine disziplinierte Schafferin. In einem Vorgespräch erwähnte sie, dass sie, um der komplexen jüdischen Welt gerecht zu werden, in einem halben Jahr Russisch gelernt habe. Und davor Jiddisch und Hebräisch. Und selbstverständlich spricht sie auch Französisch. Wer sie fragt, woher sie diese Disziplin hat, dem wird sie diese Eigenschaft mit ihrer Herkunft begründen.

Seit einem Vierteljahrhundert lebt Klingenstein mit ihrer Familie in Boston. In Harvard hat sie als Professorin unterrichtet. Jetzt arbeitet sie frei. Und sie ist immer wieder am Bodensee. Ihre Mutter lebt in Wasserburg. Aber nicht nur die Mutter treibt sie hierher, auch Martin Walser, der in Nußdorf sein Haus hat. Vor einigen Jahren lernte sie den Schriftsteller kennen. Daraus entstand nicht nur eine Freundschaft, sondern eine Arbeitsgemeinschaft.

Vom Jargon zur Literatursprache

Damals trug sich Klingenstein mit dem Gedanken, eine Geschichte der ostjüdischen Literatur am Beispiel von Abramowitsch zu schreiben, der 1835 in dem ukrainischen Nest Kopyl bei Minsk geboren wurde und 1917 in Odessa starb. Der größte Autor der jiddischen Literatur, der sich das erzählerische alter ego „Mendele der Buchhändler“ zulegte, hat zunächst in Hebräisch geschrieben, das aber nur Intellektuelle und Gebildete lesen konnten. Um mehr Menschen zu erreichen, aber auch um die Sprache der einfachen Leute aufzuwerten, schrieb er fortan seine Bücher in Jiddisch. Abramowitsch hat das Jiddische, das Franz Kafka noch als Jargon bezeichnete, zur Literatursprache gemacht. Darin liegt seine Bedeutung, wie Klingenstein temperamentvoll und stehend ausführte.

„Die Reisen Benja­mins des Dritten“ von Scholem J. ­Abramowitsch ist erhältlich bei den Hanser Literatur­verlagen und kostet 28 Euro
„Die Reisen Benja­mins des Dritten“ von Scholem J. ­Abramowitsch ist erhältlich bei den Hanser Literatur­verlagen und kostet 28 Euro. | Bild: Hanser Verlag

Aber noch einmal zurück zu Walser. Angeregt durch ihr Buchprojekt „Leben und Werk des Sholem Yankev Abramowitsch“, begann er eigene Studien und veröffentlichte 2014 zeitgleich mit ihrem Opus magnum den Essay „Shmekendike blumen“, in dem er dem jüdischen Schriftsteller ein Denkmal setzt. Beide Bücher wurden 2014 in Überlingen vorgestellt, anschließend ging das Duo auf Lesereise. Und wie es so ist, entstand daraus ein weiteres Klingenstein-Buch, „Wege mit Martin Walser“ – das sie 2016 ebenfalls in der „Färbe“ vorstellte.

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Damals dauerte die Veranstaltung drei Stunden. Das ging jetzt kürzer. An Spannung und Dynamik ließ der Abend dennoch nichts zu wünschen übrig. Klingenstein beantwortete nicht nur die Fragen der Moderatorin, ihre Antworten kamen kleinen Vortragsreisen in jüdische Geschichte und Literatur gleich. Dass sie ausgerechnet „Die Reisen Benjamins des Dritten“ als Übersetzungsarbeit ausgewählt hat, und nicht Romane wie „Der Wunschring“ (1865) oder „Der lahme Fischke“ (1869), um zwei andere Titel von Abramowitsch zu nennen, erklärte sie mit der literarischen Qualität dieses witzigen und zugleich berührenden Romans. Eine 1937 veröffentlichte Übersetzung sei unvollständig gewesen, das schmerzte. Und als sich im Hanser-Verlag die Gelegenheit einer Neuübersetzung in einer moderneren Sprache bot, habe sie die Arbeit gerne übernommen.

Roman über einen Fluchtversuch

Klingenstein führte in der „Färbe“ in den Inhalt des Romans ein und las daraus einige Passagen: Benjamin, der Held des Buchs, lebt im ukrainischen Hinterland. Er hasst die Enge seines Dorfes und seiner Ehe, liebt alte Reiseberichte und träumt von einer eigenen triumphalen Reise auf den Spuren Alexanders des Großen, von der er berühmt und als Erlöser der russischen Juden zurückkehren wird. Er überredet in der Folge seinen Freund Senderl mit ihm auszubüxen und zusammen reisen sie wie Don Quichote und Sancho Pansa im Roman von Miguel de Cervantes, von Missgeschicken verfolgt, durch die jüdische Provinz.

Riskante politische Satire

Als der Roman 1878 in Wilna erschien, erkannten jiddische Leser sofort, dass es sich hier um eine riskante politische Satire handelt, in der die Aussichtslosigkeit der Lage der russischen Juden im 19. Jahrhundert elegant umschrieben wird.

Das Nachwort Klingensteins skizziert das historische und literarische Umfeld und zeigt auf, warum Abramowitsch zu den großen Autoren europäischer Literatur gehört und in diesem Kontext gelesen werden sollte. Die Literaturwissenschaftlerin nahm dazu eine Frage von Liebl-Kopitzki auf, ebenfalls promovierte Germanistin, inwiefern der Roman, der eine unbekannte Welt beschreibt, überhaupt verstanden werden kann. Ihre knappe Antwort mit einem Walser-Zitat: „Jeder liest sein Buch“.

Seelenverwandtschaften

Klingenstein hat in diesen Tagen Walser nicht nur den obligatorischen Besuch abgestattet, wie sie im Nachgespräch erzählte, sondern auch seine Novelle „Mein Jenseits“ von 2011 wiedergelesen. Und dabei sei ihr wieder klar geworden, wie wahlverwandt Walser und Abramowitsch seien: „Beide sprachgewaltig und höchst genaue und häufig unbarmherzige Beobachter menschlicher Schwächen. Sie sind auch Idealisten.“ Abramowitsch sei im Übrigen kein einfacher Mensch gewesen. Er konnte sich oft nicht beherrschen; darin sei Walser ihm ähnlich. Aber beide könnten ungeheuer großzügig sein. Doch das Persönliche zähle letztlich nicht. Was bleibt, sei das Werk.

Zum Schluss las Klingenstein das Vorwort zu „Die Reisen Benjamins des Dritten“, das in der Übersetzung von 1937 fehlte, zuerst in deutscher, dann in jiddischer Sprache. Wie das war? Eindrucksvoll. Wie der ganze Abend. Unter den Zuhörern: OB Bernd Häusler, der Malerdichter Bruno Epple, der auch einige Fragen an die Übersetzerin hatte, sowie Arnold Stadler. Der Büchner-Preisträger hatte bereits vor zehn Jahren Klingenstein in Boston kennen gelernt. Damals war er der Vorleser…