Was passiert, wenn ein Ladendieb kalte Füße bekommt? Wenn er seine Beute zurücklässt und das Geschäft dann doch ohne Diebesgut verlässt? Eine solche Szene hat sich im Februar im Real-Markt im Singener Industriegebiet abgespielt. Ein halbes Jahr später galt es am Amtsgericht zu klären, ob es sich bei dem beschriebenen Fall um Diebstahl handelt oder nicht.

Ein Polizist und der damals diensthabende Ladendetektiv traten im Verlauf der einstündigen Verhandlung als Zeugen auf. Aus ihren Beschreibungen ergab sich übereinstimmend, dass der Täter nicht alleine gehandelt hatte, sondern, dass er von seinem im Gerichtssaal anwesenden Bekannten unterstützt worden war. Anhand der Zeugenaussagen lässt sich folgender Tatverlauf skizzieren:

Einer der zwei Männer, die an jenem Februartag zusammen das Geschäft betreten hatten, ließ – beobachtet von den Kameras des Ladendetektivs – eine 120 Euro teure Bluetooth-Lautsprecherbox in seinem Hosenbund verschwinden. Sein Begleiter gewährte ihm Sichtschutz. Während einer der Männer die Spinne genannte Alarmsicherung von dem Lautsprecher entfernte, versteckte der andere die Verpackung der Box hinter einem Regal. Ein gewöhnlicher Diebstahlversuch? Nicht ganz.

Diebstahl oder nicht?

Denn abseits des Sichtfelds der Überwachungskameras kam es zum Sinneswandel. Scheinbar kamen den Männern Skrupel. Anstatt direkt den Ausgang anzusteuern und mit der Beute das Geschäft zu verlassen, entschieden sie sich, die Box in einer anderen Abteilung des Geschäfts zurückzulassen. An der Kasse kauften sie sich zwei Dosen Bier und wollten gerade die Filiale verlassen, als sie am Ausgang vom Ladendetektiv konfrontiert wurden. Zunächst stritten die Beiden ab, etwas gestohlen zu haben. Als die Polizei hinzugerufen wurde, führten sie die Beamten zu der im Laden deponierten Box.

Diebstahl oder nicht? Derjenige der beiden Männer, der seinem Bekannten Sichtschutz gewährt hatte, war zuversichtlich genug es darauf ankommen zu lassen. Nachdem er einen Strafbefehl mit der Aufforderung erhalten hatte, 400 Euro zu zahlen, legte er Einspruch ein. Zu Beginn der Verhandlung schilderte er seine Sicht der Dinge: Auf sein Hinwirken habe sein Bekannter sich ja erst dazu entschieden, die Box zurückzulegen, argumentierte er. Außerdem habe er die Polizisten bereitwillig zum Standort der Box geführt. Ihm sei also nichts vorzuwerfen.

Die Interpretation der Staatsanwältin hätte unterschiedlicher kaum sein können. Der Diebstahl sei in jenem Moment abgeschlossen gewesen, in dem die Alarmsicherung von der Box entfernt wurde. Das im Gerichtssaal vorgeführte Video beweise zudem die Mittäterschaft des Mannes. Die Staatsanwältin stellte dem Mann sogar in Aussicht, dass die ursprünglich vorgesehene Strafe von 400 Euro erhöht werden könne, da er mittlerweile einen festen Arbeitsplatz habe. Sie forderte eine Strafe in Höhe von 2700 Euro, machte ihn aber darauf aufmerksam, dass immer noch die Möglichkeit bestehe, den Einspruch zurückzuziehen. Das zeigte Wirkung. Mit gesenktem Kopf willigte der Mann ein, die ursprüngliche Strafe in Höhe von 400 Euro zu zahlen. Ein Urteilsspruch war danach nicht mehr nötig.