Rund 200.000 Kirchenaustritte verbuchte die evangelische Kirche im Jahr 2017, aber auch Bildungs- und Kultureinrichtungen sowie der Politik kommen die Menschen abhanden. Das muss nicht so sein, denn dass beispielsweise die Kirche ein ebenso witziger wie spirituell anregender Raum sein kann, wurde an den Rändern einer Podiumsdiskussion am Freitagvormittag in der Singener Lutherkirche deutlich.

Zu Beginn zeigten Britt Manegold und Bene Appel mit einer Kombination aus Ball-Jonglage und Glaubensdebatte, wie man gleichermaßen Hirn und Herz erreicht. Am Ende fielen dann noch jazzige Anklänge aus dem seltenen Zusammenspiel von Orgel und Trompete von der Empore – so wünscht man sich Kirche!

Aber auch der Mittelteil war nicht ohne. Auf dem Podium diskutierte ein Quintett, das auf den ersten Blick nur wenig miteinander zu tun hat. Und doch eint den Landesbischof Jochen Cornelius-Bundschuh, den Landrat Frank Hämmerle, die Konstanzer Universitätsrektorin Kerstin Krieglstein sowie Insa Pijanka als Intendantin der Südwestdeutschen Philharmonie und Ralph Schiel als Geschäftsführer der Werteagentur "naturblau" mehr als man vermutet: Allesamt befinden sich auf der Suche nach zeitgemäßen Wegen zu den Menschen.

Endlich mal keine Dampfplauderei

Bei der Frage, wie in einer hoch individualisierten Welt mit starken Zentrifugalkräften ein gemeinsamer Nenner gefunden werden kann, setzte Moderator und TV-Regio-Programmchef Stefan Kühlein ein in den meisten TV- Talk-Runden nur noch selten angewandtes Mittel ein: Er ließ die Podiumsteilnehmer reden, was die Runde wohltuend von der sonst lautstarken Dampfplauderei ähnlicher Formate abhob.

Hochkultur? Nein, danke...

Am Ende ließ sich ein Fazit ziehen: Egal ob in Sachen Glauben, Kultur und Bildung oder Politik unterwegs – die Erreichbarkeit der Menschen ist immer dann am größten, wenn diese aufs Wesentliche zurückgeworfen werden. Jochen Cornelius-Bundschuh beispielsweise hat die Erfahrung gemacht, dass sich Glaubensfragen nicht zwangsläufig in der Kirche stellen, sondern eher im Krankenhaus bei einem Herzinfarktpatienten – also habe Kirche dort hinzugehen.

Ähnlich die Botschaft von Insa Pijanka: Die Intendantin der Konstanzer Philharmonie hat's nicht so mit der Hochkultur, denn diese Begrifflichkeit baue nur Barrieren auf. Wie der Landesbischof plädiert sie für die Besinnung aufs Wesentliche. "Hören kann jeder", sagt sie – es ist ihr Weg zu den Menschen.

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Für Kerstin Krieglstein ist solche Lebensnähe ebenfalls der Königsweg bei der zeitgemäßen Definition von Universitäten, was sie im Imperativ "Runter vom Lehrstuhl!" zusammenfasst. Ein Uni-Verständnis als Station zu beruflicher Erfüllung jedenfalls greift ihrer Ansicht nach zu kurz, nötig sei die dauerhafte Implantierung als kritische Instanz.

An dieser Kultur arbeitet auch Ralph Schiel, dessen Beratungsgeschäft in Sachen Werteorientierung um die Frage kreist, wem man heutzutage eigentlich noch glauben kann: Google, der Bibel, der Wissenschaft?

Landrat fühlt sich mitten drin im Alltag

Das größte Wohlbefinden in der Runde strahlte Landrat Frank Hämmerle aus. Er wähnt sich und seine Behörde mitten im Alltag der Menschen und um den Ausbau größerer Nähe fürchtet er nicht wirklich. Die Zunahme von Aufgaben werde dafür sorgen, dass die Beteiligung der Bürger an administrativen Vorgängen automatisch wächst.