Mehr als 200 fast ausschließlich weibliche pädagogische Fachkräfte aus dem gesamten Landkreis folgten der Einladung der Stadt Singen zum Vortrag „Familienkulturen erkennen und anerkennen“ von Berrin Özlem Otyakmaz. Die in der Türkei geborene und im Ruhrgebiet lebende Entwicklungspsychologin hat sich darauf spezialisiert, unterschiedliche Familienkulturen zu vergleichen und Schlüsse für den Umgang mit kulturbedingten Erziehungsunterschieden zu ziehen.

Erwartungen fast sieben Jahre auseinander

In ihrem Vortrag erläuterte Otyakmaz zunächst, wie unterschiedliche Stile und Erwartungen in der Kindeserziehung entstehen. Menschen entwickelten Ideen und Handlungsmuster abhängig von der Kultur und dem Umfeld, das sie umgibt. So entständen unterschiedliche Vorstellungen und Überzeugungen. Umfragen zufolge fänden beispielsweise deutsche Frauen, dass Kinder durchschnittlich mit drei Monaten alleine schlafen sollten. Indische Mütter hingegen würden dies von ihren Kindern erst mit sieben Jahren erwarten. So lägen die Entwicklungserwartungen in unterschiedlichen Kulturen teilweise Jahre auseinander.

Der Westen fördert so früh wie möglich

Grundsätzlich ließe sich feststellen, dass in westlichen Kulturen die Meinung vorherrsche, Kinder so früh wie möglich zu fördern. In Extremfällen führe dies zum Vorspielen klassischer Musik bereits im Mutterleib. In der Türkei, China, Indien oder Japan dagegen hielte man Kinder in den ersten drei bis vier Lebensjahren für passive, abhängige Lebewesen, die noch nicht fähig seien, Dinge zu verstehen, und die für ihr Handeln nicht verantwortlich gemacht werden könnten. Bei solch unterschiedlichen Überzeugungen scheint der Konflikt zwischen den Kulturen vorprogrammiert.

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Zur Lösung trägt aus Sicht der Psychologin bei, den anderen Vorstellungen von Entwicklung und Erziehung mit Offenheit und Respekt zu begegnen und auf sie im Rahmen der Möglichkeiten Rücksicht zu nehmen. Den Kindern würde es dabei in der Betreuung helfen, wenn sie ihnen vertraute Elemente im neuen Umfeld wiederfänden. Das Vertrauen und Verständnis zwischen den pädagogischen Fachkräften und den Familien sei dabei grundlegend.