Jeder Musikliebhaber kennt Momente, in denen Hörgewohnheiten mit einem Mal aufgesprengt werden und sich ihm neue Türen öffnen. Plötzlich erkennt man Dinge und Strukturen, die davor einen unzusammenhängenden, fremden Eindruck machten. Meistens geschieht dies auf Live-Konzerten. Wer es sich kürzlich im Kunstmuseum Singen vor der riesigen, als Bühnenbild fungierenden Installation mit dem Titel "Iko Iko" bequem machte, hatte gute Chancen, einen solchen Schlüssel in die Hand gedrückt zu bekommen.

Verantwortlich hierfür waren: der vom Bodensee stammende Gitarrist und Komponist Sascha Henkel, seine Mitmusiker Andreas Weber (Kontrabass) und Tobias Delius (Saxophon, Klarinette) sowie – last but not least – die vom Kunstmuseum getragene Veranstaltungsreihe "Kunst&Live", der es gelang, das Trio auf die Bühne zu holen.

Renommierte Musiker

Bei Kennern der zeitgenössischen europäischen Jazzszene dürften angesichts dieses Aufgebots die Synapsen funken. Der studierte Gitarrist und Komponist Henkel machte sich vor allem in der Berliner Jazzszene einen Namen.

Aus dieser Zeit rührt auch der Kontakt zum gebürtigen Briten Delius, welcher schon mit Steve Lacy und Bill Frisell musizierte und von dem die wochenzeitung Die Zeit einmal behauptete, sein Spiel sei das neue, "große Ding" des Jazz. Der Bassist Weber stammt aus Zürich, stand mit ebenso vielen namenhaften Musikern auf der Bühne (Joachim Kühn, Simon Nabatov) und komponierte bereits für die Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia.

Die Raumakustik ändert das Programm

Eigentlich war geplant, Stücke auf Basis von Henkels Kompositionszyklus "Options" zu spielen, die sich zwischen den Sphären der Komposition und Improvisation bewegen – jedoch entschieden sich die Musiker kurzfristig für ein rein improvisiertes Set, um besser auf die besondere Akustik in dem recht hallenden Raum eingehen zu können: Mit einem schrillen Saxophonton, der durch die erwartungsvolle Stille auf den vollbesetzten Plätzen schnitt, eröffnete Delius das Konzert.

Dann setzte Henkel auf seiner selbstgebauten Gitarre und mit einer an Meditation grenzender Fokussiertheit ein, ehe Weber, ein Hüne mit Lemmy Killmister-Bart, die Maschinerie vollends ins Rollen brachte.

Von den ausbrechenden Solopassagen abgesehen, hatte man bald nur noch ein Ohr für die Klanglandschaft, die sich vor einem entfaltete. Ruhige, luzide Passagen, die einen an Ambientstücke Brian Enos denken ließen, türmten sich mal ganz plötzlich, mal fließend zu hohen dynamischen Wellen auf.

Ein spannendes musikalisches Gespräch

Die aufmerksamen Blicke, die sich die Musiker ständig zuwarfen, verrieten eine instinktive Fähigkeit zur musikalischen Kommunikation und eine Begeisterung daran, die ansteckend wirkte. Man hatte das Gefühl einem Gespräch in einer Sprache beizuwohnen, die sich jeden Augenblick neu erfand.

Offene und herzliche Gespräche beim Apéro

Dass der etwa eineinhalbstündige Auftritt auf das Publikum einen tiefen Eindruck gemacht haben muss, verrieten der lange Applaus sowie die regen Fragen an die Künstler beim anschließenden Apéro im Museumsfoyer. Hier erlebte man ungemein offene und herzliche Musiker, die mit der gleichen Begeisterung von der Rockband Rage Against the Machine wie von Jazzlegende John Coltrane sprechen.

Musikbegeisterte mit Lust auf neue Eindrücke haben die Chance, Henkels atmosphärisches Spiel am 1. Dezember in Konstanz (Jazzclub), am 7. Dezember an der FWW Wahlwies und am 21. Dezember in Stockach (Bücher am Markt) zu erleben. Es sei ihnen wärmstens empfohlen.