Er tut es. Nachdem Dantanio Goodman einige Minuten zuvor den "Moonwalk" gemeistert hat, wagt er sich jetzt einen Schritt weiter. Denn was der Name des Tanzmanövers nur andeutet, wird mit einem Mal Wirklichkeit: der Sieg über die Schwerkraft. Im Takt von Michael Jacksons aufpeitschendem Rock-Krimi "Smooth Criminal" lehnen sich Goodman und seine Background-Tänzer Zentimeter um Zentimeter in Richtung Bühnenboden – bis sie fast waagrecht zu schweben scheinen. 1100 Zuschauer in der Singener Stadthalle jubeln.

Vielleicht ist es das, was am Ende der zweieinhalbstündigen Musical-Show "Beat it!" haften bleibt: Die Art, mit der Michael Jackson jahrzehntelang sein Publikum zu fesseln wusste, ist kein alter Hut. Im Gegenteil. Sein Mode-, Tanz- und Gesangsstil schafft auch zehn Jahre nach seinem Tod Momente, die einem den Atem rauben. Und das obwohl am Sonntagabend gar nicht Jacko persönlich, sondern ein junger Mann auf der Bühne steht, der seine Bewegungen und Manierismen kopiert. Und wie.

Bis zum Griff in den Schritt

Von der Art, wie Dantanio Goodman den schwarzen Jackson-Hut aufsetzt, über die dramatischen Atemgeräusche, bis hin zu dem in den Neunziger Jahren skandalträchtigen Griff in den Schritt: Der Südafrikaner atmet die Rolle des King of Pop. Und damit ist Goodman nicht alleine. In den ersten Szenen des Musicals liefert Koffi Missah eine ebenso überzeugende Interpretation des jungen Michael. Damals noch mit dunkler Hautfarbe und Afrofrisur war der Sänger in den frühen Siebzigern das strahlende Gesicht der Jackson 5 – jene familieneigene Boyband, die Jacksons Vater Joseph mit eiserner Hand und notfalls mit Gürtel und Rohrstock zu führen wusste.

Wie sich Michael Jackson als junger Mann vom Einfluss seiner Familie emanzipierte und inspiriert von Vorbildern wie dem französischen Pantomimen Marcel Marceau einen – scheinbar – unnachahmlichen Stil kreierte; wie er zum größten Star der Welt wurde, Mädchen reihenweise zum Kollabieren brachte und die Auflage von Boulevardmagazinen in ungekannte Höhen katapultierte: All das bildet in den darauffolgenden Minuten die Handlung von "Beat it!". Zumindest lässt sich diese Absicht der Musical-Macher anhand der spärlich zwischen den Tanz- und Musikdarbietungen eingestreuten Szenen ablesen. Einen greifbaren dramaturgischen Faden gibt es allerdings nicht.

Wie man es aus dem Musikvideo kennt: Bis ins kleinste Detail setzen die Musical-Darsteller Jacksons Performance um.
Wie man es aus dem Musikvideo kennt: Bis ins kleinste Detail setzen die Musical-Darsteller Jacksons Performance um. | Bild: Allgäu Concerts

Anfangs wird zwar die Figur der Diana Ross (verkörpert von Meimouna Coffi) eingeführt, die Kommentare der Sängerin helfen aber nicht wirklich, die narrativen Lücken zwischen den beeindruckenden Tanz- und Gesangsszenen zu schließen. Von dem Menschen Michael Jackson erfahren die Zuschauer wenig bis nichts. Kein Wunder: Er darf ja auch nicht sprechen. Goodman singt, springt, tanzt und rockt zwar, dass es eine Freude ist, in den dramatischen Szenen bleibt er jedoch stumm und somit blanke Projektionsfläche.

Stattdessen spricht Diana Ross – und zeichnet dabei in groben Strichen ein Bild, das einem aus Märchen und Disney-Filmen bestens bekannt sein dürfte: Ein Held, dem von Geburt an ein großes Schicksal vorherbestimmt ist, will die Welt zu einem besseren Ort machen und muss sich dabei gegen böse Kräfte zur Wehr setzen. Die Rolle der Antagonisten nehmen in "Beat it!" die in schwarz-weiß gekleideten Pressevertreter ein. Sie setzen dem Popstar mit im besten Fall überdramatisierten, im schlimmsten Fall erfundenen Geschichten zu. Und unser Held leidet. Bis er sich mit einer epischen Performance des "Earth Song" befreit. Mit diesem Triumph endet "Beat it!".

Kein Interesse an Nuancen

Jacksons eher uninspirierende letzte Karrierejahre ignoriert das Musical. Ebenso seine erschreckende optische Wandlung im Laufe der Zeit. Von den aktuell wieder aufkeimenden Vorwürfen des Kindesmissbrauchs fehlt sowieso jede Spur. Stattdessen widmet Dantanio Goodman die Zugabe "Heal the World" all den Kindern dieser Welt.

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Nicht nur mit dieser Entscheidung machen die Schöpfer des Musicals deutlich, dass sie kein Interesse an einer nuancierten Betrachtung des großen Entertainers haben. Für sie bleibt Michael Jackson frei von jeglichem Makel – ein unfehlbarer Streiter im Kampf für das Gute.