Die Stadt Singen ist der Amerikaner unter den Kommunen am westlichen Bodensee. Der hier verwurzelte Optimismus erschließt sich aus der Geschichte, die das Dorf erst 1899 zur Stadt machte und seither den nicht einmal 4000 Seelen zählenden Ort zu einem prosperierenden Melting-Pot mit nahezu 50 000 Einwohnern anwachsen ließ. So etwas geht nicht ohne Can-Do-Geist.

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Beispiele gefällig? Der Bau des Cano war umstritten. Also gab’s einen Bürgerentscheid – die Sache war damit geklärt und alles in allem braucht’s von der Idee bis zur Eröffnung des Einkaufszentrums sechs Jahre. In Radolfzell war ein ähnlich bedeutsamer Bürgerentscheid für die Katz’: Nach 15-jähriger Planung drücken Gemeinderat und Stadtverwaltung bei der Seetorquerung gerade die Reset-Taste.

Oder das Conti: 1968 galt der Neubau als Symbol für den Ehrgeiz der Stadt, doch dann stand es nur noch im Weg. Räte und Stadtverwaltung machten kurzen Prozess und als es beim Abriss zu einer Verzögerung von ein paar Monaten kam, wurden die Singener schon nervös. In Konstanz – so der Eindruck – gibt es dagegen nur Platz für Neubauten, wenn die historischen Gebäude von selbst einstürzen.

Nicht lange gefackelt wird nun auch bei der Knöpfleswies, die Politik reagiert gemäß des historischen Musters. Dass es dabei ausgerechnet das ökologisch durchdachte Lebenswert-Projekt trifft, ist nicht mehr als eine ironische Fußnote. Die Marschrichtung und das Tempo aber sind richtig, zumal es für das Bauprojekt durchaus die Chance einer Realisierung an anderer Stelle geben kann. Gut möglich, dass OB Häusler persönlich lieber die Gärten geopfert hätte. Aber da sich abzeichnet, dass es dafür keine Mehrheit im Gemeinderat gibt, verkämpft er sich nicht. Wozu auch? Die Stadt hat Aufgaben genug.

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Die sich für die Gemeinderatssitzung abzeichnende Ablehnung der Knöpfleswies-Bebauung ist dabei wegweisend. Dass das Dach des Bahnhofsvorplatzes ohne Grün auskommen wird oder etwa die Möglichkeiten des Klimaschutzes bei bestehenden Bauprojekten nicht voll ausgeschöpft wurden – geschenkt! Aber was künftig gemacht wird, muss stets auf der Basis des Klimagutachtens entschieden werden.

Und das heißt: Die fürs Frühjahr vorgesehene Umgestaltung der Straße Im Iben zur Radstraße darf kein Einzelfall bleiben. Vorbild muss das sich zur europäischen Fahrrad-Hauptstadt entwickelnde Kopenhagen sein, das bis 2025 die CO²-Neutralität anstrebt und dabei sehr gut unterwegs ist. Das heißt auch: Grün muss her, wo immer es geht, auf Dächer, an Fassaden und es beinhaltet auch Überprüfungen, ob die städtischen Pflanzsatzungen in privaten Gärten umgesetzt werden. Und wenn künftig gebaut wird, dann bitte nicht mehr unter den Standards eines Lebenswert-Projektes. Apropos: Wozu braucht’s in der neuen Welt noch weitere Parkhäuser?

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Ist das vermessen? Ausgerechnet die gewachsene Industrie- und Autostadt Singen als Kopenhagen-Ableger? Nun, der Fridays-for-Future-Generation wird’s recht sein. Notwendig dafür ist ruhige Entschlossenheit gepaart mit Risikobereitschaft und Optimismus. Wenn jemand darüber verfügt, dann die Stadt Singen. Denn wie gesagt: Singen ist der Amerikaner unter den Kommunen am westlichen Bodensee.

Hintergründe und Meinungen zum Bauboom und dem Projekt auf der Knöpfleswies

  • Zur Debatte: Als Reaktion auf den Bedarf an Wohnungen hat eine enorme Bautätigkeit eingesetzt. Alles in allem befinden sich in Singen derzeit rund 800 Wohnungen im Bau oder in der Planung. Während anfänglich die Frage nach der Berücksichtigung bezahlbaren Wohnraums im Vordergrund stand, ergeben sich jetzt weitere Fragestellungen. Beim Wohnbauprojekt Lebenswert kollidieren mehrere Interessen. Der Grünbereich ist ein angestammter Treffpunkt für die Gartenpächter, ist von daher von hoher sozialer Relevanz, und außerdem rückt die Bedeutung von Grünbereichen für das Mikroklima ins Bewusstsein. Auf der anderen Seite steht der nach wie vor hohe Wohunungsbedarf sowie der Bedarf an neuen Wohnformen.
  • Eckhardt Treptow hält angesichts der aktuellen Bautätigkeit Zurückhaltung bei weiteren Bauprojekten für angebracht. Der Geschäftsführer der Treptow Immobilien GmbH ist seit mehr als 40 Jahren auf dem regionalen und insbesondere Singener Wohnungsmarkt tätig. Er sieht den akuten Bedarf an Wohnraum, allerdings bleibe abzuwarten, ob über die derzeit im Bau befindlichen beziehungsweise geplanten Wohnungen hinaus noch zusätzliche Großprojekte nötig sind. „Da kann der Markt auch schnell etwas überhitzen“, meint er.
  • Michael Kolb arbeitet am Projekt Lebenswert mit. Aus Sicht des Architekten sollte die Nachverdichtung das Thema heutiger Stadtplanung sein, insbesondere mit Blick auf den Klimaschutz: „Um die Versiegelung weiterer Flächen einzudämmen, Agrarland und Naturlandschaft zu schützen.“ Die Knöpfleswies bedürfe keiner neuen Infrastruktur. Die Gärten seien in den Planungen aufgegriffen, sie würden zu grünen Innenhöfen konzentriert. „Die Gasse durchs Quartier hat das Potenzial, zum Zentrum der Nordstadt zu werden.“
  • Wir machen Demokratie: Ziel der Serie „Wir machen Demokratie“ ist die Förderung des Interesses an der Lokalpolitik und damit an den Kommunalwahlen am 26. Mai. Heute werden in einem Pro und Kontra der Redaktion die Eckpunkte der Wohnbaupolitik in Singen am Beispiel der Debatte um die Nutzung des in städtischem Eigentum befindlichen Areals Knöpfleswies in der Nordstadt vorgestellt. Das Gelände war zunächst für die Umsetzung eines modellhaften Wohnbauprojektes vorgesehen. Eine Bürgerinitiative lehnt dies ab und begrüßt die sich abzeichnende Tendenz im Gemeinderat für den Erhalt der Grünanlagen. Die Stadträte diskutieren das Thema am Dienstag, 26. Februar, ab 17 Uhr im Ratssaal des Rathauses.