Herr Fischer, was wissen Sie über die Anfänge vor 130 Jahren?

Peter Fischer: Mein Großvater Carl hatte das damals vergleichsweise neue Haus in der Scheffelstraße 4 gemeinsam mit seinem Bruder Emil gekauft. Anfänglich war dort noch die ­Kaiserliche Reichspost untergebracht, weshalb man sich in den ersten sechs Jahren auf das Obergeschoß beschränken musste, bevor 1892 Carl und meine Großmutter Anna ins Erdgeschoss umziehen und dort das Geschäft betreiben konnten.

Was gab es damals zu kaufen?

Peter Fischer: Ursprünglich starteten meine Großeltern mit dem Umarbeiten von Militärmänteln. Doch schon bald gab es die erste Konfektionskleidung. Wie Sie an unseren historischen Inseraten sehen, wurden „Herrenkleider und Knaben-Anzüge“, aber auch „Jaquetts, Mantelets, Paletots und wasserdichte Gummikragen“ verkauft. 1922 haben dann meine Großeltern das Geschäft an meine Eltern Willy und Sophie weitergegeben.

Wie haben Ihre Eltern das Geschäft durch den Zweiten Weltkrieg gebracht?

Peter Fischer: Das war eine sehr schwere Zeit, denn das Haus wurde teilweise ausgebombt. Doch ab 1956 ging es wieder aufwärts. Wir hatten mit zehn Fenstern eine großzügige Fensterfront und noch im selben Jahr die erste Freiluft-Modenschau. Das Wirtschaftswunder bescherte den Menschen endlich wieder Geld für Mode und gutes Aussehen.

Hatten Sie damals bereits Pläne, das Unternehmen zu übernehmen?

Peter Fischer: Ich war der einzige Sohn, und es wurde einfach vorausgesetzt, dass ich irgendwann in das Geschäft eintrete. Entsprechend machte ich nach dem Wirtschaftsabitur eine Ausbildung zum Textilfachmann, arbeitete in Zürich und Hamburg und sogar in Johannisburg/Südafrika. Dort erreichte mich dann 1966 der Anruf meiner Eltern, dass ich dringend nach Hause kommen müsse, weil es einen Brand im oberen Teil der Scheffelstraße gegeben habe und nun das ganze Geschäft umgebaut werden müsse. Dies sollte ich als zukünftiger Geschäftsführer begleiten, was ich natürlich auch gerne tat. 1972 habe ich gemeinsam mit meiner Frau Renate die Geschäftsleitung mit dem Ziel übernommen, das Angebot auf Designer-Mode zu konzentrieren.

War das nicht riskant in der Arbeiterstadt Singen?

Peter Fischer: Ja, aber wir haben darauf gesetzt, mit unserem Konzept neue Kunden aus der weiteren Umgebung zu gewinnen. Damals gab es in der Region noch kein vergleichbares Modehaus mit jenem individuellen Service, den wir unserer Klientel seither bieten. Unsere Inserate in der südwestdeutschen Presse sowie in Schweizer Medien machte unser neues Sortiment bald genauso bekannt wie die regelmäßig stattfindenden Modenschauen mit bis zu 300 Gästen in dem bekannten Hotel „Traube Tonbach“ im Schwarzwald. Aber allem voran ist es dem unermüdlichen Einsatz meiner Frau zu verdanken, dass wir uns mit unserer hochpreisigen Ware langfristig etablieren konnten.

Ist es betriebswirtschaftlich riskant, Designer-Mode der Premium-Preisklasse anzubieten?

Oliver Fischer: Handel braucht immer auch eine Portion Mut zum Risiko. Aber wir kennen unsere Kunden gut und wissen recht genau, für wen wir was ordern. Das setzt allerdings eine treue Stammkundschaft voraus.

Die Sie haben?

Oliver Fischer: 95 Prozent der Kunden in unserem Singener Stammgeschäft sind Stammkunden, die sich bei uns gut aufgehoben fühlen.

Wollten Sie immer schon in das Familienunternehmen eintreten?

Oliver Fischer: Wissen Sie, bereits als Kind habe ich erlebt, mit wie viel Herzblut und Begeisterung meine Eltern trotz aller Anstrengungen bei der Sache sind. Entsprechend habe ich mich für eine solide Ausbildung entschieden und dem Modebusiness eine Chance gegeben. Und bis heute habe ich es keinen Moment lang bereut.

Fragen: Heike Strate


 

130 Jahre Mode

Das Modehaus Fischer wurde 1886 von den Brüdern Carl und Emil Fischer als „Konfektionshaus Gebr. Fischer“ eröffnet. Heute wird es von Senior-Chef Peter Fischer, 75, und seinem geschäftsführenden Sohn Oliver, 49, geleitet. Das Modehaus zieht Kunden aus dem Südwesten Deutschlands und der Schweiz an. Außer dem Stammhaus in Singen gibt es zwei Niederlassungen in Konstanz. In allen drei Häusern wird Designermode für Damen angeboten. Außerdem gibt es in Singen und Konstanz jeweils ein Geschäft für Designer-Herrenmode. Das Angebot umfasst eine große Anzahl internationaler Premium-Modemarken. Neben Oberbekleidung gibt es auch passende Accessoires, Taschen und Schuhe. Das Modehaus offeriert einen vielseitigen, kundenorientierten Service und richtet mehrmals jährlich ungewöhnliche Mode-Veranstaltungen aus. So gibt es beispielsweise regelmäßig die Möglichkeit, sich von Mode-Designern wie Thomas Rath, Iris von Arnim oder dem Designer-Duo Talbot und Runhof persönlich beraten zu lassen. Das Unternehmen beschäftigt derzeit rund 50 Mitarbeiter.