Es klingt fast schon absurd: Immer mehr Menschen entscheiden sich dazu, in ihrer Freizeit, Fremden bei Gesprächen zuzuhören. Und das ganz ohne Bild oder Video – Unterhaltung gibt es nur für das Ohr. Die Rede ist nicht vom Radio. Das Medium, das nun auch in Deutschland in aller Munde ist, ist der Podcast. Eine Serie an Audio-Dateien, die jederzeit für Zuhörer abrufbar ist und in der Regel kostenlos ist.

Jeder vierte Deutsche hört Podcasts

Laut einer Bitkom-Studie hörte im Jahr 2019 jeder vierte Deutsche die digitalen Radiosendungen. Von Comedy über Sport bis hin zu Beziehungsratgebern oder Krimi-Podcasts.

Es gibt kaum einen Bereich, über den nicht gesprochen wird. Nun wagen sich auch zwei junge Männer aus der Region an das Medium Podcast heran. Marcel Kintscher ist 22 Jahre alt und arbeitet als Wirtschaftsingenieur in Schaffhausen. Gemeinsam mit dem drei Jahre jüngeren Jan Reuter, der momentan das Abitur an der Robert-Gerwig-Schule in Singen macht, entschloss er sich dieses Jahr dazu, einen Literatur-Podcast zu starten.

Und dafür brauche es nicht viel, erklärt er: „Wir haben zwei Mikrofone, ein Schnittprogramm, ein Einleitungs- und Schlusslied sowie eine Plattform, auf der wir das Ganze dann veröffentlichen können.“

Wie sie die lesefaule Jugend verändern wollen

Die Literaturbanausen ist der Namen ihres Podcasts. „Wir wollen eine Gegenbewegung zur fantasielosen Welt der sozialen Medien schaffen“, beschreibt Jan Reuter die Idee dahinter. Seit dem 6. Dezember ist der Podcast auf der Streaming-Plattform Spotify, auf Youtube und auf iTunes abrufbar. Ein Lesemarathon ist die Grundlage des Literatur-Podcasts: In zehn Wochen lesen sie zehn Bücher, deren jeweiligen Inhalt sie an Sonntagen gemeinsam besprechen.

Für die Aufnahme tragen sie stets gelben Plüsch: Jan Reuter und Marcel Kintscher wollen mit ihrem Literatur-Podcast durchstarten.
Bild: Tesche, Sabine

„Klingt erst einmal unsexy“, kommentiert Marcel Klintscher lachend, „wir wollen aber vor allem unsere Generation, die lesefaulere Jugend damit ansprechen und wieder zum Lesen bringen.“ Der Podcast soll das Lesen nämlich keinesfalls ersetzen. Wie Jan Reuter erklärt, werde im Vorfeld jedes Buch angekündigt, das von ihnen als nächstes besprochen wird. So haben Zuhörer eine Woche Zeit, sich ebenfalls mit dem Werk zu befassen und auf anschließende Diskussionen eingehen zu können.

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Zehn Minuten Kreativität

Rund eine halbe Stunde lang dauert eine Podcast-Folge. „Dabei wird jedoch nicht einfach drauf los geredet“, schildert Marcel Kintscher. Sie folgen einer klaren Struktur: In der die ersten 20 Minuten werden Hintergrundinformationen, Wissenswertes über den Autor und inhaltliche Details zum Buch besprochen.. Außerdem wolle man zeigen, wie viel aus fiktiven Büchern im alltäglichen Leben wiederzuerkennen ist.

„In den letzten zehn Minuten lassen wir unserer Kreativität freien Lauf“, beschreibt Kintscher. Sie schreiben Gedichte aus einzelnen Begriffen der Bücher oder denken sich weiterführende Erzählungen aus. Das sei am Anfang gar nicht so einfach gewesen gibt Jan Reuter zu: „An das Sprechen ins Mikrofon musste ich mich erst gewöhnen.“ In der letzten Podcast-Folge ging es um das Buch „Brave New World“ von Aldus Huxley, „hier haben wir im Anschluss viel über die Zukunft philosophiert“, erzählt Reuter, was die Fantasie unheimlich anrege.

Zu wenige Frauen: Deshalb wurden sie kritisiert

Denn es sei genau die Fantasie, an der es der jungen Generation heutzutage fehle, meinen die beiden Podcaster: „Instagram, Facebook und Co rauben Jugendlichen die Kreativität.“ Es werde alles per Bild und Video visualisiert und bis auf die letzte Information preisgegeben. Viel Spielraum für die eigene Vorstellungskraft und Ideen bleiben dabei nicht, erläutert Marcel Kintscher. Ihren Podcast sehen sie als Gegenbewegung zu jenen sozialen Medien, auch wenn sie diese selbst zur Publizierung ihrer Podcast-Folgen nutzen. Dabei seien vor allem die Anfänge nicht einfach gewesen.

Kritik gab es  zu Beginn für die Autorenauswahl des Lesemarathons: Zuhörer bemängelten, dass es hauptsächlich männliche Autoren in die Auswahl der zehn Bücher geschafft haben. Diese sei jedoch nach Veröffentlichung der ersten Podcast-Folgen abgeschwächt. „Es gibt immer mehr Zuhörer, die unseren Lesemarathon begleiten und mitlesen. Wir hoffen, damit der Gesellschaft etwas zurückgeben zu können“, betont Marcel Kintscher.

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