Die Familie von Nezar Al Mhazem lebte an der Grenze zu Jordanien, als der Krieg tobte. Der gelernte KFZ-Mechaniker arbeitete in seiner Heimat als Bus- und Taxifahrer. 2012 sollte er einen Assad-Gegner bis zur jordanischen Grenze fahren und geriet dabei in einen Kugelhagel. Sein Fahrgast starb bei dem Attentat. Der Taxifahrer überlebt schwer verletzt. Fünf Projektile haben ihn getroffen.

Den endgültigen Beschluss zur Flucht fasst die Familie jedoch erst, nachdem Nezar Al Mhazem durch eine Fassbombe einen Unterschenkel verloren hat. Sieben Tage dauert die Flucht mit Schleppern über die Türkei bis nach Deutschland. Zusammen mit seiner Frau und fünf Kindern im Alter von sechs bis 18 Jahren kam er am 16. Oktober 2015 in Singen an. Die Familie kommt in die Sammelunterkunft in der Güterstraße.

Singener engagiert sich für die syrische Familie

Hier beginnt ein neues Kapitel. Es ist die Geschichte einer gelungenen Integration, die der frühere Geschäftsführer eines Aluminium-Verpackungsunternehmens, Wilfried Jud, erzählt. Er möchte Unternehmern, die händeringend nach Fachkräften suchen, darauf aufmerksam machen, dass Menschen, die aus Kriegsgebieten nach Singen kamen, hier mit ihrer Hilfe eine neue Heimat finden.

Von Anfang an engagierte er sich in der Singener Flüchtlingshilfe und betreute geflüchtete Familien. "Es war mehr ein Zufall, dass wir uns über den Weg liefen", schildert er seine erste Begegnung mit Nezar Al Mhazem. In der Folge sollte sich eine intensive Beziehung zwischen Jud und der syrischen Familie entwickeln.

Wir treffen den einstigen Flüchtling zusammen mit Winfried Jud und dem Busunternehmer Jörg Schmidbauer. Er betreibt die Singener Stadtbuslinien und deckt auch Strecken im Hegau ab. Alle drei Männer strahlen um die Wette, als sie die Erfolgsgeschichte langsam erzählen.

Gemeinsam wird der Grundstein für einen Neustart gelegt

Al Mhazem hat sofort erkannt, dass er die Sprache lernen musste. Erfolgreich belegte er Sprachkurse und lernte unermüdlich Deutsch. Was dann folgte, gleicht einem Husarenstück. Jud ging mit seinem Schützling zum Job-Center und kam mit einer Bewilligung für eine Weiterbildung zum Busfahrer wieder heraus.

140 Stunden Theorie und zwei anspruchsvolle Prüfungen beim TÜV und bei der IHK mussten bewältigt werden. Die Kosten für den Führerschein in Höhe von 15.000 Euro übernahm das Job-Center. "Wir wurden dort vorzüglich unterstützt", erinnert sich Jud. Nezar Al Mhazem erfüllte alle Erwartungen und bestand die Prüfungen. Jetzt musste nur noch ein Arbeitsplatz gefunden werden.

Wilfried Jud betätigte sich erneut als Türöffner, begleitete den 41-Jährigen zu Vorstellungsgesprächen bei zwei Busunternehmen. Beide hätten ihn genommen. Der Familienvater entschied sich für das Singener Unternehmen.

Im Singener Leben (fast) komplett angekommen

Jörg Schmidbauer ist hoch zufrieden mit seinem neuen Mitarbeiter, der nun schon einige Monate Fahrgäste auf sämtlichen Stadtbuslinien befördert. "Nezar Al Mhazem ist bei den Fahrgästen und den Kollegen sehr beliebt", erklärt Schmidbauer. 50 Fahrer sind mit seinen Bussen unterwegs. Schon nach neun Tagen durfte Al Mhazem alleine auf die Strecke.

Eine Umstellung war das schon, denn die Busse, die er in Syrien gelenkt hat, waren viel kleiner. Wenn Nezar Al Mhazem das erzählt, erstrahlt sein Gesicht und es spricht Dankbarkeit für die vielen Chancen aus seinen Augen. "Ich möchte gerne in Deutschland bleiben", sagt er. Jetzt fehlt für die Familie nur noch eine anständige Bleibe. Noch leben die sieben Personen in beengten Verhältnissen. Eine größere Wohnung ist bis jetzt allerdings noch nicht in Sicht.

Wie sich die Flüchtlingskrise in Singen bemerkbar machte

  • Als Ursache für die europäische Flüchtlingskrise ab 2015 wird er globalen Zunahme der gewaltsam Vertriebenen gesehen. Die Migrationsforschung hatte das lange vorhergesagt und Bevölkerungswachstum, ökonomische Ungleichheit, niedrige Einkommen, strukturelle Arbeitslosigkeit und langwierige regionale Konflikte als begünstigende Faktoren dafür genannt.
  • Der starke Anstieg im Sommer 2015 ging wesentlich auf akute Versorgungsengpässe in Flüchtlingslagern um Syrien zurück: Nachdem Staaten ihre Hilfszusagen an das UNHCR nicht eingehalten hatten, musste das UNHCR die Zahlungen an regionale Flüchtlingslager kürzen, so dass deren Versorgung großenteils den völlig überforderten Nachbarstaaten zufiel. Die Aufnehmerstaaten um Syrien konnten keine angemessene Hilfe mehr leisten.
  • Am 5. September 2015 entschied die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel in Absprache mit Ungarns und Österreichs Regierungen, dort festsitzende oder zu Fuß marschierende Flüchtlinge ausnahmsweise ohne Grenzkontrollen in Deutschland einreisen zu lassen, und sicherte syrischen Bürgerkriegsflüchtlingen ein Bleiberecht in Deutschland zu.
  • Auch Nezar Al Mhazam kam in diesem Zusammenhang nach Singen. Im Frühjahr und Sommer 2016 waren auch in Singen rund 1000 Flüchtlinge aus den Krisenherden der Welt angekommen. Sammelunterkünfte entstanden in der Kreissporthalle, in der Leichtbauhalle in der Radolfzeller Straße und in zahlreichen anderen Hallen. Über 400 ehrenamtliche Helfer engagierten sich im Helferkreis Hasylis für die geflüchtete Menschen.
  • 2017 kamen deutlich weniger geflüchtete Menschen nach Singen. Im August lebten noch 500 Flüchtlinge in der Stadt, so dass die Kreissporthalle wieder ihrer eigentlichen Bestimmung übergeben und die Leichtbauhalle wieder abgebaut werden konnte.
  • Heute ist die Zahl der neu hinzukommenden Flüchtlinge marginal. Jetzt geht es darum, die Menschen mit Bleiberecht in die Gesellschaft zu integrieren. In einigen Fällen ist das bereits gelungen. Nezar Al Mhazam ist ein gutes Beispiel dafür.