Jede Zeit hat ihre Lebensläufe und im Fall von Thomas Schulze sieht es anfänglich nach einem klassischen Berufsleben als Handwerker aus. 1982 in Konstanz geboren macht er nach der Realschule eine Ausbildung zum Bauelektriker, danach eignet er sich das Wissen eines Industrie-Elektronikers an. 2007 kommt er erstmals in Kontakt mit dem Singener Unternehmen Breyer, bei der er seit 2011 fest angestellt ist. Die Firma ist global aufgestellt, Breyer stellt beispielsweise Maschinen für Smartphone-Display-Platten oder spezielle Hightech-Folien her. Thomas Schulze fuchst sich in die Materie ein und Geschäftsführer Josef Käppeler unterstützt seinen Mitarbeiter. Er reist viel, bildet sich weiter. Seit Anfang diesen Jahres hat er seinen Hauptarbeitsplatz in der Breyer-Niederlassung in Shanghai und betreut von hier aus Serviceeinsätze für Kunden in China, aber auch in Taiwan, Korea oder Japan.

Auch in Fernost ist der Automatisierungstechniker an 26 Wochen des Jahres unterwegs und sein wichtigstes Arbeitsgerät ist der Laptop. „Die Maschinen der Firma sind zum Teil 40 Meter lang“, erklärt er, „und da sind zum Beispiel immer mal wieder Upgrades erforderlich.“ Seine technischen Spezialkenntnisse sind dabei dennoch Teil einer Team-Arbeit. In Fernost arbeitet er eng mit dem Generalmanager von Breyer zusammen, wobei es um Schnittmengen zum Kundenservice und Vertrieb geht. Teamgeist ist auch gefragt, wenn beispielsweise Kollegen aus Deutschland Neuanlagen in Asien aufstellen.

Wie sehr beim Arbeitsplatz der Zukunft die Vernetzung von individuellen Fähigkeiten nötig ist, zeigt sich im Fall von Thomas Schulze vor allem im kommunikativen Bereich. Denn sein Wissen wäre ungleich schwieriger zu nutzen, wenn er nicht auf die Dienste eines Dolmetschers zurückgreifen könnte. „In China haben die Menschen nur geringe Kenntnisse der englischen Sprache“, sagt er. Und er selbst kann sich bislang nur bruchstückhaft in Chinesisch ausdrücken, über das er vor allem durch seine in China geborene Frau verfügt. Die beiden lernten sich in Konstanz kennen und haben einen knapp zweijährigen Sohn.

Allein die Eckdaten im Leben des Thomas Schulze verdeutlichen die wahrscheinliche Entwicklung in einer globalen, hochgradig arbeitsteiligen Arbeitswelt: Neben Flexibilität und Aufgeschlossenheit, Fachwissen und der Bereitschaft zu lebenslangem Lernen sind sozial-kommunikative Kompetenzen gefragt. „Meiner Meinung nach istdie Bedeutung von fachlicher und sozial-kommunikativer Kompetenz gleichrangig“, sagt der 35-Jährige.

Als Vehikel auf dem Weg zu der Arbeitswelt 2030, die von der Lebenswelt kaum zu trennen ist, sieht er das Internet und dabei stellt er beachtliche Unterschiede fest. Für seine 71-jährige Schwiegermutter beispielsweise sei ein bargeldloser Alltag in China völlig normal, sie zahlt mit dem Telefon. In Deutschland gilt das noch als Besonderheit, dafür ist hierzulande das Internet ein selbstverständliches Informationsmedium – in China dagegen wird der Info-Fluss vom Staat reglementiert.

Der Sinn erschließt sich Thomas Schulze nicht, zumal er insbesondere die westlich geprägte Metropole Shanghai als absolut weltoffen erlebt. Und auch im restlichen China hat er noch nie Ressentiments wegen seines Status als Ausländer erfahren. Thomas Schulze ist sich bewusst, dass die Arbeitswelt von morgen stark von der Politik geprägt werden wird und wenn er an die zutage tretenden nationalistischen Tendenzen in Deutschland bei der Bundestagswahl denkt, wird ihm „geradezu schwindlig“.

Als Einzelner Teil des Ganzen

Gut möglich, dass Thomas Schulze bei Gelegenheit Christian Beirer über den Weg läuft. Der 31-Jährige ist seit drei Jahren für die Singener Firma Elma an etwa 80 Tagen im Jahr weltweit unterwegs – auch in China. Das Unternehmen nimmt eine führende Marktstellung bei hochwertigen Reinigungsprodukten samt der dafür erforderlichen Geräte unter anderem im medizinischen Bereich ein. Als Absolvent der Berufsakademie in Schwenningen für International Business war er sich schon früh bewusst, was ihn im internationalen Vertrieb erwartet. „Das ist eine Typ-Frage“, sagt er.

Die Notwendigkeit zur Weltoffenheit spiegelt sich im Fall von Christian Beirer allein durch seine Mehrsprachigkeit. Er unterhält sich mit seinen Gesprächspartnern und Kunden auf englisch, deutsch, spanisch oder französisch – in China greift auch er bei Bedarf auf Dolmetscherdienste zurück. Besonders reizvoll empfindet er bei seiner Arbeit aber vor allem die Einbindung in den gesamthaften Arbeitsprozess. Es gibt viele Schnittmengen zu anderen Abteilungen im Unternehmen, etwa zum Bereich der Produktentwicklung, aber auch zu den Geschäftspartnern. Deren Wünsche und Anregungen sind bei Elma Teil eines prozessorientierten Vorgehens, was die Arbeit für Christian Beirer zugleich komplex und interessant macht. Wie im Fall von Thomas Schulze gibt es dabei Überschneidungen zur internationalen Politik beziehungsweise internationalem Recht – zum Beispiel wenn es um Zoll-Bestimmungen, Zertifizierungen oder Embargos geht.

Digitaler Arbeitsplatz in der Verwaltung

Ines Mergel ist Professorin für Politik- und Verwaltungswissenschaften an der Uni Konstanz. Eines ihrer Fachgebiete ist die Modernisierung der öffentlichen Verwaltung. Auch dort spielt das Thema Digitalisierung längst eine Rolle.

Frau Mergel, wie weit ist die öffentliche Verwaltung bereits digitalisiert?

Derzeit befindet sie sich in der Umstellung von analog auf digital als parallele Servicedienstleistung, das bedeutet unter anderem: Papierakten werden durch elektronische Akten ersetzt. Im Moment ist das für die Bürger jedoch noch nicht unbedingt spürbar, da viele Formulare selbst wenn sie als pdf-Dokument heruntergeladen werden können, trotzdem noch ausgedruckt, von Hand ausgefüllt und in die Verwaltungsstube getragen werden müssen.

Was wäre dann der nächste Schritt?

Eine Automatisierung einiger Prozesse, die während den Lebensphasen der Bürger anstehen. Für eine Stadt wie Konstanz ist aufgrund des Umfangs der Aufgabe die Einstellung eines Beauftragen für Digitalisierung wichtig. Diese Stelle muss mit viel Budget, Kompetenz und umfassender Verantwortlichkeit ausgestattet sein, um die Digitalisierung vorantreiben zu können. Beispielsweise muss der gesamte Onlineauftritt von Städten und Gemeinden vereinfacht werden.

Und im übernächsten Schritt gibt es dann im Amt keinen Mensch mehr?

Nein, diese Sorge halte ich für unbegründet. Die meisten Vorgänge werden nicht so schnell, in manchen Bereichen nie, von Robotern übernommen werden. Selbst bis zur kompletten Umsetzung des once-only-Prinzips (bestimmte Informationen müssen nur einmal der Verwaltung mitgeteilt werden, diese tauscht sie untereinander aus, Anm. d. Red.) und der Anerkennung einer digitalen Signatur wird es noch Jahre dauern. Was aber klar ist: Die digitalen Kompetenzen der Verwaltungsangestellten müssen angepasst werden, sodass sie zukünftig weiter ihre hoheitlichen Aufgaben ausführen, aber eben mit einem anderen Medium. Und nicht nur ihre, übrigens.

Sondern?

Auch die der Bürger. Der e-Government Monitor der Initiative D21 hat gezeigt: In Deutschland haben sich digitale Kompetenzen zuletzt nicht verbessert, sondern verschlechtert. Wir haben in den Schulen und Hochschulen die digitale Agenda der Bundesregierung nicht umgesetzt. Diese Wissenslücken werden später in die Verwaltung und Politik getragen.

Fragen: Benjamin Brumm