Den 22. April diesen Jahres hat sich wohl jeder Abiturient in Baden-Württemberg im Kalender angestrichen. Schließlich handelt es sich um den Auftakt-Termin der schriftlichen Prüfungen. Noch bis Freitag ging auch Sabine Beck, Schulleiterin des Friedrich-Wöhler-Gymnasiums, davon aus, dass die Prüfungen wie geplant an diesem Termin starten können. Nun aber hat das Kultusministerium entschieden: Der Prüfungsstart wird um knapp einen Monat auf den 18. Mai verschoben.

Schon vorher war klar: „Eine individuelle Lösung für ein einzelnes Gymnasium wird es nicht geben. Das bringt alleine schon der Charakter einer zentralen Prüfung mit sich“, erklärt die Schulleiterin.

Unterrichtsmaterial kommt per E-Mail

Für die betroffenen Schüler bedeutet die bundesweite Schulschließung eine maßgebliche Umstellung in Bezug auf die anstehenden Prüfungen sowie auf deren Vorbereitung. Statt im Klassenzimmer müssen sie ausschließlich von zu Hause aus pauken. Wie das am Wöhler-Gymnasium konkret aussieht, erklärt Leonard Rutschmann: „In unseren jeweiligen Abifächern bekommen wir Aufgaben und Übungsmaterial per Mail geschickt.“

Der 18-Jährige macht sein Abi in den Fächern Deutsch, Mathe, Englisch und Sport. In dieser Phase der Vorbereitung betreffe dies vor allem Material zu bereits behandelten Themen, um Vertiefung und Wiederholung zu garantieren. „Wir haben nach dem Bearbeiten oder zur Beantwortung sonstiger Fragen die Möglichkeit, mit dem Fachlehrer per Mail oder telefonisch Kontakt aufzunehmen“, sagt Leonard Rutschmann.

Online-Lernen hat nicht nur Vorteile

Viel lieber hätte er sich mit seinen Klassenkameraden getroffen und sich als Lerngemeinschaft auf die bevorstehenden Prüfungen vorbereitet. Da er aber nicht direkt im Raum Singen, sondern in Jestetten wohnt, würde aufgrund der Grenzschließung eine Fahrt zu den Singener Schulkollegen eine halbe Weltreise bedeuten. Davon abgesehen, dass dazu aufgerufen wird, soziale Kontakte zu reduzieren.

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Als Alternative bleibe daher nur die Kommunikation übers Internet oder per Telefon. „Besonders bei komplexeren oder besonders visuellen Themen ist der Bildschirm zwischen den Kommunizierenden ein Hindernis“, gibt der Schüler zu Verstehen. Auch themenbezogene Diskussionen würden erschwert.

Kriegen die Schüler das hin?

Was das Lernen in den eigenen vier Wänden zu einer Herausforderung machen kann, ist das drohende Ablenkungspotential. Auch FWG-Schulleiterin Sabine Beck gibt zu bedenken: „Ob es allen Schülerinnen und Schülern gelingt, im häuslichen Umfeld mit all seinen Ablenkungen die notwendige Disziplin aufzubringen, sich selbst einen klaren Lernalltag zu organisieren und zu strukturieren, bleibt fraglich.“

Es brauche auch die Unterstützung der Eltern, sagt sie und fügt hinzu: „Es ist nicht unwahrscheinlich, dass hier die ein oder andere Familie an Grenzen eines friedlichen Miteinanders gerät.“ Nicht zuletzt trage dazu auch die eingeschränkte Bewegungsfreiheit bei.

Wenn der Bruder zum Lehrer wird

Die Worte seiner Schulleiterin kann Leonard Rutschmann bei zwei kleinen Geschwistern nur bestätigten – auch wenn er einräumt, dass die Lage auszuhalten sei, wenn alle im Haus beschäftigt sind. „Als älterer Bruder ist man bei komplizierten Schulaufgaben dann aber doch der erste, der um Rat gebeten wird“, gibt er zu. „Das ist auf die Dauer schon nervig und lenkt ab.“

Seine Mitschülerin Paula Looser, die ebenfalls ihr Abitur am FWG ablegt, kann Ähnliches berichten: „Zuhause lernen bedeutet Stress, da man keine Trennung von Schul- und Privatleben mehr hat.“

Nicht immer guter Laune: Paula Looser empfindet die Abivorbereitung in den eigenen vier Wänden zunehmend als Belastung.
Nicht immer guter Laune: Paula Looser empfindet die Abivorbereitung in den eigenen vier Wänden zunehmend als Belastung. | Bild: Privat

Zwar könne man sich vornehmen, am Morgen zu arbeiten, um den Rest des Tages frei zu haben, dann habe man aber die ganze Zeit die noch zu erledigenden Arbeitsaufträge im Hinterkopf. Die 18-Jährige spricht aus, was sich momentan wohl viele Abiturienten denken: „Diese gesamte Situation ist mühsam.“

Der Rhythmus ist dahin

Auch bei Leonard Rutschmann kann von entspanntem Lernen im Moment keine Rede sein. Im Gegenteil: „Mit der Verschiebung des Abi-Termins wird unsere Psyche auf eine harte Probe gestellt“, sagt der 18-Jährige. Der bisherige Lernrhythmus sei dahin. Und doch: Noch ist er ob der bevorstehenden Prüfungen zuversichtlich.

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