Dicht an dicht reihen sich in Geschäften Kleidungsstücke an den Ständern, ein Teil wie das andere. Sie unterscheiden sich nur durch die Größe. In der Werkstatt von Britta Haupka sieht es anders aus: In einer Ecke lehnen auf Papprollen gewickelte Stoffe, andere sind gefaltet und stapeln sich im Regal. Daneben zahlreiche Schachteln mit Knöpfen, Spitzen, Borten, Fransen und Garnrollen jeder Farbe. Hier entstehen Unikate, ganz individuell auf die Trägerinnen abgestimmte Kleidungsstücke.

Britta Haupka ist gelernte Damenschneiderin und sammelt alles rund um das Nähen. Unter den Stoffen befinden sich feinster Kaschmir, bestickte Seide oder edle Brokatstoffe. Und Knöpfe, danach könne man süchtig werden, zeigt sie Posamentenknöpfe, auf deren Oberfläche aus einer dünnen Kordel Ornamente gelegt sind. "Das sind Kunstwerke in sich, sowas findet man heute kaum noch", sagt Haupka. Und teuer seien sie auch.

Edle Stoffe aus bestickter Seide, Kaschmir oder Wolle und selbst luftige Gewebe aus Bändern zusammengenäht finden Verwendung.
Edle Stoffe aus bestickter Seide, Kaschmir oder Wolle und selbst luftige Gewebe aus Bändern zusammengenäht finden Verwendung.

Schon ihre Oma habe von nicht mehr getragenen Kleidungsstücken die Knöpfe abgetrennt, um sie weiter zu verwenden. Das erklärt auch ihre Sammelleidenschaft: Ob Knöpfe oder schöne alte Kleidungsstücke, sie finden Wiederverwendung in neu gestalteten Stücken.

So zauberte Britta Haupka für eine Kundin aus edler Bettwäsche ein Kleid, aus sechs Meter Samt einen wallenden Abendmantel oder aus einem langen Kleid ein Ensemble mit Bolero-Jäckchen. Zu ihren ausgefallenen Kreationen gehört auch eine durchsichtige Jacke aus aneinander genähten Bändern. Und als es um etwas ganz Besonderes für eine Ausstellung und einen Wettbewerb ging, hat sie auch schon mal ein Papier-Kleid aus Tortenspitzen genäht und ein Kleid kreiert, das eine Confiseurin in Schokolade nachbildete.

Ob Borten, Spitzen oder Knöpfe: In ihrer Sammlung befinden sich Knöpfe jeder Art, Farbe und Größe. Sie können dem Kleidungsstück zusätzlich das besondere Etwas geben.
Ob Borten, Spitzen oder Knöpfe: In ihrer Sammlung befinden sich Knöpfe jeder Art, Farbe und Größe. Sie können dem Kleidungsstück zusätzlich das besondere Etwas geben.

"Das Schneiderhandwerk erfordert viel Kreativität, aber die hat Grenzen", sagt Haupka. Die Teile müssten passen. Ihre Kunst ist es, eine Idee umzusetzen. "Das ist auch für die Kundinnen oft ein beeindruckender Prozess: Sie können Handwerk beobachten und sehen, wie etwas wächst." Alles beginnt mit der Anfertigung eines Schnittes nach Maßen der Kundin.

Nach der ersten Anprobe wird er eventuell geändert oder ergänzt. "Bei der zweiten Anprobe nimmt das Modell Formen an", erläutert Haupka. Die Saumlänge sei individuell, sie spiele eine große Rolle für die Proportionen. "Nach der dritten Anprobe muss das Kleid auch im Sitzen perfekt sitzen." Bei der Farbwahl gibt sie nur wenige Hinweise, denn das Kleidungsstück wird die Kundin tragen. Die müsse sich darin wohlfühlen. "Meine Kundinnen wissen, was sie wollen und legen Wert auf Einzelstücke, die gut kombinierbar sind mit dem, was im Schrank hängt."

Ob Brautkleid oder eine extravagante Jacke – an Ideen und Kreativität mangelt es Britta Haupka nicht.
Ob Brautkleid oder eine extravagante Jacke – an Ideen und Kreativität mangelt es Britta Haupka nicht.

Nähen sei ein stiller Beruf. Neben Kreativität erfordert er Fingerfertigkeit und Geduld. Sie erinnert sich an ihr erstes Lehrjahr, als sie bei einem Kleid für das Versäubern des Saumes drei Tage gebraucht hatte. "Später ging das natürlich schneller, aber heute macht man das mit einer Overlock-Nähmaschine, die den Stoff in einem Arbeitsgang zusammennäht, versäubert und präzise abschneidet", erklärt Haupka. Das sei eine große Erleichterung.

Die Digitalisierung ging am Schneiderhandwerk vorbei. Die Nähmaschinen seien aber technisch besser geworden. In ihrer Werkstatt benutzt sie zur Over-Lock zwei weitere Nähmaschinen.

Das Internet hat für Britta Haupka keine große berufliche Bedeutung. "Ich könnte zwar Stoffe und Knöpfe im Internet bestellen, aber ich möchte sie sehen und anfassen." Die zahlreichen Anbieter im Netz seien auch keine Konkurrenz. Ihre Kundinnen legen Wert auf Einzelstücke, die ihrer Vorstellung entsprechen.

Geschichte und Ausbildung zum Schneider

  • Bis zum 12. Jahrhundert wurde Kleidung meist noch von der Familie selbst oder in Klöstern hergestellt, erst in der Mitte des 12. Jahrhunderts kam der Beruf des Schneiders auf. Weil sie nach dem Verständnis früherer Zeiten Frauenarbeit verrichteten, waren Schneider jahrhundertelang dem Volksspott ausgesetzt. Die Nähknechte waren vielfach eher schmächtige, manchmal auch körperlich behinderte Menschen, die nur körperlich leichte Arbeiten ausüben konnten. Dies trug viel zum schlechten Image des im "Schneidersitz" mit unterschlagenen Beinen auf dem Tisch hockenden Schneiders bei. Mit dem Aufkommen der Nähmaschinen ab etwa 1830 verschwand dieser Hilfsberuf schnell.
  • Der Unterschied zwischen Damen- und Herrenschneider liegt hauptsächlich im Zuschnitt der Kleidungsstücke. Im 19. Jahrhundert wurden in der Herrenschneiderei Schnittsysteme entwickelt, die eine genaue Passform und einen korrekten Sitz ergaben, während die Damenschneiderei eher "modellierte" Kleidungsstücke bevorzugte, um mit Falten und Weite Effekte zu erzielen.
  • Der Damenschneiderberuf hat sich erst im Laufe des 19. Jahrhunderts als eigenständiges Handwerk etabliert. Heute werden bei der Herstellung der Konfektion "von der Stange" die wichtigen Fertigungstätigkeiten größtenteils von Arbeitern in Billiglohnländern (z. B. China) übernommen. Die Verarbeitung von Stoffen zu Kleidungsstücken ist nur begrenzt zu automatisieren und bleibt personalintensiv.
  • Die Ausbildung: Der Schneiderberuf wird in einer klassischen, dualen Ausbildung erlernt, mit Praxisteil im Lehrbetrieb und mit Berufsschule. Es gibt auch die rein schulische Möglichkeit. Bereits nach dem zweiten Lehrjahr darf sich der Azubi Änderungsschneider nennen. Voraussetzungen für die Ausbildung sind ein mittlerer Schulabschluss, Freude an Mode, Kreativität und mathematisches Verständnis. (ros)