Das kennt der Zuhörer. Ganz bestimmt sogar – nur woher? Auf der Bühne der Singener Stadthalle arrangiert das Orquestra de Cambra de L’Empordà ein Potpourri der Filmmusik, doch man kommt nicht gleich auf die jeweiligen Titel der Filme. Deshalb geben der Dirigent und einzelne Orchestermitglieder pantomimische Hilfestellungen und prompt fällt der Groschen. Klar doch, das ist der Weiße Hai. Nach und nach fördert das kollektive Gedächtnis andere Leinwand-Klassiker zutage: Casablanca, Star Wars, Vom Winde verweht...

Das Prinzip des Memorys

Das Ratespiel ist höchst amüsant und folgt einer einfachen Logik. Erst die Andeutung einer Melodie, dann das Aha-Erlebnis. So ganz nebenbei wird dabei das im Saal vorhandene lexikalische Wissen über die Musikliteratur bewusst – und das nicht nur bei der musikalischen Untermalung von Filmklassikern. Vivaldi, Mozart, Schubert. Jahreszeiten, Kleine Nachtmusik, Ave Maria. Die Komponisten sind bekannt, ihre Kompositionen ebenso. Nur wer und was gehören zusammen? Wie bei der Filmmusik lebt das Concerto Scherzetto auch beim Schweinsgalopp durch die Klassik vom Prinzip des Memorys.

Passende Antwort auf die Dudelei

Ein witziges Kinderspiel? Oder eine ironische Gedächtnisübung im Zeitalter zunehmender Demenz? Viel eher macht sich die Truppe aus Spanien ein Zeitalter zunutze, bei der es immer und überall ungehörig viel auf die Ohren gibt. Zuhause, im Auto, im Café, beim Einkaufen, in der Warteschleife am Telefon – mit ein bisschen Pech dudelt's sogar auf der Kaufhaus-Toilette aus den Wänden. Wo es aber kein stilles Örtchen gibt, rauschen die Töne zu einem ununterscheidbaren Mix zusammen.

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Statt zu wehklagen, dass anstelle der Konzentration auf Ouvertüre, Scherzo und Finale einer Komposition längst der Totalitarismus eines epoche- und genre-ignoranten Best-of-Gulasch getreten ist, macht sich das Orquestra de Cambra de L’Empordà das Phänomen der Gegenwart in Form einer ans Satirische grenzenden Kommentierung zunutze. Etwa wenn die Ave Maria zweier grandioser Komponisten im Wettstreit zweier Dirigenten ineinander übergehen, sodass der kirre werdende Zuhörer ins stille Gebet gehen muss, wohin denn nun welches Teil gehört.

Trauermarsch im Country-Sound

Und es ist ja nicht so, dass der Einheitsbrei nicht zugleich der Humus für Neuschöpfungen wäre. Offensichtlich wird dies bei den Anklängen des Trauermarsches, bei dem Dirigent Jordi Purti dem pantomimischen Schauspiel zufolge wegnickt. Seinen Dämmerzustand nutzt das Orchester zu freien Rhythmen und wahrlich haben's die Cover-Versionen in sich. Wie weggewischt ist mit einem Mal die depressive Tonlage des Originals, die jazzige Variante, vor allem aber die Adaption im Country-Sound verleihen dem Stück eine befreiende Note.

Wer will, kann das als Parabel auf die Wiederentdeckung einer bis zum Einschlafen inszenierten Dauerschleife von Werktreue verstehen. Dass es anders geht, zeigt die Interpretation des Radetzkymarsches als Perkussions- und Klatschvariante. Der Saal macht bei der Orchestrierung mit und hätte Väterchen Johann Strauß die Chance – er würde sich kaum im Grabe umdrehen, sondern wäre im Bunde von Orchester und Besuchern wohl gerne der Dritte.

Johann Strauß hätte seine Freude

Im Prolog zu dem Konzert mit scherzhafter Note sorgte am Donnerstagabend übrigens Stephan Glunk für eine erste Hörschärfung. Der Mann ist Lehrer und Poppele, kennt sich von daher mit Pädagogik und schrägen Noten gut aus. Als Karaoke-Dirigent präsentierte er zusammen mit Schülern Ohrwürmer der Klassik – mit ganz ähnlichen Resultaten wie beim anschließenden Concerto Scherzetto: alles schon gehört, alles klingt gut, aber wie in Herrgottsnamen heißen die Komponisten und Stücke?