Lesen und Schreiben gehört zu den grundlegenden Fähigkeiten, damit Menschen am gemeinschaftlichen Leben teilhaben können. Das hat auch Dan Mohr erkannt. Er ist/war selbst betroffen und reist nun – nachdem er Kurse besucht hat – mit dem sogenannten Alfa-Mobil durchs Land, um aufzuklären. Die Volkshochschule (VHS) des Landkreises hatte das Mobil für Singen, Stockach und Konstanz gebucht.

Vor zweieinhalb Jahren hat Dan Mohr (61) den ersten Kurs besucht. Der Dachdecker, der inzwischen im Ruhestand ist, war früher oft lange auf Montage auf dem Bau und hat das Lesen und Schreiben bei seiner beruflichen Tätigkeit nicht so gebraucht. „Nur meine Frau und zwei Kollegen wussten von meinem Problem. Du musst jetzt was machen, haben sie mir geraten“, erzählt Mohr. „Sie haben mich dann einfach für einen Kurs angemeldet.“ Und das war gut so, sagt er heute. Noch immer besucht er zwei Mal die Woche einen Kurs in der Kleingruppe mit vier Personen. Und seine ehemaligen Kollegen üben darüber hinaus noch regelmäßig mit ihm. „Ich lese heute schon manchmal kleine Kurzgeschichten und komme im Alltag viel besser zu Recht, beispielsweise, wenn ich mit dem Zug fahren will“, sagt Mohr. Das Alfa-Mobil, dessen Träger der Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung ist, begleitet er nun schon seit zwei Jahren.

Gemeinsam im Einsatz für Menschen mit Lese- und Schreibschwierigkeiten (v.l.): Laura Pacilli, Andreas Christ, Angela Lombardo, Christina Thürmer, Dan Mohr, Claudia Gogolin, Stefan Wälte, Bettina Popanda und Juliane Averding.
Gemeinsam im Einsatz für Menschen mit Lese- und Schreibschwierigkeiten (v.l.): Laura Pacilli, Andreas Christ, Angela Lombardo, Christina Thürmer, Dan Mohr, Claudia Gogolin, Stefan Wälte, Bettina Popanda und Juliane Averding. | Bild: Susanne Gehrmann-Röhm

Lesung mit der Kinderbuchautorin Claudia Gogolin

„Unsere Arbeit richtet sich an das so genannte wissende Umfeld“, sagte Stefan Wälte vom Alfa-Mobil. Betroffene – und damit sind in dieser Fall Deutsche gemeint, die früher einmal die Schule besucht haben – würden die Situation eines Infostandes eher meiden. Doch über Kollegen oder Angehörige erreiche man die Betroffenen eher. So wie es auch bei Dan Mohr war.

Stefan Wälte und seine Kollegin Juliane Averdung verteilten zusammen mit Dan Mohr Infobroschüren an Passanten. „Manchmal fassen sich Betroffene erst Monate später ein Herz und suchen Hilfe“, so die Erfahrung von Wälte. Dass sich in Singen die lokalen Partner zu dieser Aktion zusammentun, fand er Klasse. Mit im Boot waren neben der VHS des Landkreises auch die Stadtbibliothek, die Arbeiterwohlfahrt und die Singener Tafel. So gab es am Rande auch eine Buchstabensuppe und eine Lesung mit der Kinderbuchautorin Claudia Gogolin aus Heudorf/Hegau.

7,5 Millionen funktionale Analphabeten

Eine Studie hatte 2011 erfasst, wie viele Menschen von so genanntem funktionalem Analphabetismus betroffen sind. Eine erneute Auflage dieser Studie wird in diesem Jahr erwartet. Bundesweit waren danach 2011 rund 7,5 Millionen Deutsche betroffen. Sie können zwar Buchstaben, Wörter und einzelne Sätze lesen und schreiben, haben jedoch Mühe, einen längeren zusammenhängenden Text zu verstehen. Hochgerechnet ergibt sich für Singen eine Zahl von rund 4300 Erwachsenen, die zum Beispiel Probleme haben, einen Einkaufszettel zu schreiben, die Zeitung oder gar ein ganzes Buch zu lesen. Im Landkreis Konstanz sind schätzungsweise 25 000 Erwachsene betroffen. Das Grundbildungszentrum der VHS, das sich mit Angeboten um diese Menschen kümmert, erhält für die Jahre 2018 und 2019 jeweils 50 000 Euro an Fördergeldern vom Kultusministerium.