Manche Stunde im Leben wiegt deutlich schwerer, als andere – ganz egal ob als Glücksmoment oder Tragödie. Beim Uhrmacher hingegen sollte jede Sekunde genau gleich viel wiegen. "Dafür haben wir die Zeitwaage", erklärt Uhrmachermeister Richard Schreiber. Der sogenannte Chronokomparator zeigt Unregelmäßigkeiten im Gang eines Uhrwerks auf, indem die Schläge des Uhrwerks anhand der Vibration verglichen werden. Mit dem Gerät könne so die Ganggenauigkeit mechanischer Uhren präzise eingestellt werden.

Die Zeitwaage, auch Chronokomparator genannt, ist ein elektronisches Gerät, um eine Unregelmäßigkeit im Gang eines Uhrwerks festzustellen. Dabei werden die Schläge des Uhrwerks anhand der Vibration erkannt und mit einer bekannten Frequenz verglichen.
Die Zeitwaage, auch Chronokomparator genannt, ist ein elektronisches Gerät, um eine Unregelmäßigkeit im Gang eines Uhrwerks festzustellen. Dabei werden die Schläge des Uhrwerks anhand der Vibration erkannt und mit einer bekannten Frequenz verglichen. | Bild: Biehler, Matthias

Präzision zählt

Gemeinsam mit seinem Bruder Robert, der ausgebildeter Goldschmiedemeister ist, betreibt Richard Schreiber das Fachgeschäft R&R Schreiber in Singen, und die Reparatur hochwertiger Uhren bestimmt einen Großteil seiner täglichen Arbeit. Dabei erfährt er immer wieder, dass Wert ein breit gefächerter Begriff ist: Nicht immer handele es sich bei den Reparaturwünschen um hochpreisige Uhren. Oft seien die Zeitmesser, die nicht mehr laufen wollen, Erbstücke, die für die Kunden schlicht einen hohen emotionalen Wert besäßen. Da lohne sich eine Reparatur, um Erinnerungen in Gang zu halten. Aber eine Uhrmacherwerkstatt zu finden sei längst nicht mehr so einfach. Die Zahl qualifizierter Uhrmacher gehe zurück, obwohl Arbeitsmarktexperten dem Berufsbild große Chancen geben. Die Beschäftigungszahlen für Uhrmacher in sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnissen in Deutschland sind laut Branchenverband von rund 4400 zur Jahrtausendwende auf inzwischen unter 3000 gesunken. Durch gute Verdienstmöglichkeiten locke aber auch die Industrie. "Inzwischen wenden sich nicht nur Kunden von hier und aus der nahe gelegenen Schweiz an uns, sondern immer häufiger auch aus ganz Deutschland", so Schreiber. Zertifizierte Uhrmachermeister seien selten geworden, erklärt er. Denn der Beruf erfordere Präzision, Geduld und eine hohe Konzentrationsfähigkeit. „Aber es ist ein schöner Beruf. Ich würde diese Ausbildung sofort wieder ergreifen“, betont Schreiber, denn die Arbeit bringe ihm berufliche Erfüllung.

In der Berufsschule hat er auch gelernt, Uhren selbst zu bauen. Heute geht es für ihn überwiegend darum, zu reparieren. In bis zu 200 Einzelteile zerlegt er die Uhren, um sie anschließend fein säuberlich wieder zusammen zu setzen. Auf der Arbeitsplatte liegen die ständig benötigten Werkzeuge wie Lupe, Kornzangen, Staubbläser und ein Satz kleiner Schraubenzieher griffbereit. Seltener benötigte Werkzeuge sind in zwei Schubladenreihen rechts und links des Werktisches untergebracht. Uhren, deren kleinste Teile mit bloßem Auge nicht mehr überprüfbar sind, werden mit der Lupe betrachtet. Zum Greifen der Kleinteile benutzt er eine Kornzange.

In bis zu 200 Einzelteile zerlegt Richard Schreiber die Uhren, um sie anschließend fein säuberlich wieder zusammen zu setzen.
In bis zu 200 Einzelteile zerlegt Richard Schreiber die Uhren, um sie anschließend fein säuberlich wieder zusammen zu setzen. | Bild: Biehler, Matthias

Beruf mit Zukunft

Das Interesse an mechanischen Uhren nahm in den letzten Jahren beständig zu. Sogar moderne Smartwatches, die im steten Kontakt zum Smartphone stehen, würden weniger als Konkurrenz wirken, sondern mehr als Verstärker. "Viele Kunden erklären uns, dass sie eben auch noch eine richtige Uhr haben wollen", so Schreiber. Seine Ausbildung hat er an der staatlichen Feintechnikschule Schwenningen absolviert. "Ein Beruf, den ich jederzeit wieder erlernen würde", erzählt Schreiber voller Begeisterung. Jeder Tag bringe neue Aufgaben: Er genießt den menschlichen Kontakt mit den Kunden und die technischen Herausforderungen in der Werkstatt. Und in seiner Freizeit setzt er zum Ausgleich auch auf Präzisionsarbeit: "Wenn ich Zeit finde, gehe ich gerne Boule spielen."

Aber morgens geht sein Weg in die Werkstatt und den Laden. Das Angebot der Schreiber-Brüder werde geschätzt. Gesucht wird Beratung. „Wer in eine hochwertige Uhr viel Geld investieren möchte, möchte auch wissen, was er kauft“, beobachtet Richard Schreiber angesichts seiner großen Berufserfahrung. Viele Kunden hätten sich intensiv mit der Materie beschäftigt, bevor sie ins Geschäft kommen. Seit 26 Jahre betreiben er und sein Bruder das Geschäft in der Hadwigstraße.

Aus Liebe zum Handwerk

Die Liebe zum Uhrmacherhandwerk hat er früh entdeckt. "Schon als Junge habe ich gerne meinem Vater zugeschaut, wenn er Uhren repariert hat." Irgendwann habe der ihm erste Aufgaben übergeben. Später kam die Ausbildung und nach vier Gesellenjahren ging es auf die Meisterschule. Das heutige Arbeitsgebiet des Uhrmachers ergibt sich einerseits aus der technischen Vielfalt der Uhren und der im Uhrenbau verwendeten Werkstoffe. „Wenn ein Kunde kommt, dann zählt sein Wunsch", betont Schreiber den Servicegedanken im Handwerk. Dies spiegele sich auch im Angebot seines Ladens wieder. "Wir setzen nicht auf Standardware, sondern auf handwerklich hergestellte Erzeugnisse", erklärt Richard Schreiber.

"Schon als Junge habe ich gerne meinem Vater zugeschaut, wenn er Uhren repariert hat", erzählt Uhrmachermeister Richard Schreiber.
"Schon als Junge habe ich gerne meinem Vater zugeschaut, wenn er Uhren repariert hat", erzählt Uhrmachermeister Richard Schreiber. | Bild: Biehler, Matthias

Bei der Reparatur mechanischer Uhrwerke kommt ihm die breite Erfahrung zu Gute. „Routine hilft aber nicht immer“, schränkt der Uhrmachermeister ein. Manchmal helfe es einfach, den Blickwinkel zu ändern. Sowohl die notwendige, kontinuierliche Anpassung der Kenntnisse und Fertigkeiten an die technologische Entwicklung als auch die hinzugekommenen Aufgaben, wie das Restaurieren historischer Uhren und die Servicearbeiten im Schmuckbereich, erfordern ein hohes Maß an technischem Verständnis und eine besondere Anpassungsfähigkeit an den ständigen Wechsel der Aufgaben. Denn für die Arbeiten im Bereich des Demontierens, Montierens und Reparierens von Uhrwerken und Zubehörteilen stehen dem Uhrmacher nur selten Konstruktionspläne zur Verfügung. Erfahrung, technisches Verständnis und geschultes Denkvermögen helfen, konstruktive Zusammenhänge schnell zu erfassen.

Uhrmachermeister Richard Schreiber bei der Arbeit.
Uhrmachermeister Richard Schreiber bei der Arbeit. | Bild: Biehler, Matthias

Das Berufsbild des Uhrmachers

  • Die Geschichte: Einer der bekanntesten deutschen Uhrmacher war Peter Henlein, der um 1500 in Nürnberg wahrscheinlich als Erster in Deutschland kleine, am Körper tragbare Uhren entwickelte. Abraham Louis Breguet erfindet um 1800 in der Schweiz das Tourbillon und führt die aufgebogene Spiralenkurve ein, 1810 baute er die erste Armbanduhr. John Harwood entwickelte in den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Automatikuhr Harwood perpetual mit automatischem Aufzug. Der Schweizer Ingenieur Reinhard konstruiert 1926 die erste Zeitwaage, den Chronokomparator, mit dem sich die Genauigkeit von Automatikuhren messen lässt.
  • Die Karriere: Die Ausbildung zum Uhrmacher ist Ausgangspunkt für eine flexible Berufsorientierung in den unterschiedlichen Bereichen der Uhren-, Schmuck- und Geräteherstellung. Sie ist zukunftsorientiert und kann aufgrund des breiten Spektrums die Basis für eine berufliche Weiterbildung in vielen Berufen sein, bei denen handwerklich-technisches Geschick und Kreativität gefragt sind. Uhrmacher sind in den letzten Jahren, insbesondere aufgrund der starken Nachfrage nach mechanischen Uhren, sehr gesucht. Seine Kenntnisse und Fertigkeiten auf den Gebieten der Feinmechanik, Elektrotechnik und Elektronik befähigen ihn, dort tätig zu sein, wo mechanische, elektrische oder elektronische Zähl- oder Registriergeräte hergestellt, gewartet oder repariert werden.
  • Die Industrie: Durch die Automatisierung in weiten Teilen der Uhrenindustrie ist der Uhrmacher zum Spezialisten aufgestiegen. Schwerpunkte seiner Tätigkeit liegen in der Eingangskontrolle zu verarbeitender Uhrenteile, der Endkontrolle fertiger Uhren und der Reparatur schadhafter Zeitmesser. Seiner Neigung entsprechend spezialisiert er sich in der Regel auf die Fertigungsbereiche von Klein- oder Großuhrenherstellern. Doch auch Werke-, Zifferblätter- und Gehäusehersteller benötigen Uhrmacher für Konstruktionsarbeiten und Qualitätskontrollen.