Als er sich entschloss, seine Nachricht niederzuschreiben, zitterten ihm die Hände. Jeder krakelige Filzstift-Strich muss unendliche Überwindung gekostet haben. Aber am Ende stand sie da – die Wahrheit. Schwarz auf braun ins Treppenhaus des Landesgartenschau-Turms eingraviert. Und dort steht sie noch immer. Unauslöschlich. Zumindest bis irgendein Assi sie mit einem nichtssagenden "Ich war da" überpinselt.

Die Wahrheit beginnt mit einer Bitte: „Glaub mir" steht da. In der Zeile darunter: ein Name, den jemand zunächst durchgestrichen und dann eingeschwärzt hat. Die Worte, die direkt darauf folgen sind Anklage und Warnung zugleich: "... nützt dich nur aus!“ Und wer ist es, der das weiß? "Ein guter Freund“. Und der hat noch mehr zu offenbaren. Denn, was ihn wirklich Mut gekostet haben muss, ist das, was er scheinbar beiläufig in die Fußnote darunter gepackt hat: „PS: I love you". Und schließlich: "obwohl du was von Fabio willst“. Das tragische Liebes-Dreieck ist perfekt. Oder handelt es sich um ein Quartett? Ist Fabio jener eingeschwärzte Name vom Anfang? Ist er der "Ausnützer"? Oder lässt sich die Angebetete des "guten Freunds" von dem Eingeschwärzten "ausnützen", während sie sich eigentlich danach sehnt, mit ihrer wahren Liebe, Fabio, durchzubrennen?

Auch diese Liebesbekundung sorgt für Irritationen.
Auch diese Liebesbekundung sorgt für Irritationen.

Es ist kompliziert. Vor allem für den flüchtig mitlesenden Fußgänger, der eigentlich nur auf sicherem Wege die Bahnschienen überqueren will. Ihm bleiben entscheidende Details vorenthalten. Was aber nicht offen bleibt, ist die Reaktion der Angebeteten. Ja, sie hat tatsächlich geantwortet, möchte man gemeinsam mit dem "guten Freund" jubeln, sobald man die geschwungene Mädchenschrift entdeckt. Ihre bilinguale Botschaft ist treffend formuliert und gut leserlich geschrieben: "Ja, das stimmt und I love him 4-ever".

Sie entscheidet sich also für Fabio! Eine Nachricht, wie ein Schlag in die hinterste Herzkammer hinein. Wie hat sich der "gute Freund" nach dieser Abfuhr gefühlt? Welche Gedanken schossen ihm durch den Kopf? Auf der Suche nach Antworten lohnt es sich, das Stockwerk darunter in Augenschein zu nehmen. Vier Worte hat da jemand in verdächtig bekannter Krakelschrift an die Wand gedonnert: "Ihr seit alle scheisse!"

 

Autor Daniel Schottmüller | Bild: Schottmüller, Daniel