Es mag ja sein, dass die digitalen Medien das Buch aus vielen Haushalten verdrängt haben; in der Region Singen-Schaffhausen scheint dieser Trend zumindest für eine Woche außer Kraft gesetzt. Der Grund ist das Literaturfestival "Erzählzeit ohne Grenzen", das sich von Jahr zu Jahr größerer Beliebtheit erfreut.

"Wir haben 2018 die 5000er-Marke bei den Besucherzahlen geknackt", freute sich Singens Oberbürgermeister Bernd Häusler bei der Programmvorstellung in den historischen Räumen der Schaffhauser Stadtbibliothek.

59 Lesungen mit 34 Autoren

Und die Chefin der Städtischen Bibliothek Singen, Monika Bieg, ergänzt: "Unsere Nutzer sind schon ganz ungeduldig." Viele hätten nach dem Programm gefragt, weil sie zwischen dem 6. und 14. April ihre persönliche Leseroute planen wollten.

Planung muss sein bei 59 Lesungen mit 34 Autoren an 43 Orten, zumal die Festivallandkarte immer größere Entfernungen aufweist. Das können schon mal rund 50 Kilometer sein, wie zum Beispiel zwischen Blumberg-Achdorf und Öhningen. Diese beiden Orte sind zum ersten Mal dabei und haben sich wohl anstecken lassen von der Begeisterung der anderen Veranstalter.

Wachsendes Interesse

Vom Reiz des Festivals, das in die Fläche und bis in die kleinsten Dörfer hineinreicht, spricht auch der Schaffhauser Stadtrat und Bildungsreferent Raphael Rohner. Von einem "Leuchtturmprojekt", das selbst in die Kantone Zürich und Thurgau ausstrahle.

Als Vertreter des Vereins Agglomeration Schaffhausen, der auf Schweizer Seite als finanzieller Hauptträger auftritt, freut sich Rohner über das wachsende Interesse an der Literatur und dem gemeinsamen Kulturverständnis diesseits und jenseits der deutsch-schweizerischen Grenze.

Das Geheimnis des Erfolgs

Was ist das Geheimnis des Erfolgs dieser Literaturwoche? Da ist zum einen die Qualität der Veranstaltungen. Schon in der Vergangenheit war es den Organisatoren um die damalige Leiterin der Singener Stadtbücherei Barbara Grieshaber gelungen, Autoren in die Region zu locken, die es später bis zum Nobelpreis oder anderen Auszeichnungen gebracht haben.

Daran knüpfen nun die beiden Programmgestalter Monika Bieg und Oliver Thiele an. Mit einer klugen Mischung aus Erfolgsautoren wie Adolf Muschg, Felix Huby, Peter Stamm oder Stargast Federica de Cesco (Eröffnungsveranstaltung am 6. April in Schaffhausen) und Debütanten wie Julia Rothenburg oder Kenan Cusanit können sie viele verschiedene Interessen erreichen.

Autoren hautnah erleben

Literaturfreunde können ihre Lieblingsautoren hautnah erleben und anschließend sogar noch mit ihnen diskutieren. Oder sie gehen auf Entdeckungsreise.

"Unsere Erzählzeit ist mittlerweile bei vielen Verlagen so bekannt, dass wir so manchen Tipp für die Veranstaltungsreihe bekommen", berichtet Monika Bieg. "So ist es möglich, dass wir Bücher bereits vor ihrer Veröffentlichung lesen und druckfrisch in das Festival aufnehmen können."

Ergreifende Themen und sprachliche Meisterwerke

So ging es ihr mit dem Roman von Julia Rothenburg, die sich in "hell/dunkel" mit der Krankheit und dem Tod der Mutter beschäftigt (9. April, Lottstetten). "Die Geschichte der vielversprechenden, jungen Autorin ist zart, schmerzlich und am Ende sogar gefährlich", beschreibt Bieg den Inhalt. Ein sprachliches Meisterwerk sieht sie in Maria Cecilia Barbettas "Nachtleuchten", das in den 1970er Jahren in Argentinien spielt (10. April, Steißlingen, Gemeinschaftsschule).

Oliver Thiele hingegen macht neugierig auf "Hier ist noch alles möglich" von Gianna Molinari. Sie erzählt von einer jungen Nachtwächterin auf der Suche nach einem Wolf in einer maroden Verpackungsfirma (11. April in Gottmadingen, Weinhaus Fahr).

Literaturfreunde haben die Qual der Wahl

Die Organisatoren haben sich von dem Jahresmotto gelöst und die Erzählzeit unter verschiedene Themenkomplexe gestellt. Das macht die Auswahl leichter. Dabei geht es um Heimat und Ferne, Beziehungsstatus, Familienbande, kriminelle Energie, junge Leute oder alte und junge Geschichte sowie Erzählungen zwischen Traum und Wirklichkeit.

Den Schlusspunkt setzt Peter Stamm im Rahmen des Sonntagsfrühstücks am 14. April in der Singener Stadthalle mit "Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt", in dem es in einer Art Déjà-vu-Erlebnis um die großen Fragen des Lebens geht.

Hört man Oliver Thiele und Monika Bieg zu, so möchte man am liebsten alle Lesungen verfolgen. Literaturfreunde haben offensichtlich die Qual der Wahl.