Die Paprika sieht astrein aus, aber Matthias Keller weiß es besser. Das Stück gehört wie rund zehn Prozent des am Autobahnkreuz Hegau produzierten Gemüses allenfalls zur B-Ware, sagt der Vorstandsvorsitzende der Reichenauer Gemüsegenossenschaft. Noch größer werden die Augen der Besucher als die für den Kompost oder zur Verfütterung an Kühe bestimmte Paprika-Quote genannt wird: Fünf Prozent der durchschnittlichen Tagesproduktion von 20 Tonnen gelangen erst gar nicht in die Supermärkte, weil sie den hohen Ansprüchen der Verbraucher nicht genügen. Fünf Prozent von 20 Tonnen – das ist eine Tonne pro Tag.

Der Laie allerdings hat kaum eine Chance, die Mängel zu erkennen, und auch der Fachmann benötigt viel Technik für die Qualitätsgarantie. Jeder einzelne Paprika wird beispielsweise vier Mal fotografiert, danach durchlaufen die optischen Dokumente ein computergesteuertes Qualitätsprogramm. Überhaupt die Technik: Im geschlossenen System der Gewächshausanlage wird von der Speicherung und dem Verbrauch des Wassers, dessen Rückgewinnung, über das Energiemanagement mit Solarzellen auf dem Dach, Biogas-Einspeisung oder der Nutzung von Blockheizkraftwerken bis hin zum Einsatz des Dachwaschroboters alles auf Punkt und Komma berechnet.

Ob es hier noch etwas zu digitalisieren gibt? Geschäftsführer Johannes Bliestle zögert, während hinter ihm ein vollautomatischer Container seine Runde dreht – sollte ihm etwas in die Quere kommen, leiten Sensoren den Bremsvorgang ein. Nein, sagt Johannes Bliestle schließlich, aber bei der Optimierung ließe sich schon noch etwas machen. Die Genossenschaft habe Unmengen Daten, der Vermarktungspartner ebenfalls. Dies zu koordinieren und somit den Bedarf mit der Produktion exakt abzustimmen, könnte die Lebensmittelproduktion nochmals effizienter machen.

Mit dem Verfahren ist die Genossenschaft weit entfernt vom Latzhosen-Image aus Öko-Kindertagen. Das muss auch so sein, weil anders die Genossenschaft auf dem Markt nicht bestehen könnte. "Nur über den Preis können wir nicht mithalten", sind sich Johannes Bliestle und Matthias Keller einig. Das geht allein deswegen nicht, weil für die Mitarbeiter der Lohn rund 20 Prozent über dem Mindestlohn liegt. Viele Mitarbeiter kommen aus Rumänien oder Pollen, bei Bedarf werden ihnen Appartements mit Zimmer, Küche, Bad zur Verfügung gestellt. Manchmal sind die Familien mit dabei und die Kinder gehen hier zur Schule.

Womit die Paprika endgültig zum Politikum wird. "Wir brauchen diese Ware", so die Staatssekretärin für den Ländlichen Raum, Friedlinde Gurr-Hirsch (CDU), bei ihrem Besuch des Betriebs. Sie ist mit der Landtagsabgeordneten Dorothea Wehinger (Grüne) überzeugt, dass die Menschen die Qualität von Lebensmittel schätzen, weshalb die beiden Regierungsparteien für die regionale Wertschöpfung in der Landwirtschaft werben. Die Genossenschaft trägt ihrerseits mit Betriebsbesichtigungen zur Bewusstseinsbildung bei. Das Interesse ist riesig, sagt Johannes Bliestle, mehr als 3000 Besucher pro Jahr vertrage der Betrieb aber nicht. Von einer Gewissheit kann dabei ausgegangen werden: Hernach schaut der Mensch ganz anders aufs Gemüse.

Landwirtschaft im Wandel

  • Hintergrund: Die betriebswirtschaftliche Bedeutung der Anlage beim Hegaukreuz steht im Zusammenhang mit der begrenzten Fläche der Gemüsebauern auf der Reichenau. Mit rund 530 Gewächshäusern und zirka 120 Erzeugern wuchs vor etwa zehn Jahren die Erkenntnis, dass man angesichts der Marktstrukturen neue Wege gehen muss. Die seither eingeleiteten Reichenauer Aussiedlungen in den Hegau machen inzwischen mehr als 50 Prozent der Produktion aus. Die Expansion und Spezialisierung ermöglicht stabile Verhandlungspositionen gegenüber Marktketten.
  • Förderung: Die Anlage wurde 2012 in Betrieb genommen. Die Investition belief sich auf 12 Millionen Euro für die Produktionsmodule sowie 2,5 Millionen Euro für den Verpackungs-, Lager- beziehungsweise Logistikbereich. Das Vorhaben wurde nach Unternehmensangaben vom Land Baden-Württemberg mit etwa 2,1 Millionen Euro und von der EU mit etwa 500 000 Euro gefördert. Die Verwendung von Steuermitteln dient der regionalen Selbstversorgung, wobei Regionalisierung vor dem Hintergrund des europäischen Markts zu sehen ist.
  • Diskussion: In der öffentlichen Diskussion steht die Optik im Vordergrund. Sowohl in der Bevölkerung als auch im Gemeinderat Singen wurden immer wieder die Veränderung des Landschaftsbildes sowie daraus erwachsende etwaige Konflikte mit den Interessen der touristischen Vermarktung des Hegaus thematisiert. (tol)