Verwaiste und stehende Aufzüge auf Hegauer Bahnhöfen sorgen weiter für mächtigen Wirbel. Ein behinderter 27-jähriger Konstanzer bangt um seinen jahrelang ersehnten Besuch eines Bundesliga-Spiels des VfB Stuttgart. Und auf dem Gottmadinger Bahnhof sind mehrere Personen zu verschiedenen Zeiten in die Aufzug-Falle geraten. Auch ein SÜDKURIER-Vertreter musste in einem unfreiwilligen Selbstversuch im Aufzug ausharren, bis ein Monteur die geschlossene Eingangstür öffnen konnte. Der an den Rollstuhl gefesselte Adrian Cagalj kann ohne Hilfe auf dem Singener Bahnhof nicht auf den Zug nach Stuttgart umsteigen. Die alleinige Tatkraft seines Bruders als Begleiter reicht nicht aus. Mutter Daniela Jarde hat nach eigener Aussage eine Abfuhr erhalten, als sie eine von der Deutschen Bahn veröffentlichte Service-Nummer wählte, damit ein Bediensteter ihrem Sohn behilflich ist. "Die Dame hat ziemlich unwirsch gesagt, dass die Bahn keine Unterstützung leisten könne. Danach legte sie einfach auf", schimpft Daniela Jarde.

"Wenigstens am Bahnschalter war ein Mitarbeiter bemüht, uns einen Rat zu geben, wie in Singen auf den Seehas nach Engen in den Zug nach Stuttgart umzusteigen. Dort kann ein Schienen-Übergang genutzt werden. Zeitlich passt das aber nicht, da mein Sohn zu spät zum Spiel kommt", so Daniela Jarde. Nun hat es der SÜDKURIER organisiert, dass ein Gottmadinger VfB-Fan Adrians Bruder bei der Überbrückung der Bahnsteig-Treppen hilft.

Tagtäglich spielen sich schon fast dramatische Szenen auf dem Singener Bahnhof ab. Gehbehinderte Menschen müssen mühsam die Treppen überwinden, weil die Aufzüge immer noch nicht ausgetauscht sind und sich dort eine verwaiste Baustelle befindet, obwohl die Aktion schon für den August des vergangenen Jahres geplant war. "Das ist ein unhaltbarer Zustand“, wettert Klaus Wolf, Behinderten-Beauftragter der Stadt Singen. "Die Bahn muss wenigstens Mitarbeiter stellen, die bei der Überwindung der Barrieren helfen“, ist er sich mit anderen Vertretern von Behinderten und Senioren einig.

Auch auf dem Gottmadinger Bahnhof geht das Chaos und teilweise sogar Panik um. Wer es nicht glaubt, kann es mitunter selbst erleben. Einfach mal den Aufzug nutzen, obwohl man gut zu Fuß ist. Und prompt geht die Tür nicht mehr auf. Entgegen der Auskunft eines Bahnsprechers steht im Aufzug nicht beschrieben, wie sich eine eingeschlossene Person im Ernstfall zu verhalten hat. Es gibt einen gut sichtbaren gelben Notfall-Knopf. Der muss aber einige Sekunden lang gedrückt gehalten werden, damit er funktioniert. Auf Geheiß einer Damenstimme kann dann das Malheur geschildert werden. Groß ist jedenfalls die Erleichterung, wenn der Monteur nach einer guten halben Stunde auftaucht und das Problem beheben kann. "Der Aufzug ist durch eine komplizierte Elektronik gerade an einem Bahnsteg, wo auch viel Zerstörung betrieben wird, sehr anfällig. Die Deutsche Bahn besteht aber auf den Einbau solcher Aufzüge, weil sie auch energiesparend laufen sollen", erklärt der Mann. Ein älteres Ehepaar verharrte gestern Nachmittag ebenfalls einige Zeit im Aufzug, bevor sich die Tür doch noch von selbst öffnen ließ.

„Bei den Aufzügen in Gottmadingen gab es nach der Inbetriebnahme technische Probleme, die aber mittlerweile behoben werden konnten. Derzeit auftretende Störungen sind auf Vandalismus zurückzuführen“, reagierte die Bahn in einer früheren Pressemitteilung. „Leider verzögert sich auf dem Singener Bahnhof die Inbetriebnahme der Aufzüge wegen Lieferengpässen seitens der beauftragten Firmen“, so die Deutsche Bahn. Aktuell gibt es von dort nach der vor einigen Tagen erneut gestellten SÜDKURIER-Anfrage zu den geschilderten Problemen noch keine Auskunft.

Die Gottmadinger Bahnsteg-Aufzüge sind seit etwa zwei Jahren in Betrieb. Seither bleiben sie immer wieder stehen. Das Thema ist für viele gehbehinderte Bahnkunden und Elternteile mit Kinderwagen ein Dauer-Ärgernis. Der Gottmadinger Seniorenbeirat weist über die Gemeinde Gottmadingen immer wieder auf die Missstände der Bahn hin, da es viele Beschwerden gibt. Behindertenvertreter schlagen ebenfalls Alarm, da die Aufzüge auf dem Singener Bahnhof seit August des vergangenen Jahres stehen, weil die Bahn den Austausch der Fahrstühle immer wieder verschoben hat.