Es hat sich nichts verändert. Einen Oberbürgermeister gibt es 1927 in Singen zwar noch nicht und er heißt auch nicht Bernd Häusler. Doch der damalige Bürgermeister Edmund Kaufmann steckt in dem gleichen Dilemma wie viele seiner Nachfolger – bis hin zum jetzigen Amtsträger.

In der Zuzugsgemeinde gibt zu wenige Wohnungen und der Zentrumspolitiker, der nach 1945 zu den Mitbegründern der CDU in Rheinland-Pfalz gehört und später zur FDP wechselt, setzt gemäß seiner liberalen Grundüberzeugung auf den privaten Wohnungsbau.

Wachstumsschmerzen einer Zuzugsgemeinde

„Am 15. Januar 1927 zählte Singen 431 Wohnungssuchende“, ergaben die Recherchen der Historikerin Annemarie Conradt-Mach, die aus Anlass des 100-jährigen Bestehens eine Chronik zur Entwicklung des Vereins Haus und Grund Singen-Hegau verfasst hat. „Durch die Unterstützung des privaten Wohnungsbaus“, so schreibt sie weiter, „sah Bürgermeister Kaufmann die Möglichkeit mit vergleichsweise geringem öffentlichen Kapitaleinsatz relativ viele Baumaßnahmen zu fördern.“

Das funktioniert ganz gut. In der damaligen Konstanzer Zeitung findet Annemarie Conradt-Mach den Hinweis, dass seit Ende des Ersten Weltkriegs bis 1930 in Singen 1600 Wohnungen gebaut werden. Die für die Zeit vor rund 100 Jahren imposante Zahl verdeckt dennoch den akuten sozialen Sprengstoff. Viele Menschen können sich die Mieten für die Neubauwohnungen nicht leisten, die sich weit oberhalb der Mieten für Altbauwohnungen bewegen – es fehlt also an dem, was heutzutage als günstiger oder bezahlbarer Wohnraum bezeichnet wird. Edmund Kaufmann verfolgt dabei exakt die Strategie wie der heutige OB: Wenn viele (private) Bauherren in die eigenen vier Wände investieren, dann werden andererseits Wohnungen frei.

Zwischen ökonomischer Vernunft und sozialpolitischer Verantwortung

Aus dem Kontext der Recherchen von Annemarie Conradt-Mach lässt sich herauslesen, dass sich Edmund Kaufmann der Ausgewogenheit von ökonomischer Vernunft (also wie sich neue Wohnungen finanzieren lassen) und sozialpolitischer Verantwortung (also die Vermeidung gesellschaftlicher Spannungen durch die ungleichen Mieten) bewusst ist. So verwendet er den Begriff einer „Friedensmiete“, bei der sich die Mieten von Alt- und Neubauwohnungen aufeinander zubewegen. Die Notwendigkeit dafür ergibt sich für den Bürgermeister schlicht aus den Einkommensverhältnissen der Menschen.

Eine Aufnahme aus den 1920er Jahren. Einiges hat sich seither geändert, manches nicht – so ist Singen nach wie vor eine Zuzugsgemeinde. Bildquelle: Haus & Grund
Eine Aufnahme aus den 1920er Jahren. Einiges hat sich seither geändert, manches nicht – so ist Singen nach wie vor eine Zuzugsgemeinde. | Bild: Haus und Grund

Das Ergebnis dieser Politik spiegelt sich in den Daten über den sozialen Hintergrund der Mitglieder des Vereins Haus und Grund Singen-Hegau. 1951 – also gut 30 Jahre nach der Gründung – hat sich die Mitgliederstruktur so gut wie nicht verändert. „Von den 1730 Singener Hausbesitzern sind 745 Arbeiter und kleine Rentner, 228 Witwen, 62 Beamte, 43 Landwirte, 152 Auswärtige und 500 aus Handwerk und Handel“, heißt es dazu in der historischen Aufarbeitung von Annemarie Conradt-Mach.

Wohneigentum als Sparkasse und Alterssicherung

Und daran geändert hat sich nach Angaben des amtierenden Vereinsvorsitzenden Bernhard Hertrich auch in den folgenden knapp sieben Dekaden nichts. Keine Heuschrecken nirgends – so könnte man die Sichtweise der Haus-und-Grund-Verantwortlichen, dem heute rund 2000 Mitglieder angehören, zusammenfassen. Soll heißen: Die Immobilie wird im Einzugsbereich des Vereins selbst genutzt und was vermietet wird, ist eine Art Sparkässle oder Alterssicherung der Mittelschicht. Als solches wird Wohneigentum nach Einschätzung des Vorsitzenden auch künftig eingestuft – wobei er als Indiz unter anderem das Interesse und die Zielstrebigkeit von Menschen mit Migrationshintergrund wertet.

Das heißt aber auch, dass es in Singen und dem Hegau keine bedrohliche Ballung von Wohneigentum in den Händen von Immobilien-Konzernen gibt. So hat es der Verein bei seinen Mitgliedern laut Bernhard Hertrich überwiegend mit Besitzern von Immobilien zu tun, die beispielsweise zwei oder drei Wohnungen vermieten und die an einem guten Verhältnis zu den Mietern ein natürliches Interesse haben. Das übrigens geht bereits aus der Satzung des Vereins im Gründungsjahr 1919 hervor: Der „Schutz reeller Mieter gegenüber unreellen Vermietern“ ist da ausdrücklich als Vereinsziel festgeschrieben.

Gesetzliche Vorgaben mit schrägen Effekten

Dennoch wird die öffentliche Diskussion von den Bedingungen in den Ballungsräumen dominiert. Mietspiegel, Mietpreisbindung bis hin zum Szenarium der Enteignung von Wohneigentum haben dabei laut Bernhard Hertrich teils absurde Effekte. „Durch diese Debatte sind einige Vermieter bei uns erst auf die Idee einer Mieterhöhung gekommen, weil sie befürchten müssen, dass durch die Gesetzgebung eine spätere Anpassung nicht mehr möglich ist.“

Die aktuelle Debatte reiht sich für die Historikerin Annemarie Conradt-Mach dabei in eine seit der Vereinsgründung feststellbare wohneigentumsfeindliche Gesetzgebung ein. Ihr Fazit: „Waren es in Zeiten des Wohnungsmangels und der Wohnungsnot die Zwangsbewirtschaftung von privatem Hausbesitz, so sind es heute Eingriffe über das Steuerrecht und über Bauauflagen aller Art. Die Fantasie des Gesetzgebers ist unerschöpflich, Investitionen in Haus- und Grundbesitz zu erschweren und für wenig Begüterte nahezu unmöglich zu machen.“

Innenminister Thomas Strobl als Festredner bei Haus und Grund

  • Festakt mit Innenminister Thomas Strobl: Beim Festakt des Vereins Haus und Grund Singen-Hegau am Freitag, 15. November, um 19 Uhr in der Stadthalle Singen wird der Innenminister und stellvertretende Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Thomas Strobl, die festrede halten. Grußworte gibt es von Landrat Zeno Danner und Singens Oberbürgermeister Bernd Häusler.
     
  • Vereinszweck von Haus und Grund: Zu den Zielen zählt laut Gründungssatzung von 1919 die Mitwirkung „an einer gesunden, fortschreitenden Entwicklung der Stadt Singen“. Der Verein versteht sich dabei im Alltag als Dienstleistungs- und Beratungseinrichtung. So bietet der Geschäftsführer und Rechtsanwalt Florian Zimmermann zum Beispiel jeden Dienstag und Donnerstagvon 14.30 bis 18 Uhr Rechtsberatungen für Vermieter und Eigentümer, aber auch für Bauwillige und Käufer an. Zu dem Servicepaket des Vereins zählen ferner Architektenberatungen, Wertermittlungen oder etwa Leitfäden durch die diversen Versicherungsprodukte. Die Geschäftsstelle von Haus und Grund befindet sich in der Hegaustraße 35 in Singen.
  • In der SÜDKURIER-Serie „Debatte“ werden aktuelle Themen aus einer besonderen Perspektive dargestellt. Der heutige Beitrag beruht auf einer aus Anlass des 100-jährigen Bestehens des Vereins Haus und Grund herausgegebenen Dokumentation der Vereinsgeschichte.
  • Bisher in der Serie erschienen sind:

1. Simone Monné: Die neue Geschäftsführerin der Singener Lebenshilfe zu Für und Wider der Pränatal-Diagnostik:
http://www.sk.de/10294931

2. Der Singener Stadtbus oder die Ursachen der schlechten Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs in Zeiten des Klimawandels: http://www.sk.de/10315139

3. Die Einschätzung des SPD-Bürgermeisters Marian Schreier aus Tengen zur Wahlverfahren des Bundesvorstand-Duos seiner Partei: http://www.suedkurier.de/10323512

4. Die Fassaden-Begrünung des früheren Kino-Gebäudes in der August-Ruf-Straße als Vorzeigemodell für den ökologischen Umbau der Innenstadt:
http://www.suedkurier.de/10338337