Europa geht aufs Land – so lässt sich der Beginn eines Experiments der Volkshochschule des Landkreises Konstanz zusammenfassen. Vhs-Leiterin Nikola Ferling verdeutlichte im Vorfeld der Diskussion mit EU-Haushaltskommissar Günther Oettinger im Bürgersaal des Singener Rathauses die Absichten, die die Bildungseinrichtung mit der neuen Vortragsreihe verfolgt. Die Auseinandersetzung mit gesellschaftspolitischen Entwicklungen soll künftig nicht mehr nur in der Uni-Stadt Konstanz, sondern auch in Singen, Radolfzell und Stockach geführt werden.

Damit das Format erfolgreich wird, will man den Promi-Faktor nutzen – und was die Premiere anbelangt, hat die Vhs mit Günther Oettinger einen Coup gelandet. Dennoch sind sich Nikola Ferling und ihr Team offensichtlich bewusst, dass fürs Erste der überschaubare Bürgersaal anstelle eines großen Veranstaltungsorts wie etwa der Stadthalle genügt: 80, vielleicht 100 Besucher wollten am Freitagabend wissen, was Günther Oettinger über Europa zu sagen hat.

Und wie zu erwarten, drehte der Kommissar die ganz großen Räder. Günther Oettinger nahm geopolitisch Maß, ordnete das transatlantische Verhältnis im neuen globalen Koordinatensystem ein, äußerte sich über die binneneuropäischen Beziehungen etwa zu den osteuropäischen Ländern, streifte die historische Verantwortung Europas gegenüber Afrika in Folge des Kolonialismus, thematisierte die Mentalität der Deutschen als Angsthasen, erhöhte antizipierend die Budgets für Militär und Entwicklungshilfe zum Zwecke der Positionierung Europas in der Welt, nahm Stellung zum Rechtspopulismus, begab sich allerdings auch in die Niederungen der deutschen Politik von GroKo, Rente ab 70 und Merkelismus.

So ähnlich wird durchaus auch daheim auf dem Sofa beim Konsum von Tagesthemen oder Heute-Journal über die Welt geplaudert, wenngleich nicht mit der Souveränität und Erfahrung eines Günther Oettinger. Der Mann bringt einiges auf den Punkt und in diesen Fällen kommt ihm seine bekannte Aussprache in Form von Hacklauten ausnahmsweise zugute. "Entweder wir exportieren Stabilität oder wie importieren Instabilität", sagt er und meißelt damit beim Exkurs über den Krieg in Syrien eine politische Grunderkenntnis in die Gehirne der Zuhörer.

Bild: Sabine Tesche

Ähnlich einprägend sind seine Ausführungen zur Verortung von Nachbarschaftsverhältnissen. Aus europäischer Sicht sei Syrien beziehungsweise der Nahe Osten das Nachbarhaus – nicht die USA. Und wenn dieses direkte Nebeneinander funktionieren solle, dann müsse Europa über entsprechende Instrumentarien der Außenpolitik verfügen. Günther Oettingers Skepsis gegenüber der Vorgabe, wonach diesbezüglich einstimmige EU-Beschlüsse erforderlich sind, war dabei unüberhörbar.

Im Kontrast zum Schwergewicht der Themen stand die Leichtigkeit des Talks. Günther Oettinger leerte zusammen mit seinem Gesprächspartner Meinhard Schmidt-Degenhardt eine Flasche Rosé, schenkte sich und dem ARD-Moderator großzügig nach – Letzterem merkten die Besucher im Übrigen seine TV-Sozialisation deutlich an. Wie der Politiker wechselte Meinhard Schmidt-Degenhardt großzügig von einem Thema zum nächsten, fasste – wenn überhaupt – nur zaghaft nach und leitete dies mehrfach damit ein, dass er dies oder jenes doch "sehr spannend" oder "äußerst interessant" fand. Der Vorteil dieser Moderationstechnik ist der Unterhaltungswert und so erfuhren die Besucher so ganz nebenbei, dass für Günther Oettinger das Glück dieser Erde in einem 22-Uhr-Feierabend mit Käs' und Bordeaux besteht und er gerne Mittelstürmer beim VfB Stuttgart geworden wäre. So vergnüglich der Abend damit war – manch ein Besucher hätte sicherlich noch gerne die ein oder andere Frage gestellt.

Günther Oettingers Eintrag im goldenen Buch.
Günther Oettingers Eintrag im goldenen Buch. | Bild: Sabine Tesche

 

Günther Oettinger

Als Kommissar für Haushalt und Personal gehört der 64-Jährige der Regierung innerhalb des EU-Machtgefüges an. Aufgewachsen in Ditzingen bei Stuttgart studierte er nach dem Abitur Rechtswissenschaften in Tübingen und arbeitete danach als Wirtschaftsprüfer beziehungsweise Steuerberater. Seine politische Amtstätigkeit begann als Gemeinderat von Ditzingen, ab 1984 gehörte er dem Landtag an. Von 2005 bis 2010 war Günther Oettinger Ministerpräsident von Baden-Württemberg, danach wechselte er nach Brüssel. (tol)