Dunkle Wolken türmen sich über der Schaffhauser Altstadt. Es regnet seit gut einer Stunde und der nasse Herrenacker ist nur spärlich gefüllt. Die meisten Besucher drängeln sich an den überdachten Getränkeständen und die wenigen, die sich vor die Bühne wagen, sind in lange, weiße Regenponchos gehüllt – nicht gerade die besten Voraussetzungen für einen ausgelassenen Festivalabend.

Das merkt auch KT Tunstall, die am dritten Tag von Stars in Town große Mühe hat, das Publikum in Stimmung zu bringen. Mit Witz, Charme und einer Begrüßung auf Schweizerdeutsch versucht die schottische Sängerin, das Eis zu brechen, doch die Menge kommt nur langsam in Schwung. "Ich bin aus Schottland und habe den Regen mitgebracht. Ich wollte, dass ihr euch fühlt wie auf einem schottischen Festival", scherzt die Musikerin, bevor sie ihren ganz eigenen Mix aus eingängigen Popmelodien und bodenständiger Folkmusik präsentiert.

Unterstützt wird Tunstall dabei nur von ihrer Gitarre und ihrer, wie sie sie nennt, „billigen, aber zuverlässigen Band“ – einem Loop-Gerät. Die klare Stimme der Sängerin nistet sich schnell in den Gehörgang ein und rückt die schottischen Highlands für etwa eine Stunde ein Stückchen näher an die Schaffhauser Altstadt heran. Hits wie "Black Horse and the cherry tree" oder "Suddenly I See" bringen die Regenponchos schließlich doch noch zum Wippen und die kleinen Anekdoten der quirligen 43-Jährigen sorgen trotz des anhaltenden Regens für einige Lacher. So musste sie in Zürich einmal nur mit einem Badeanzug bekleidet in eine Hotelbar gehen, nachdem sie sich aus dem Poolbereich ausgesperrt hatte, erzählt sie. Trotz des miesen Wetters ist die Schottin mit ihrem Kurzbesuch in Schaffhausen zufrieden. "It was amazing", ruft sie, bevor sie sich von ihrem Publikum verabschiedet und ins Trockene verschwindet.

Anastacia heizt ihren Fans ein

Wenig später betritt die Frau die Bühne, auf die sich viele der angereisten Fans am meisten gefreut haben: US-Popstar und Stimmwunder Anastacia. Sie hätte sich keinen besseren Zeitpunkt aussuchen können, denn als sie die ersten Takte ihres Hits "Left outside alone" anstimmt, hat sich der Regen verzogen und die untergehende Sonne kämpft sich noch einmal durch die dichte Wolkendecke. Die langen Regenponchos verschwinden nach und nach und der Zuschauerraum ist voll.

Anastacia Lyn Newkirk, wie die Sängerin mit bürgerlichem Namen heißt, hat sich seit ihrem großen Durchbruch Anfang der 2000er-Jahre optisch kaum verändert: Mit Sonnenbrille, Jeansjacke und blonder Mähne steht die bald 50-Jährige auf der Bühne in Schaffhausen und strahlt ihrem Publikum entgegen. "Are you ready for some Evolution?", will sie von ihren Fans wissen. Und die sind mehr als bereit. Anders als ihre vom Regen ausgebremste Vorgängerin KT Tunstall braucht Anastacia nicht viel, um die Zuschauer in Stimmung zu bringen. Von der ersten Sekunde an ist die Menge da, singt mit, klatscht und tanzt zu Hits wie "Cowboys And Kisses", "Paid My Dues" und "One Day In Your Life".

Energiebündel Anastacia überzeugte das Publikum mit ihrer Stimmgewalt.
Energiebündel Anastacia überzeugte das Publikum mit ihrer Stimmgewalt. | Bild: Graf, Svenja

Nachdem am Abend zuvor noch ausschließlich Männerstimmen den Platz inmitten der Schaffhauser Altstadt beschallt hatten, sei der dritte Festivaltag der Tag der starken Frauen, freut sich Anastacia. Gleich drei davon auf einer Bühne, das sei in diesem Geschäft nicht üblich, erklärt sie und stellt bei dieser Gelegenheit auch gleich ihre beiden Background-Sängerinnen und den Rest der Band vor. Dass die Musiker auch ohne ihre Frontfrau überzeugen können, zeigen sie mit einem tanzbaren Medley, das die Amerikanerin nutzt, um in ein zweites Kostüm zu schlüpfen.

Neben ihrer gewohnt lustigen und lebhaften Art zeigt Anastacia in Schaffhausen auch ihre nachdenkliche Seite. "Wir müssen darüber reden, was gerade in der Welt passiert", mahnt sie und rät ihren Fans: "Es ist wichtig, die eigene Stimme zu nutzen." Diese Forderung untermauert sie mit dem Lied "Why", in dem sie singt: "We're living in a revolution, but we don't need weapons now" ("Wir leben in einer Revolution, aber wir brauchen jetzt keine Waffen"). Mit solchen Zeilen und ihrer kraftvollen und eindrücklichen Stimme fesselt Anastacia das Publikum auf dem Herrenacker und sorgt für den atmosphärischen Höhepunkt des Abends. Zum Abschluss ihres Auftritts zeigt sie noch einmal, was Frauenpower bedeutet: Sie heizt das Publikum für ihre Nachfolgerin an und verspricht: "Joss Stone will rock the house!"

Joss Stone hat es schwer

Ein Versprechen, das die Headlinerin des Abends vor eine große Aufgabe stellt. Die Engländerin gibt zwar vom ersten Lied an alles, tanzt über die Bühne, zeigt dem Publikum ihr schönstes Lächeln und präsentiert ihre große musikalische Bandbreite, aber so richtig will der Funke zwischen ihr und den Schaffhausern nicht überspringen. Die 31-Jährige versucht immer wieder, die Menge zum Mitsingen – oder wenigstens Mitsummen – zu animieren, aber so ausgelassene Feierstimmung wie zuvor bei Anastacia will bei der Soul-Sängerin einfach nicht aufkommen.

Die schottische Musikerin KT Tunstall musste gegen den Regen ansingen.
Die schottische Musikerin KT Tunstall musste gegen den Regen ansingen. | Bild: Graf, Svenja

An ihren musikalischen Qualitäten liegt es nicht: Joss Stone zeigt auf dem Herrenacker einmal mehr, warum sie bereits seit vielen Jahren als "Soul-Queen" gehandelt wird. Sie beherrscht die leisen, gehauchten Töne genauso perfekt wie die lauten Röhren und treibt ihre Stimme mit Leichtigkeit in die höchsten Lagen, als sei es das Natürlichste der Welt. Neben Liedern wie "Give More Power to the People" und "Love Me" hat sie für das Schaffhauser Publikum auch einen ihrer größten Hits in petto: "Right to Be Wrong". Dort heißt es: "Will endlich frei durchatmen und mein Lied singen, egal ob die Tonlage stimmt oder nicht." Die Tonlage stimmt an diesem Sommerabend in der Schweiz – nur die Stimmung will nicht so richtig zünden. Dazu hat Anastacia die Messlatte mit ihrem Auftritt einfach zu hoch gelegt.