E-Jugend, irgendwann in den 1960er Jahren. Die Dorfmannschaft aus dem schwäbischen Hirschlanden tritt auswärts im benachbarten Weil der Stadt an. Es ist klar, dass die Knirpse vom Land keine Chance gegen die Fußballer aus der Stadt haben. Die Träume aber blühen. Und so phantasiert das magere Kerlchen aus Hirschlanden, das es gerade mal eben so auf die Reservebank seines Teams geschafft hat: wie er eingewechselt wird; wie er auf der ungeliebten Linksaußenposition übers Feld stürmt; wie er dribbelt; und wie er mit letzter Kraft einen Heber ins Tor der Weil-der-Städter versenkt. Doch der Traum geht weiter. Das Kerlchen ist überall, in der Abwehr, im Tor, im Mittelfeld. Er ist der Held, der noch mit aufgeschürften Knien und Kopfverband sich aufreibt für die Mannschaft und so für alle Zeit seinen Platz unter den stabilen Bauernburschen aus Hirschlanden erobert. Von seiner Banknachbarin in der Schule kriegt er einen Kuss auf die Wange und zwei Kirschen.

Tatsächlich wurde nichts draus. Der Junge bleibt auf der Bank sitzen, Hirschlanden verliert und Erdbeeren schmecken sowieso besser. Die Idee aber obsiegt: Bis heute ist da der Traum, dass die Schwachen nach oben kommen, weil sie ihre Stärke in der Gemeinschaft erkennen. So wie die Schweden. Seit dem Wechsel von Zlatan Ibrahimovic in die USA schlägt die Stunde des Teams. Jeder für jeden, coole Köpfe statt Divenhaftigkeit. Oder wie es in einem guten alten Schweden-Sprichwort heißt: Wenn der Blinde den Lahmen trägt, kommen beide vorwärts.

Aber es gibt Konkurrenz. Vor allem die Isländer. Das ist auch so eine Hirschländer Truppe. Vom Land sind sie allemal, Gesichter wie aus Gneis gehauen, ein Block der Verteidigung, aber wenn sie den Ball haben, rennen zehn Mann auf einen Schlag wie von der Tarantel gestochen über den Platz. Was geht im Kopf eines Gegenspielers vor, wenn so ein knappes Dutzend Dörfler anrennt? Huhu tönt's von der Tribüne.

Im Traum also wird es zum Endspiel Schweden gegen Island kommen. Es ist die Phantasie vom Gewinn der Solidarität gegen den Egotrip, der Aufopferung des Einzelnen für die Gemeinschaft. Und es gibt Hinweise, dass es wirklich so kommt. Lionel Messis Elfmeter immerhin wurde schon gehalten. Cristiano Ronaldo hat sein Pulver verschossen. Und Neymar trägt Spaghetti auf dem Kopf.

Nur eine Mannschaft kann den Schweden und Isländern das Finale vermasseln. Die Deutschen. Denn Jogi Löw hat Leroy Sané als besten deutschen Einzelspieler zuhause gelassen und damit ein Zeichen der Gemeinschaft gesetzt. Und zweitens gilt, was immer galt: Fußball-WM ist, wenn 32 Mannschaften gegeneinander antreten und Deutschland im Endspiel steht.