Rückblick: Es ist das Jahr 2017, Deutschland hat gewählt. Für die SPD steht dabei fest, dass man sich diesmal nicht an einer Koalition mit der CDU beteiligt. Ein ermüdender Prozess von Verhandlungen beginnt, bis es schließlich Frank Walter Steinmeier richtet. Der Bundespräsident mit SPD-Parteibuch stellt das Staatswohl über das Parteieninteresse und überzeugt die Genossen davon, dass sie sich doch wieder in die Pflicht nehmen lassen. Doch in der Partei hadert man bis heute mit dieser Entscheidung wie jüngst die Wahl des neuen SPD-Bundespartei-Duos Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans verdeutlicht. Sie lassen sich als Kritiker an der GroKo inthronisieren, nach der Wahl aber reicht dann die Traute zum Bruch doch nicht.

So einer wie Andreas Stoch ist da anders unterwegs. Der SPD-Landesvorsitzende und Chef der SPD-Fraktion im Landtag hält am Sonntagabend beim Festakt im Singener Rathaus aus Anlass des 125-jährigen Bestehens des SPD-Ortsvereins ein Plädoyer für das Wesen der Demokratie – und das ist die Fähigkeit zum Kompromiss. Für den früheren Kultusminister ist dabei die CDU kein Wunschpartner, aber zum Selbstverständnis der SPD als ältester Partei Deutschlands gehöre eben die Orientierung am Gemeinwohl.

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Die SPD und ihre staatstragende Funktion sind für Andreas Stoch notwendiger denn je. Etwa in der Pflege, in der nicht die Kostenrechnung, sondern das Wohl von Menschen im Vordergrund stehe, oder beim Bedarf an bezahlbaren Wohnungen. Die Vorstellung, dass der Markt diese Probleme selbst reguliert, hält der Politiker für irrig und eben darin liege das Pfund seiner Partei: „Wenn es die SPD nicht schon gäbe, dann müsste man sie jetzt erfinden.“

Wo die SPD punkten könnte

Mühelos kann Andreas Stoch weitere Aufgaben im Dienste der Gemeinwohls auflisten, bei der die derzeit in Umfragen bei zwölf Prozent dümpelnde Partei locker punkten könnte. Etwa in der Bildungspolitik, bei der man es sich allein wegen der wirtschaftlichen Erfordernisse nicht erlauben könne, auch „nur ein einziges Kind zurückzulassen“. Oder angesichts der Folgen der Digitalisierung. Zwar sei es richtig, dass der (beispielhaft genannte) Saldo von 2,5 Millionen neuen und 1,5 Millionen wegfallenden Arbeitsplätzen unterm Strich positiv ausfalle. „Aber wer“, fragt Andreas Stoch, „kümmert sich um die Menschen, die dabei vom Karussell fallen?“

Der Ortsverein der Singener SPD verfügt über einige treue Anhänger. Das Bild zeigt unter anderem Dieter Möhrle (vorne, sitzend), der seit 50 Jahren dabei ist.
Der Ortsverein der Singener SPD verfügt über einige treue Anhänger. Das Bild zeigt unter anderem Dieter Möhrle (vorne, sitzend), der seit 50 Jahren dabei ist. | Bild: Tesche, Sabine

Immerhin, so die Einschätzung des SPD-Landeschefs, ist die Welt in Singen noch in Ordnung. Die in einem Grußwort von OB Bernd Häusler geäußerte Wertschätzung für die örtliche SPD tue gut – wie umgekehrt die SPD-Unterstützung des CDU-Oberbürgermeisters bei dessen Wahlkampf vor sieben Jahren für die souveräne Handhabung des politischen Alltags für den Ortsverein spreche. Gleichwohl rührt Andreas Stoch – vermutlich unbewusst – an einem brisanten lokalpolitischen Thema. Er fordert ein Ende der Zuschauerrolle der Politik und spricht sich dafür aus, dass das Land die Rahmenbedingungen für kommunale Wohnbaugesellschaften zu schaffen habe. Bei diesem Thema kommt es seit geraumer Zeit immer wieder zu Fingerhakeleien zwischen OB Häusler und der SPD-Fraktion im Singener Gemeinderat.

Keiner Herr und niemand Knecht

Mühelos in den Kontext der Überlegungen von Andreas Stoch lassen sich das Grußwort des Schaffhausener Stadtpräsidenten Peter Neukomm und der Vortrag der Leiterin des Singener Stadtarchivs, Britta Panzer, einordnen. Der Parteigenosse aus der Schweiz hebt den Stellenwert der deutschen Sozialdemokratie als „nicht zu unterschätzenden Impact auf die sozialdemokratische Familie in ganz Europa hervor“. Und Britta Panzer verdeutlicht die integrative Kraft der SPD in Singen mit einem Gedichtzitat des lokalhistorischen SPD-Granden Max Porzig, der darin das Ideal einer Gesellschaft beschwört, in der keiner mehr Herr und niemand länger Knecht ist.

Ehrungen und eine Liebeserklärung

  • Ehrungen: Der Festakt aus Anlass der 125-jährigen Bestehens des SPD-Ortsvereins Singen wurde zur Ehrung langjähriger Mitglieder genutzt. Seit zehn Jahren zur Partei gehören Thorsten Rauber, Simon Kurreck und Marco Matt. Für 25-jährige Parteizugehörigkeit wurden Steffen Lederle, Tobias Flemming und Iris Lingk geehrt. Ferner gibt es drei Mitglieder, die seit 40 zur SPD gehören: Ernst Tussing, Pia Falk und Helga Graf. Auf eine 50-jährige Mitgliedschaft bringen es Susanne Wolf und Dieter Moehrle.
  • Gruß eines Künstlers: Der Künstler Antonio Zecca wählte für seine Teilnahme am Festakt der SPD einen ebenso ungewöhnlichen wie unbequemen Platz. Unter einer von Laken verdeckten Stuhlkonstruktion verharrte er etwa anderthalb Stunden in strapaziöser Haltung und ließ sich in diesem abgedunkelten Raum von den Reden inspirieren. Schließlich krabbelte der Mann aus der Deckung und verarbeite seine Eindrücke in zwei Gemälden, die weiblichen Figuren in Rot glichen. Über die Kunstaktion verlor er nur wenige Worte: Bei der Inspiration handle es sich um eine Anlehnung an die Vorstellung eines Phönix aus der Asche beziehungsweise Wanderers durch die Welt. Er selbst empfinde dazu Bezüge als aus Italien stammender Mitbürger, der in Singen gut aufgenommen worden sei. Der SPD als prägender politischer Kraft der Stadt wolle er damit seinen Dank kundtun.

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