Sagen Sie mal, Frau Frank, was bedeutet für Sie „Tanzen“?

Das Tanzen ist mehr, als nur „sich zu bewegen“ oder „schön anzuschauen“: Tanz ist eine vielfältige Ausdrucksform, Tanz ist Kommunikation – nur eben auf nonverbaler Ebene. Wenn man sich darauf einlässt, dann nimmt man auch Dinge wahr, die zwischen den „Zeilen“ stehen. Daher kann der Tanz viel mehr ausdrücken, als es Worte je könnten.

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Sie haben die Formation „Frank & Friends Company“ gegründet und unter Ihrer Leitung ist ein innovatives Tanz-Projekt entstanden, das im November in der Singener Gems aufgeführt wird. Worum geht es da?

Tanzende gehen einer spannenden Frage nach: Wie kann eine zeitgemäße Tanz-Sprache im Jahr 2019 aussehen? Eine mögliche Antwort darauf geben wir mit unserer Produktion „Dance Fusion“, die das klassische Ballett mit Elementen aus Modern und Tango vereint. Man könnte sagen: Klassik trifft auf Electronic Sound, Tango flirtet mit Stepptanz, Spitzenschuhe gehen eine Symbiose mit der Schwerkraft ein.

Wir haben die Ausdrucksformen des Tanzens mutig gemischt und auf den Kopf gestellt. Die Akteure sind Künstler aus Italien, Mexiko, Brasilien und Deutschland – aus Berlin, Hamburg und Allensbach. Uns ist wichtig, dass es um Inhalte geht, die die Tänzer spüren, in Bewegung und Tanz umsetzen und so dem Zuschauer nonverbal vermitteln.

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Worum geht es? Um Zwischenmenschliches, konkret: um die Liebe?

Nicht nur. Generell werden alle möglichen Formen von Beziehung gezeigt. Also „Mann und Mann“ „Frau und Frau“ und „Mann, Frau, zu zweit“, „zu dritt“, „in offener Beziehung“ und: Die Reaktion darauf! Es ist doch so, wir halten uns alle für sehr offen, fortschrittlich, für souverän.

Dennoch muss ich bei manchen Beziehungsformen erst einmal schmunzeln, oder beurteile sie als schräg. Sich diesen Beziehungsformen zu stellen, sie genau zu betrachten, darum geht es in unserem Projekt.

Also geht es um Vorurteile?

Ja, um Vorurteile und Respekt vor der Andersartigkeit, vor dem Menschen als sexuelles Wesen in all seiner Vielfalt. Wir setzen das tänzerisch um. Unsere Tänzer gehen Beziehungen ein und musizieren auf allen Ebenen „mit den Füßen“. Das ist spannend.

Unterstützt werden wir von unserer Kostümbildnerin, die den Ausdruck durch die Kostüme unterstreicht. Nicht zuletzt werden die wunderbaren einzelnen Charaktere durch die Zeichnungen der Malerin Susanne Smajic charakterisiert.

Für die musikalische Gestaltung konnten Sie Laura Valdarrama gewinnen, die international Ebene ausgebildet wurde.

Ja, Laura hat bereits mit drei Jahren Klavier gespielt, mit fünf Jahren nahm sie an der Musikschule der Universität von Guanajuato Klavierunterricht und studierte am Nationalkonservatorium in Mexikostadt bei Konzertmeister Hector Rojas.

Von Mexiko, über Frankreich, den USA und Russland hat sie bei namenhaften Lehrern studiert und im Laufe Ihrer Karriere wurden ihr eine Vielzahl von Preisen verliehen. Dass sie in Kooperation mit Jan Friede nun die Musik für unser Tanztheater geschrieben hat, ist für uns ganz wunderbar.

Die Liebe zur Bewegung steht bei ihren Projekten stets im Mittelpunkt: Sarah Frank (Mitte) ist hier mit den Pädagoginnen Daniele Zepke und Verena Keller (von links) zu sehen – die drei Frauen haben 2018 ein interkulturelles Bewegungstheaterprojekt für Kinder aus Allensbach und Flüchtlinge organisiert.
Die Liebe zur Bewegung steht bei ihren Projekten stets im Mittelpunkt: Sarah Frank (Mitte) ist hier mit den Pädagoginnen Daniele Zepke und Verena Keller (von links) zu sehen – die drei Frauen haben 2018 ein interkulturelles Bewegungstheaterprojekt für Kinder aus Allensbach und Flüchtlinge organisiert. | Bild: Zoch, Thomas

Sie haben in der Vergangenheit selbst getanzt, konzentrieren sich aber nach einer Verletzung auf die Tanzpädagogik und Choreografie. Was genau machen Sie?

Ich war an dem „Feuersommer Konstanz“ beteiligt, der in Zusammenarbeit mit der Philharmonie unter der Leitung von Konstantin Tsakalidis stattfand, und bei der „Jan Hus Inszenierung“. Außerdem habe ich ein Indikationsprojekt für Geflüchtete und Allensbacher Kinder durchgeführt. Vorwiegend arbeite ich an Schulen im Bereich Tanzpädagogik, Sozialtraining, aber auch für die Inszenierung von Musicals.

Soweit ich weiß, haben Sie für eine große Schweizer Firma ein außergewöhnliches Projekt entwickelt, indem Sie die Wirkstoffe aus der Homöopathie im Tanz ausgedrückt haben. Das klingt jetzt sehr abstrakt.

Ja, das war es auch (lacht). Das war ein ganz außergewöhnlicher Auftrag für ein Firmenjubiläum und für mich in der Tat eine Herausforderung, an die ich mich erst einmal herantasten musste. Im Prinzip ging es darum, die Wirkstoffe der Homöopathie darzustellen, wie Sie auf den Menschen und die einzelnen Organe wirken.

Die Geschäftsführerin der Firma ist selbst künstlerisch veranlagt und hatte die Idee, den Ansatz der Homöopathie im Tanz darzustellen. Das liegt deshalb nah, weil der Tanz, genau wie die Homöopathie, den Menschen in seiner Gesamtheit betrachtet.

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Als Tanzpädagogin unterrichten Sie Parkinsonerkrankte im Tangotanzen. Welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht?

Der Tango ist ein sehr leidenschaftlicher Tanz mit einer klaren Rollenverteilung. Der Mann führt. Parkinsonerkrankte Männer, die im Alltag oft von ihren Partnerinnen „betüddelt“ werden, dürfen hier führen – und sogar „verführen“. Das gibt vielen neuen Auftrieb und tut der Beziehung gut.

Kommen wir noch einmal auf Ihre Aufführung in Singen zurück. An wen richten Sie sich mit dem Programm, das Sie Mitte November in der Gems aufführen?

Zuerst einmal an alle, die tanzbegeistert sind, die selbst tanzen, die dem Tanz gerne zuschauen. Aber auch an diejenigen, die das Thema Beziehung angeht – und das sind eigentlich alle Menschen – und die sich darauf einlassen wollen, Beziehungen aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten.

Was ist Ihnen bei diesem Projekt besonders wichtig?

Wichtig ist uns, dass wir unterhalten, dass wir ein Stück präsentieren, das den Zuschauern Spaß macht, in dem sie sich wiedererkennen. Ich sehe Parallelen zu einer Comedy-Veranstaltung. Da lacht das Publikum auch am meisten, wenn es sich selbst wiedererkennt. Und mit unserem Tanztheater spiegeln wir auch Verhaltensweisen und Beziehungen, auf nonverbaler Ebene.

Fragen: Nicola M. Westphal

Zur Gruppe

„Frank & Friends Company“, das sind Sarah Frank, Jazz Illing, Davina Wölfe-Obitz, Marie Kohlrausch, Andrei Medeiros Schlatter und Emmanuel Ramos. Die Gruppe hat sich 2019 gegründet. Unter der Leitung von Sarah Frank ist das Projekt „Dance Fusion“ entstanden. Sarah Frank (*1978) ist Tanzpädagogin und Choreografin und lebt in Allensbach. Am 15. und 16. November gastiert die Gruppe in der Singener Gems. Nach der Premiere laden die Akteure alle Gäste zum offenem Tangotanzen ein. Karten unter www.sk.de/tickets oder Telefon (0800) 999 1777.