Kaum was los am Hauserbrunnen und doch ist etwas anders an diesem Freitag. Es ist Internationaler Frauentag, aber die Menschen, die zu dieser Zeit in der Fußgängerzone unterwegs sind, lässt das weitgehend unbeeindruckt. Ab 14 Uhr verteilen Bürgermeisterin Ute Seifried, ihre Radolfzeller Kollegin Monika Laule und die Leiterin des Singener Kulturbüros Catharina Scheufele Rosen an Passantinnen. 300 Stück haben sie bestellt und die sind schnell an die Frau gebracht. Dann beginnt ein mehrstündiges Programm, in dem das Frauenwahlrecht, das vor 100 Jahren von Frauen erkämpft wurde, Kernthema ist. Mit einem Highlight am Schluss, als das Gems-Theater einen Ausschnitt aus ihrem neuen Stück präsentiert.

"Männer an den Herd"

Von der Gems aus sind die Frauen mit Bollerwagen und Transparenten in die Stadt gezogen. „Die Hälfte der Macht“ steht auf dem großen Transparent. Weitere Schilder mit Parolen wie „Männer an den Herd“ oder „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ werden hochgehalten. „Wir Frauen müssen an der Macht beteiligt werden“ – darin sind sich die Frauen einig.

Die Schauspielerinnen des Gems-Theaters Isabella Eisenhart, Gabriele Christ, Annette Günzler, Manuela Trapani, Susanne Egger, Eva Morandell und Claudia Mbianda haben sich in dem Stück „Her mit dem ganzen Leben“ unter der Regie von Marie Luise Hinterberger von den starken Frauen inspirieren lassen, die sich vor 100 Jahren für das Frauenwahlrecht und Gleichheit zwischen den Geschlechtern eingesetzt haben. Sichtlich entsetzt müssen sich die Männer, gespielt von Norbert Eckert, Sieghard Horstmann, Nikolaus Beck, Helmut Thau und Sava Vinokic anhören, was die Frauen wollen. Und sie wollen viel. „Menschenrechte haben kein Geschlecht“, tönt es aus dem Megaphon. Und weiter: „Die Bezahlung muss der Art der Arbeit entsprechen!“

Das könnte Sie auch interessieren

Gefordert wird auch, dass Männer nicht nur ihre Politik ändern müssen, sondern auch ihre Einstellung zu Frauen. Denn die Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen sei noch lange nicht erreicht. Immer noch seien deutlich weniger Frauen in Führungspositionen und das Teilen der Hausarbeit sei immer noch keine Selbstverständlichkeit.

Kampf mit einem Augenzwinkern

„Die Theatergruppe der Gems hat eine Szene aus ,Her mit dem ganzen Leben’, dem Kampf um das Wahlrecht der Frauen vor 100 Jahren, ernst und mit einem Augenzwinkern inszeniert. Wir sehen mutige Frauen, die unseren Weg bereitet haben. Ich bin sehr gespannt auf das Theaterstück im Mai im Ratssaal in Singen“, so Petra Martin-Schweizer, Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises Konstanz.

Ähnliche Anliegen äußerte die Frauenrechtlerin und Sozialreformerin Marie Juchacz vor rund 100 Jahren. Die Konstanzer Schauspielerin Margret Schröder schlüpfte am Frauentag in ihre Rolle. „Die Einführung des aktiven und passiven Wahlrechts ist der Schlüssel zur Gleichberechtigung“, hatte Marie Juchacz vor 100 Jahren gesagt. Sie war die erste Frau, die vor dem Reichstag reden durfte und am 19. Januar 1919 waren erstmals 37 Frauen (von 432 Abgeordneten) in die Nationalversammlung gewählt worden. Marie Juchacz hatte sich damals über eine Wahlbeteiligung von 85 Prozent gefreut und gesagt: „Ich hoffe, dass es in 100 Jahren fast 100 Prozent sein werden.“ Davon ist man allerdings bei Wahlen weit entfernt und auch der Anteil von Frauen in politischen Parlamenten oder in Führungspositionen ist immer noch niedrig.

Das könnte Sie auch interessieren

Im Rahmen der Aktionen am Hauserbrunnen hatte auch die Mädchengruppe des Hauses am Mühlebach einen Auftritt. „Wir sind stark“, heißt das Projekt, in dem sie ihre Erfahrungen mit Unterdrückung und sexueller Gewalt verarbeiten. „Musik und Tanz sind für die Mädchen ein wichtiges Mittel zur Bewältigung von Gewalterfahrungen“, so Marita Rhiem, die die Gruppe zusammen mit Vanessa Brack leitet. „Die Mädchen strahlen bei ihrem Tanz eine ganz besondere Kraft und Begeisterung aus“, findet Petra Martin-Schweizer.

Die Abteilung Kinder und Jugend war in der Fußgängerzone mit einem Stand vertreten. Dort konnten Frauen „Statements“ abgeben, warum sie sich als Frau stark fühlen. „Ich bin als Frau stark, weil ich als Frau meinen Mann stehe“ oder „Weil ich meine eigenen Entscheidungen treffe“ war da beispielsweise zu lesen. Schon am Morgen des Frauentags hatte der Tagestreff Freiraum der AGJ zu einem Frauenfrühstück in die in die Alemannenstraße 53 eingeladen. „Auf das Frauenfrühstück im Tagestreff Freiraum habe ich mich in diesem Jahr wieder sehr gefreut. Ein liebevoll und aufwändig gerichtetes Buffet und verschiedene Frauen an einer langen Tafel, die gleich miteinander ins Gespräch kommen, ist ein schöner Start in den Weltfrauentag,“ so Petra Martin-Schweizer.