Der große Saal der Stadthalle reichte dann doch nicht aus. Rund 700 Interessierte waren zur Premiere des Dokumentarfilms „Der Chronist“ von Marcus Welsch gekommen. Überwältigt war nicht nur der Regisseur, auch Wilhelm Waibel fand zunächst kaum Worte für diese überwältigende Resonanz. „Danke für diese Wertschätzung der Arbeit von Wilhelm Josef Waibel, Marcus Welsch und Carmen Scheide“, mit diesen Worten begrüßte Oberbürgermeister Bernd Häusler die Gäste.

Wilhelm Waibel blieb stets hartnäckig

Marcus Welsch, gebürtiger Singener, hatte den Film „Der Chronist“ mit seinem Team zwischen 2014 und 2018 gedreht. Doch die Vorarbeit dafür hat Wilhelm Waibel über rund 50 Jahre geleistet. Er ist hartnäckig drangeblieben, hat Einzelschicksale aufgedeckt und die Hände dabei in Richtung Kobeljaki ausgestreckt, sodass daraus 1993 eine Partnerschaft mit Singen wurde.

Stehender Applaus nach der Filmpremiere: Darüber freuen sich (v.l.) Oberbürgermeister Bernd Häusler, Projektleiterin Carmen Scheide, Regisseur Marcus Welsch, Wilhelm Waibel sowie Zofia und Mieczyslaw Niescior
Stehender Applaus nach der Filmpremiere: Darüber freuen sich (v.l.) Oberbürgermeister Bernd Häusler, Projektleiterin Carmen Scheide, Regisseur Marcus Welsch, Wilhelm Waibel sowie Zofia und Mieczyslaw Niescior. Bild: Susanne Gehrmann-Röhm

Wilhelm Waibel dankte allen, die ihn unterstützt haben. „Du hast mit deiner Klugheit, Distanz und Gelassenheit mitgemacht und diese gute Beziehung aufgebaut“, sagte Welsch an Waibel gerichtet. Der Film komme zwar spät, aber er habe damit bereits begonnen, bevor Willi Waibel Ehrenbürger von Singen wurde.

Bevor der Film startete, äußerte Waibel noch einen Wunsch: „Mögen unsere Mitbürger kritisch sein gegenüber denen, die schon wieder mit Hitlergruß durchs Land ziehen.“

Fall des Eisernen Vorhangs brachte neue Dynamik in die Recherchen

Zunächst nimmt Wilhelm Waibel die Zuschauer im Film mit in seinen Keller, sein persönliches Archiv. Dort hat er Erinnerungsstücke aufbewahrt. Er zeigt eine große Vase, außen dekoriert mit Hammer und Sichel, die er noch vor dem Zusammenbruch des Ostblocks bei einem Besuch geschenkt bekam. Und viele, viele Briefe, auch Tagebücher und kopierte Dokumente. Denn im Jahr 1989 kamen seine Briefe endlich an die richtige Adresse.

Wilhelm Josef Waibel ist "der Chronist" und überwältigt von der Resonanz bei der Filmpremiere. Bild: Susanne Gehrmann-Röhm
Wilhelm Josef Waibel ist "der Chronist" und überwältigt von der Resonanz bei der Filmpremiere. Bild: Susanne Gehrmann-Röhm

Der ukrainische Parteifunktionär Wasil Koteljar nahm Kontakt mit ihm auf. Er hatte dann sogar einen Aufruf in der dortigen Zeitung gestartet, dass sich Menschen, die in Singen im Zwangsarbeiterlager waren, melden sollten.

Eine Szene drehte Marcus Welsch mit seinem Team am alten Postweg bei Watterdingen. Dort war Ludwig Schimanski am 8. Oktober 1942 im Beisein von anderen Zwangsarbeitern an einem Birnbaum erhängt worden. „Das Thema war sehr unbeliebt im Dorf, alles wurde abgestritten“, erzählt Waibel. Sogar den Birnbaum hatte man später gefällt.

Schon als Kind interessierte sich Waibel

Schon als Kind hatte Waibel, Jahrgang 1934, sich für die Menschen interessiert, die damals im Gefangenenlager auf der Theresienwiese waren. „Ich wollte wissen, wer da war und wo die Leute inzwischen sind“, so Waibel. In den Büros der Großbetriebe bekam er jedoch meist keine Antworten. Erst in der Eisenbibliothek der Georg Fischer AG in Schaffhausen fand er viele brauchbare Dokumente.

"Der Film ist total interessant, denn bei der Aufarbeitung des Themas besteht Handlungsbedarf." Veronika Netzhammer, CDU-Gemeinderätin
"Der Film ist total interessant, denn bei der Aufarbeitung des Themas besteht Handlungsbedarf." Veronika Netzhammer, CDU-Gemeinderätin. Bild: Susanne Gehrmann-Röhm

Die politische Öffnung des Ostens habe wieder Auftrieb gegeben. Dann der erste Besuch in Kobeljaki, wo er vor den Einheimischen bei einem Treffen von ehemaligen Zwangsarbeitern sprach. „Diese erste Reise war die aufregendste“, so Waibel. Schließlich seien die Deutschen damals noch als Feind gesehen worden.

"Nach dem bewegenden Schlussbild, in dem die Ukrainierin sich ohne Bitterkeit für die Möglichkeit bedankt, ihr eine Stimme gegeben zu haben, stellt sich mir die Frage: Hängt eigentlich in einem der drei Großbetriebe eine Gedenktafel, die an die Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter erinnert?" Brigitte Quetting, Zuschauerin
"Nach dem bewegenden Schlussbild, in dem die Ukrainierin sich ohne Bitterkeit für die Möglichkeit bedankt, ihr eine Stimme gegeben zu haben, stellt sich mir die Frage: Hängt eigentlich in einem der drei Großbetriebe eine Gedenktafel, die an die Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter erinnert?" Brigitte Quetting, Zuschauerin. Bild: Susanne Gehrmann-Röhm

Im Film kommen natürlich auch ehemalige Zwangsarbeiter zu Wort. Der Pole Mieczysaw Niecior (Jahrgang 1935) zum Beispiel. Er war sogar eigens zur Filmpremiere aus seiner Heimat angereist. Er erzählt, wie er als Kind mit seiner Mutter bei einem Bauern in Weiterdingen war, seine Mutter bei der Maggi arbeiten musste. Er kümmerte sich im Kinderlager in Singen auch um die Babys und jüngere Kinder. Mieczysaw Niecior besuchte mit Marcus Welsch einige Bauernhöfe, wo er damals, zwischen 1943 und 1945, gewesen war.

Historiker sprechen über die Firmen

Warum die betroffenen Schweizer Firmen diese Vergangenheit immer verleugnet haben, darüber spricht Waibel im Film mit dem Historiker Christian Ruch, von 1997 bis 2001 Forscher und Teamleiter der Unabhängigen Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg („Bergier-Kommission“), sowie mit Albert Pfiffner, Unternehmenshistoriker bei Nestlé.

Die Bosse der Firmen seien schon relativ gut informiert gewesen, aber es habe sie nicht interessiert, dass es Zwangsarbeiter gab. „Sie sollten es als Teil ihrer Firmengeschichte anerkennen“, sagt Ruch.

Auch Albert Pfiffner kann die Leute, die dieses Unrecht getan haben, nicht entschuldigen. „Es ist wichtig, dass die Unterlagen aufbewahrt werden, denn das darf nicht vergessen werden“, so Pfiffner. Und: „Wie die Zwangsarbeiter behandelt wurden, das wissen wir nur dank Herrn Waibel.“

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