Wer sich für eine Operation zu einem stationären Aufenthalt in ein deutsches Krankenhaus begibt, der erwartet bei der Behandlung und Pflege einen hohen Standard. Doch während die technischen Möglichkeiten im Gesundheitswesen immer ausgereifter werden, krankt das System an der Überlastung des Pflegepersonals. Der Mangel an Fachkräften hat nun auch die Intensivstation des Singener Krankenhauses erreicht. "Das hat zur Folge, dass dort nicht alle Betten belegt werden können", sagt Sylvia Nosko. Die Geschäftsstellenleiterin des Bezirks Schwarzwald-Bodensee bei der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi hatte am Dienstag im Rahmen einer bundesweiten Aktion auch in den Häusern des Gesundheitsverbundes Landkreis Konstanz (GLKN) die Pflegekräfte zu einer aktiven Pause aufgerufen. Wie auch Mitglieder aus dem Betriebsrat des Singener Krankenhauses bestätigen, komme es immer häufiger vor, dass die Pflegefachkräfte wegen des Personalmangels ihre Pausen gar nicht oder nur unzureichend einhalten könnten.

Bereits in der vergangenen Woche hatte Verdi die Pflegekräfte dazu aufgerufen, den vorgegebenen Zeitrahmen für die Hände-Desinfektion einzuhalten. Auch das zählt zu den Standards moderner Medizin, die ein Patient erwarten kann. In der kommenden Woche will die Gewerkschaft die Pfleger dazu aufrufen, ihre Ruhezeiten einzuhalten und nicht kurzfristig einzuspringen, wenn Kollegen ausfallen. Mit diesen Aktionen will Verdi die Politik zum Umdenken bewegen. "Wir fordern eine gesetzliche Personalbemessung analog zu den Richtlinien in Kindergärten", sagt Sylvia Nosko. "Denn nicht der Mangel an Köpfen ist das Problem, sondern die Arbeitsbelastung der Fachkräfte. Uns fehlt die Zeit." Die Engpässe auf den Stationen entstünden, weil sich die Beschäftigten in der Pflege aus Gründen des Selbstschutzes immer öfter für Teilzeitverträge entschieden.

"Die Arbeitsbedingungen müssen sich deutlich verbessern", sagt Nosko und weiß dabei den Betriebsrat im Singener Krankenhaus auf ihrer Seite. "Ich sehe auch die Not der Arbeitgeber", sagt sie. Doch das dürfe nicht auf dem Rücken der Pflegekräfte ausgetragen werden. "Wenn Personal fehlt, werden wir Betten schließen", gibt Nosko sich kämpferisch.

Der Gesundheitsverbund im Landkreis Konstanz reagiert auf seine Weise und hat eine große Anwerbeaktion gestartet. "Es werden verstärkt im Ausland Pflegekräfte akquiriert", erklärt Verbundsprecherin, Andrea Jagode. "Es gibt Länder mit einem Überhang an Pflegepersonal. Dort ist der Pflegeberuf oft mit einer universitären, vierjährigen Ausbildung verbunden."

Ein Team aus Pflegedirektion und Personalleitung habe in Neapel (Italien) über 50 Bewerbungsgespräche geführt. "22 Bewerber wurden ausgewählt und absolvieren seit dem 3. Juli Deutsch-Intensivkurse", berichtet Andrea Jagode. Ab Mitte Oktober starte im Gesundheitsverbund ein Traineeprogramm für die ausländischen Pflegekräfte in Singen mit fachspezifischem Deutsch, Übungen zum Klinikalltag, Geräteeinweisungen und anderem. Am 31. Mai 2018 müssen sie eine Prüfung absolvieren, bevor sie vom Regierungspräsidium als Gesundheits- und Krankenpfleger anerkannt und auf den Stationen eingesetzt werden können.

"Die Rekrutierung ausländischer Mitarbeiter geht weiter", sagt Andrea Jagode. Um dem Fachkräftebedarf gerecht zu werden, sei bereits für Ende des Jahres ein weiteres Auswahltreffen in Neapel geplant.

Politisches Frühstück

Kurz vor der Bundestagswahl hat das Thema Pflegenotstand dem Wahlkampf noch einmal etwas Brisanz verliehen. Nachdem ein junger Pfleger Kanzlerin Angela Merkel in der ARD mit unangenehmen Fakten aus dem Pflegealltag konfrontiert hat, sollen am Mittwoch ab 10 Uhr auch Kandidaten aus dem Wahlkreis bei einem politischen Frühstück der Arbeitnehmerseelsorge und des Pflegestammtisches zu dem Thema zu Wort kommen. Der SÜDKURIER-Politik-Redakteur Nils Köhler wird die Diskussion leiten. Ihre Teilnahme zugesagt haben Andreas Jung (CDU), Tobias Volz (SPD), Martin Schmeding (Bündnis 90/Die Grünen) und Simon Pschorr (Die Linke). Die Veranstaltung findet im Bildungszentrum Singen, Zelglestraße 4, statt. (gtr)