Herr Brandl, im Rahmen des SÜDURIER-Wissensforum gehen Sie der Frage nach: Warum leben so viele Menschen nicht das Leben, das sie möchten? Wie kommen Sie darauf, dass dem so ist?

Als Beispiel: Gehen Sie doch einmal an einem sonnigen Tag durch eine Fußgängerzone und schauen sich die Menschen an. Wer von ihnen hat wirklich eine glückliche Ausstrahlung? Die meisten laufen mit herunter gezogenen Mundwinkeln, schauen mürrisch und das hat einen Grund. Viele von denen leben in Beziehungen, die sie nicht glücklich machen, gehen Tätigkeiten nach, die sie nicht erfüllen – ja, schlimmstenfalls sogar anöden. Und warum? Weil man es so macht.

Einmal die Weichen für eine Partnerschaft oder einen Beruf gestellt, trauen Sie sich nicht gewohnte Bahnen zu verlassen, verharren in ihrer Situation, auch wenn sie dabei unglücklich sind.

Es gibt aber doch auch äußere Umstände, die es uns nicht ermöglichen so zu leben, wie wir es gerne wollen.

Natürlich. Bei jedem gibt es Lebensphasen, in denen er nicht leben kann, wie er es gerne möchte. Das sind dann aber Extremsituationen, wie beispielsweise bei Krankheit, Pflegebedürftigkeit der Eltern, des Partners oder dem Verlust der Arbeit. Ich meine aber die anderen 95 Prozent. Viele bleiben in einer unglücklichen Situation, leben ein Leben voller Unzufriedenheit und Sehnsüchten.

Sie behalten ihren Job, weil sie vielleicht das Eigenheim abbezahlen müssen, bleiben in einer Ehe, in der sie aneinander vorbei leben. Sie meinen, sie müssten so leben, dabei tun sie sich selbst – und im Übrigen auch ihren Kindern – damit keinen Gefallen. Die Grundfrage ist doch: Lebe ich so, wie ich leben möchte? Und damit meine ich keine Spinnereien wie einen Ferrari zu fahren oder auf Hawaii in einer Hängematte zu liegen, sondern die reelle Frage: Wie hätte ich mein Leben gerne?

Und dann? Was mache ich, wenn ich mir selbst die Frage beantwortet habe?

Der erste Schritt ist, reinen Tisch zu machen und mit meinem Partner, meiner Partnerin gemeinsam zu entscheiden, was realisierbar ist und welche Möglichkeit es gibt, diese Sollvorstellung zu erreichen. Und dabei darf man sich durchaus auch bewusst sein, dass jede Entscheidung, die man trifft, ebenso neue Möglichkeiten bietet, wie auch einen Verzicht mit sich bringen kann.

Ihren Vortrag hängen Sie am Beispiel des Piloten „Sully“ Sullenberger auf, der im Januar 2009 nach einem Ausfall beider Triebwerke seinen Airbus sicher im Hudson River vor New York landen konnte. Auf diese Weise konnte er einen Absturz über Manhattan abwenden. Warum nehmen sie gerade dieses Beispiel?

Das Beispiel „Hudson River„ ist aus mehreren Gründen für einen Vortrag gut geeignet. Erstens kennt die Geschichte fast jeder und kann sie sich gut vorstellen und zweitens steht sie sinnbildlich dafür, dass wir immer einen Plan B in petto haben sollten, um im Extremfall intuitiv reagieren zu können. Ich bin selbst als Pilot für eine Airline geflogen und habe mich gefragt: Was kann ich aus der Luftfahrt fürs Leben oder auch eine Unternehmensführung lernen?

Die Luftfahrt ist ein gutes Beispiel zu zeigen, dass Entscheidungen wie bei Sully den Unterschied zwischen Crash und erfolgreicher Landung ausmachen. Für mich ist es als Mensch, Pilot und Unternehmer das Schlimmste, kalt erwischt zu werden. Sully war auf Situationen wie die Notlandung vorbereitet und war deshalb in der Lage, in einer Extremsituation innerhalb von 15 Sekunden eine Entscheidung zu treffen, mit der er Menschenleben gerettet hat.

Wenn ich mir darüber Gedanken mache, wie ich in einer Extremsituation reagiere, beschäftige ich mich dann nicht zu viel mit Horrorszenarien und gerate somit in negative Gedankenspiralen?

Nein, Gedanken an Krisensituationen sind Vorsorge. Ich erkläre es an einem Beispiel. Wenn Sie Kinder haben, dann ist es durchaus richtig, mit ihnen zu besprechen, was man tut, wenn es einmal im Haus brennen sollte. Auch wenn das hoffentlich nie der Fall sein wird, aber im Brandfall sind sie vorbereitet, haben einen gedanklichen Vorsprung und das nimmt ihnen Angst und ermöglicht ihnen Handlungsfähigkeit.

Diese Vorgehensweise, einen Plan B zu haben, ermöglicht Handlungsspielraum für das Privatleben, wie auch für Unternehmen. Nimmt man sich als Unternehmer mit seinem Team Zeit und spielt einen Krisensimulator durch, bleibt es einem in der Regel erspart, ins kalte Wasser geworfen zu werden. Dann kann man vorbereitet handeln und das hat nichts damit zu tun, sich den Kopf über ungelegte Eier zu zerbrechen.

Ihr Vortrag ist also ein Plädoyer für Klarheit und Orientierung. Wer kommt zu Ihren Vorträgen?

Das Schöne ist, dass ich jedes Mal ein komplett gemischtes Publikum habe. Das ist für mich eine Herausforderung, denn ich will jeden dort abholen, wo er sich befindet. Das sitzt die Managerin aus der Führungseben neben einem Rentner, die alleinerziehende Mutter neben einem Angestellten und mittendrin viele Jugendliche. Grundsätzlich kommen Leute zu meinen Vorträgen, die ihr Leben stärker in die Hand nehmen wollen, die dafür Impulse und Inspiration suchen.

Sie sind Pilot, Autor, Speaker, Unternehmer und Managementberater. Dabei pendeln Sie zwischen Berlin und Los Angeles. Was treibt Sie an?

Mir macht das, was ich tue, richtig Spaß. Ich mag Dynamik, bewege gerne etwas und möchte Menschen inspirieren.

Mit Ihren mehr als 3000 Veranstaltungen in 23 Ländern und als Präsident der German Speakers Association sind Sie voll ausgelastet. Das erinnert mich ein wenig an den ehemaligen Vorstandschef Thomas Middlehoff, der nach einer außergewöhnlichen Situation zu Bodenständigkeit und Ruhe gefunden hat. Glauben Sie, Ihr Tempo dauerhaft durchhalten zu können?

Jein! Natürlich merke ich an manchen Punkten, dass ich nicht mehr 20 bin und muss auf mich achten. Denn oft sind diejenigen, die an Burn-out erkrankten, Menschen, die ihren Job geliebt und zu viel Gas gegeben haben.

Ich sehe es eher als Challenge, in meiner Mitte zu bleiben, mir Zeit zu nehmen, mich zu überprüfen, ob ich mich noch auf dem Weg befinde, der mich glücklich macht und erfüllt – und wenn notwendig, etwas zu ändern. Auch wenn ich das, was ich mache, liebe, schalte ich ganz bewusst abends den Rechner aus, nehme mir Pausen und Auszeiten, so dass ich auf einem guten Level bin.

Was bedeutet letztendlich ein perfektes Leben?

Für den einen bedeutet es beruflicher Erfolg, kommerzielle Ziele zu verfolgen, zu powern, auch wenn man damit über Grenzen geht oder sogar das Risiko von gesundheitlichen Problemen auf sich nimmt. Für den anderen heißt es minimalistisch zu leben, auf einem Baumstumpf zu sitzen und auf einen Fluss zu schauen.

Wieder für andere kann das perfekte Leben die Ausgewogenheit zwischen Beziehung, Spiritualität, Bildung und Entwicklung bedeuten. Wichtig ist jedoch, die Grundsatzfrage nicht aus den Augen zu verlieren: Führe ich das Leben, das mich glücklich macht?

Fragen: Nicola Westphal

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