Mehr als 100 Bürger haben sich beim Erdbebendienst Südwest gemeldet. Sie berichten von einem Grollen, einem Knall und Erschütterungen in Gebäuden. Gläser und Geschirr hätten geklirrt. Erste leichte Schäden an Gebäuden werden nach SÜDKURIER-Informationen aus Hilzingen gemeldet.

Erdbeben-Fachmann Wolfgang Brüstle vom Landeserdbebendienst in Freiburg erklärte auf SÜDKURIER-Nachfrage, die Serie könnte noch länger andauern, "noch Wochen oder Monate", sagt der Experte. Vor knapp zwei Wochen, am 3. November, hatte ein Beben der Stärke 3,0 zum ersten Mal seit 20 Jahren den Hegau erschüttert. Dieses Beben um 6.48 Uhr hatten viele Menschen gespürt. Das neuerliche am Montag erfolgte um 3.06 Uhr, als viele Menschen noch schliefen und gar nichts davon mitbekommen haben.

Die Beben-Serie: In den vergangenen Wochen hatte es im Raum Hilzingen insgesamt rund 30 Erdstöße gegeben, zumeist in einer Tiefe von fünf Kilometern. Solche Erdbeben-Serien kommen auch in Baden-Württemberg immer wieder vor, jedoch nicht besonders häufig, wissen die Geologen. Etwa einmal alle paar Jahre würden hierzulande solche Serien registriert. Für den Hegau sei die aktuelle Serie "nicht alltäglich".

Die Vorhersagen: Ob es im Hegau zu weiteren Beben kommen wird, lässt sich nicht vorhersagen, heißt es aus der Freiburger Behörde.
Es könnten auch heftigere Erdstöße folgen, "aber die sind immer möglich, jederzeit, auch ohne eine solche Serie, wie wir sie derzeit registrieren", sagt Wolfgang Brüstle. Erdbeben ließen sich generell nicht vorhersagen, so wie etwa das Wetter.

Die Meldungen: Nach dem Beben am Montag gab es rund 100 Meldungen von Bürgern. "Die Menschen sind für das Thema spürbar sensibilisiert", sagt Erdbeben-Fachmann Brüstle. "Wir bekommen informative Meldungen". Nach dem etwas stärkeren Beben vor elf Tagen gab es rund 500 Hinweise aus der Bevölkerung.

Die Bürger-Reaktionen: Unter Hilzingens Bürgern wurden bei einer Umfrage unserer Redaktion mehrfach die Sorge geäußert, ob mit noch schlimmeren Erdbeben in nächster Zeit zu rechnen sei. Monika Hägele (Hilzingen) wurde durch das Erdbeben wach: "Es war ein kurzer Rumms und nicht so stark wie beim letzten Mal. Aber ich fand es unheimlich." Helga Post aus Riedheim: "Ich bin durch das Erdbeben aufgewacht. Letztes Mal war es zwar stärker, doch dieses Mal haben bei uns sogar die Fenster gezittert." Markus Klaus (Weiterdingen) hat nichts gemerkt: "Ich habe erst heute Morgen durch Arbeitskollegen davon erfahren", sagt der Bauhof-Mitarbeiter. Richard Reimold (Hilzingen): "Ich habe nichts vom Erdbeben gemerkt.
Wenn ich schlafe, dann schlafe ich."

Die Stärke: Mit 2,6 und 3,0 gehören die Hilzinger Erdstöße zu den schwachen Erdbeben. Starke Erdbeben mit katastrophalen Auswirkungen sind in Baden-Württemberg zwar selten, aber nicht ausgeschlossen.

Der Hegau-Vulkanismus: Hängt das Beben mit den Hegau-Vulkanen zusammen? Das fragen sich jetzt viele Hegauer. "Dafür ist die Wahrscheinlichkeit gering, denn die Vulkane sind seit langer Zeit erloschen. Allerdings können wir einen Zusammenhang auch nicht vollständig ausschließen. Da das Epizentrum nahe am Hohentwiel liegt, werden wir das in nächster Zeit genau beobachten", erklärt Experte Wolfgang Brüstle.

Das Neuseeland-Beben: Mit dem schweren Erdbeben von Neuseeland am Wochenende dürften die Hilzinger Erdstöße nichts zu tun haben. Genau so wenig wie jüngst mit den schlimmen Beben in Italien.

Erste Schäden: Seit 2007 lebt Klaus Kießling mit seiner Familie in seinem Einfamilienhaus im Gottmadinger Ortsteil Ebringen. Von der Anhöhe aus sieht er auf das benachbarte Hilzingen, das in den vergangenen zehn Tagen nicht mehr richtig zur Ruhe gekommen ist. Nachdem am 3. November morgens um kurz vor 7 Uhr ein Erdbeben den Hegau erschüttert hat, gab es zahlreiche kleinere Nachbeben. Die Serie rüttelte zuletzt in den frühen Morgenstunden des Montags die Menschen wach. Um 3.06 Uhr erlebte auch Klaus Kießling zunächst einen mächtigen Schlag, der dann gleich noch gefolgt wurde von einem Geräusch, das der Ebringer so beschreibt: "Es hörte sich an, als wenn Kies in einen großen Krater geschüttet wird." Das ganze Haus habe gezittert. Die Fenster des Einfamilienhauses, die erst vier Jahre alt sind, hätten geknackt.

Das Ereignis beunruhigte Keißling und seine Frau so sehr, dass beide anschließend keinen Schlaf mehr fanden. Gleich am Morgen untersuchte der Mitarbeiter einer Engener Metallfirma sein Haus intensiv nach Schäden, hatte er doch schon nach dem ersten Beben vom 3. November Risse an der Garage bemerkt. "Der Riss an der Außenkante der Garage hat sich noch einmal deutlich geweitet", sagt Kießling. Acht Millimeter hat er mit dem Zollstock gemessen. Auch im Innern der Garage verläuft ein großer Riss durch den Estrich und weitere an den Wänden. Schon nach dem ersten Ereignis hat der Eigenheimbesitzer den Elementarschaden an seine Versicherung gemeldet. Die habe ihm versichert, dass sich ein Gutachter der DEKRA die Schäden ansehen werde. "Bisher war aber noch niemand da", sagt Kießling und vermutet, dass auch andere Versicherte sich nach der Bebenserie gemeldet haben. Ob auch Nachbarn Schäden an ihren Häusern bemerkt haben, weiß der Ebringer nicht. Dafür ist das Ereignis noch viel zu frisch.

Das sagt der Bürgermeister: „Ich kann eine gewisse Verunsicherung der Leute verstehen, zumal diese Erdbebenschwärme, wie sie sich schon seit knapp zwei Wochen im Hegau ereignen, in der Region eine Seltenheit sind“, erklärt der Hilzinger Bürgermeister Rupert Metzler. „In absoluter Sicherheit kann sich niemand wiegen. Mir sind aber noch keine Schäden bekannt. Und Experten betonen, dass bei uns keine Erdstöße schlimmeren Ausmaßes zu erwarten sind“, sagt er.

Die Versicherungen: „Wer Risse an Gebäude entdeckt, sollte diese der Versicherung melden. Sie wird diese dann prüfen. Bei Unklarheit wird ein Sachverständiger hinzugezogen“, schildert Manfred Meßmer, der in Gottmadingen ein Versicherungsbüro betreibt. Es müssten aber schon gravierende Schäden sein, wenn die Versicherung dafür aufkommen soll. Kleinere Haarrisse könnten auch schon entstanden sein, bevor es Erdstöße gegeben habe. „Solche Schäden werden oft erst dann erkannt, wenn Eigentümer ihre Gebäude nach solchen Vorfällen genau inspizieren“, sagt Meßmer.

„Unsere Versicherung hat vor einigen Jahren vereinzelt Zahlungen für gemeldete Schäden geleistet, als ein Ausläufer eines Erdbebens mit Epi-Zentrum im Hohenzollern-Graben den Hegau erreichte“, so Georg Jortzik, der in Hilzingen eine Versicherungsagentur führt. Zwei eingegangene Schadensmeldungen gab es bei einer Hegauer Sparkassen-Versicherung. Die haben aber wenig Aussicht auf Erfolg. "Leistungen sind erst erhältlich bei Erdbeben-Stärken von 3,5. Die Fälle müssten dann geprüft werden", erklärt Sylvia Knittel als Pressesprecherin der Zentrale der Sparkassen-Versicherung in Stuttgart.

Die habe nach Erdbeben aber schon immensen Schadensersatz leisten müssen. "Nach Erdstößen in Albstadt im Jahr 1978 mit einem Wert von 5,8 mussten wir etwa 120 Millionen Euro zahlen. Vier Millionen Euro waren es, als im September 2004, die Erde mit einer Stärke von 5,4 in Waldshut bebte und über 7000 Schäden gemeldet waren", so Sylvia Knittel.