Politisch gesehen war sie schon ganz oben, sie regierte in Berlin, sie war Bundesministerin für Bildung und Forschung und stellvertretende Vorsitzende der CDU Deutschland. Die Rede ist von der ehemaligen Spitzenpolitikerin Annette Schavan. Heute macht sie nur noch das, was sie interessiert.

Interessiert hatte sie sich scheinbar für Singen. Hier stellte sie sich bei der Vortragsreihe "WissensWert" allerlei Fragen von Jörg Lichtenberg, Leiter der Seelsorgeeinheit Singen, und Monika Fander, Leiterin des Bildungszentrums Singen. Gekommen waren rund 150 Interessierte, auch deren Fragen wollte Annette Schavan beantworten.

"Religion ist ein wichtiger politischer Faktor"

Die Fragen der beiden Moderatoren bezogen sich auf ein breites Spektrum von Schavans politischer Karriere, auf ihre persönlichen Erfolge und Niederlagen, auf die CDU, die Asylpolitik, die Kirche, den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche und ihre Erfahrungen als Botschafterin beim Heiligen Stuhl. Immer wieder spannte sich der Bogen darüber, wie sich Politik und Christsein verbinden lässt. "In Europa müssen wir lernen, dass Religion ein wichtiger politischer Faktor ist", sagte Schavan.

Das Zusammenleben von Menschen verschiedener Religionen sei nicht die Mutter aller Probleme – so hatte es Innenminister Horst Seehofer (CSU) unlängst formuliert -, sondern eine Chance, meinte Schavan. Man müsse sich der Frage stellen, wie man diese Vielfalt als Chance nutzen könne. Wichtig sei, nicht übereinander zu reden, sondern miteinander. Die Christen hätten eine gemeinsame Verantwortung in der Welt.

Schavan zieht ihre Zuhörer in den Bann

Das Reden hat die ehemalige Politikerin nicht verlernt. Die sympathische und gepflegt aussehende Frau zog die Zuhörer in ihren Bann, sie wusste auf die zahlreichen Fragen immer eine Antwort. Nur selten musste sie kurz überlegen, bis sie die richtigen Worte fand.

Applaus für Annette Schavan von rund 150 Gästen der Gesprächsrunde im Rahmen der Serie "WissensWert" in Singens Stadthalle. Bild: Sandra ...
Applaus für Annette Schavan von rund 150 Gästen der Gesprächsrunde im Rahmen der Serie "WissensWert" in Singens Stadthalle. Bild: Sandra Bossenmaier

Im Jahr 2013 stolperte die damalige Bundesbildungsministerin über Plagiatsvorwürfe im Zusammenhang mit ihrer Doktorarbeit. Sie beteuerte ihre Unschuld, trat aber dennoch von ihrem politischen Amt zurück. Im Anschluss daran wurde sie deutsche Botschafterin beim Heiligen Stuhl in Rom, beim Oberhaupt der katholischen Weltkirche.

Schavan äußert viel Sympathie für Papst Franziskus

Der Ortswechsel sei zu diesem Zeitpunkt richtig für sie gewesen, sagte Schavan. Vier Jahre übte sie diese Tätigkeit aus und gewährte den Zuhörern einen eindrucksvollen Blick hinter die Kulissen des Vatikans und auf Papst Franziskus selbst. Diesen habe sie als einen sanftmütigen Menschen erlebt, der das offene Wort schätze und der wirklich eine Erneuerung der Kirche wolle. Und der übrigens auch eine Affinität zu Deutschland habe. Der Papst habe eine große Ausstrahlung von Normalität, sie habe ihn als einen Menschen erlebt, der durch und durch aufmerksam ist.

"So wie die Welt heute ist, ist sie im Sinne der Würde des Menschen nicht zufriedenstellend."

In ihrer Zeit im Vatikan habe sie theologisch einen roten Faden gefunden, so Schavan. "Was uns wichtig ist, geht verloren, wenn wir es nicht erneuern", erläuterte sie. Geprägt von der Theologie, hat Annette Schavan viel Zeit auf den politischen Bühnen verbracht. Sie erlebte schwierige Konflikte, wie bei der Kopftuchdebatte oder Themen wie der Stammzellenforschung. "So wie die Welt heute ist, ist sie im Sinne der Würde des Menschen nicht zufriedenstellend", warnte sie.

Die Sintflut werde nicht nach uns stattfinden, sondern neben uns. Der Papst, den sie kennen gelernt hat, ermutige zu Erneuerung. Für Christen sei jetzt eine Haltung nötig, die sich nicht durch Festhalten, sondern durch Erneuerung kennzeichnet. Kreativ sein und aufbrechen, könnte eine Devise lauten.

Apropos Kopftuchdebatte und Kleiderordnung: Schmunzelnd erzählte die ehemalige Botschafterin von ihrem Kleidungsstil im Vatikan. So ganz hatte sie sich nicht an die vatikanische Kleiderordnung gehalten. Eine ordentliche Kleidung beim Besuch des Papstes stand außer Frage, aber einen Schleier trug sie nicht. Stattdessen einen schwarzen Hut. Doch auch diesen legte sie nach zwei Jahren im Amt ab. Schwarze Kleidung, so wie es sich bei einer Papstaudienz gehört, trug sie aber immer.