Hegau/Schaffhausen Erzählzeit bringt Autoren in die Hegau-Orte

Jess Jochimsen begeistert bei Literaturfestival in Hilzingen, Lukas Holliger las in Mühlhausen-Ehingen und Mirko Bonné war im Singener Hotel Trezor zur Vorstellung seines neuen Romans zu Gast.

Ohne die "Erzählzeit" wäre die Kulturszene der Region um einiges ärmer. Das grenzüberschreitende Literaturfestival hat sich etabliert – auch in den kleineren teilnehmenden Orten. So kamen denn zur Lesung von Jess Jochimsen am Montagabend von Schaffhausen bis Stockach 120 interessierte Zuhörer in den Hilzinger August-Dietrich-Saal.

  • In Hilzingen hatte selbst Autor Jess Jochimsen nicht mit solch einem Ansturm gerechnet. Am Montagabend aber zog er – sehr lebendig und spritzig lesend – sein überwiegend weibliches Publikum weniger mit ausgefeilten Pointen, sondern mit seinem neuesten, thematisch leicht bizarren Roman in den Bann. Denn der "Abschlussball", so der Titel des 312 Seiten starken Werks, findet auf einem Friedhof statt. Die Hauptfigur dieses mit sonderlichen, Charakteren gespickten, im vergangenen Jahr erschienenen tragikomischen Werks ist Marten, ein Lebensverweigerer. Schon als Kind scheint er irgendwie aus dieser Welt gefallen. Sein Brot verdient er als Begräbnis-Trompeter. Und als er die Bankkarte eines eben zu Grabe getragenen Klassenkameraden findet, beginnt eine aberwitzige Irrfahrt. Die Geschehnisse, die so skurril wirken haben zum Teil einen durchaus realen Hintergrund. Mit dem oft wunderbar poetischen Roman zeigt sich Jochimsen auch als gründlicher Rechercheur mit viel Wissen über Trauermusik und einer mittlerweile profunden Kenntnis der großen Münchner Friedhöfe mit den auf ihnen tatsächlich wohnenden Obdachlosen.
  • In Mühlhausen-Ehingen erwies sich der Schweizer Dramatiker und Bühnenautor Lukas Holliger als sprachgewaltiger Erzähler. Im Gasthaus Löwen in Mühlhausen las er im Rahmen der Erzählzeit ohne Grenzen aus seinem Romandebüt "Das kürzere Leben des Klaus Halm". Von Kritikern als Buch des Jahres 2017 gefeiert, wurde der Roman für den Schweizer Buchpreis nominiert. In Basel angesiedelt, beschreibt er mit akribischem Blick kleinste Details. Die Stadt und die Kiesstrände auf beiden Seiten des Rheins nahmen für die Zuhörer Gestalt an, fast bildhaft schildert er die Situationen und Gedanken seiner Protagonisten präzise und mit scharfer Zunge. Holliger las Kapitel über Klaus Halm, sein unerfülltes Leben mit seiner Frau Viola, und Mutter seines Sohnes, und Yvonne, die Frau mit der Zahnlücke. Auch wenn sie ihm erst gar nicht gefiel, wird sie seine Geliebte. Damit beginnt die Dreiecksgeschichte, Halm gerät aus dem alltäglichen Trott. Da heißt es einmal: "Nur die Gefahr des Ertrinkens würde den Tag gebührend ausfüllen." Oder wie Yvonne im Buch es ausdrückt: "Unzufriedenheit gibt dir mehr Wohlgefühl als gute Laune." Halm ist vom Hin und Her der Beziehungen geschüttelt, und er trennt sich von Yvonne. Dann taucht der Ich-Erzähler auf, arbeitslos wird er Holm folgen wie ein Schatten. Wie Holliger erzählte, hat er 13 Jahre an seinem Romandebüt geschrieben und das Konzept geändert. Grund dafür war sein Wechsel der Seiten, er avancierte vom Single zum Ehemann und Vater.
    Signieren nach der Lesung, hier für Jutta Neumann aus Wahlwies: Jess Jochimsen zog die Zuhörer mit seinem neuesten Roman "Abschlussball" in seinen Bann.
    Signieren nach der Lesung, hier für Jutta Neumann aus Wahlwies: Jess Jochimsen zog die Zuhörer mit seinem neuesten Roman "Abschlussball" in seinen Bann. | Bild: Ingeborg Meier
  • In Singen war die Lobby im ganz neu eröffneten Hotel Trezor im Singener Industriegebiet voll zur Erzählzeit-Lesung. Die Organisatoren hatten Autor Mirko Bonné eingeladen, dort aus seinem neuen Roman zu lesen. Bonné zeigte trotz immer rauer werdender Stimme eine große Ausdauer und nahm die Zuhörer mit in das Geschehen in seinem Liebesroman, der unter dem Titel "Lichter als der Tag" 2017 erschienen ist. Der Barockdichter und Dramatiker Andreas Gryphius (1616-46) habe ihm mit einer Zeile aus einem Sonett aus dem Ersten Buch, Kapitel 4, eine Vorlage für den Titel des Buchs gegeben. Der Roman beginnt mit einem Flashmob auf dem Hamburger Flughafen sowie parallel dazu einem so genannten "Freeze" in der Wandelhalle des Hamburger Flughafens, bei dem eine Gruppe junger Menschen kurzzeitig zu Skulpturen erstarrt. Im Zentrum des Romans stehen der Journalist Raimund Merz, seine Frau Floriane, eine erfolgreiche Ärztin und deren zwei Töchter. Eigentlich eine Bilderbuchfamilie. Doch das Licht wirft Schatten auf die heile Welt der Vier. "Es geht nicht nur um Liebe, sondern auch um die Kehrseite, um Hass, wenn negative Dinge hochkommen", so Mirko Bonné. Am Schluss macht er es spannend, denn er liest nur bis dahin, wo sich der Ton des Romans ändern wird. Sein Buch ist im Verlag Schöffling & Co. erschienen. 2013 und 2017 war er übrigens für den Deutschen Buchpreis nominiert.
    Mirko Bonné liest im Hotel Trezor aus seinem Roman "Lichter als der Tag".
    Mirko Bonné liest im Hotel Trezor aus seinem Roman "Lichter als der Tag". | Bild: Susanne Gehrmann-Röhm

 

Zu den Autoren beim Literaturfestival

  1. Jess Jochimsen, mittlerweile mit seiner Familie in Freiburg lebend, ist in der Gegend kein Unbekannter. Das zweite Standbein des studierten Germanisten und Politikwissenschaftlers ist das Kabarett. Man sieht ihn im Fernsehen genauso wie auf der Bühne. Er tritt öfter in der Singener Gems auf, und auch im Stadttheater Schaffhausen. Unter anderem wurde er mit dem Deutschen Kabarettpreis und dem Kleinkunstpreis Baden-Württemberg ausgezeichnet. (drm)
  2. Lukas Holliger ist eigentlich in der Theaterszene zuhause, seine Stücke wurden ausgezeichnet und an vielen Bühnen gespielt. Nach Theaterstücken, Hörspielen und seinem Prosadebüt „Glas im Bauch“ zeigt sich Holliger in seinem Roman „Das kürzere Leben des Klaus Halm“ als sprachlich brillanter Erzähler und scharfsichtiger Beobachter. 1971 in Basel geboren, hospitierte Holliger nach dem Studium am Theater Basel und war viele Jahre in der Theaterszene engagiert. Seit 2006 ist er Redaktor der Abteilung Hörspiel und Satire beim Schweizer Radio und Fernsehen SRF. (ros)
  3. Mirko Bonné, geboren 1965 am Tegernsee, lebt seit 1975 in Hamburg. Er ist ein Hamburger mit Leib und Seele geworden. Das spiegelt sich auch in seinen Romanen wider. Und er leidet wie viele dort unter den mäßigen Auftritten der Fußballer des HSV – auch wenn das letzte Spiel mal ein Sieg war. Schatten, Staub und Wind sei wohl das Motto diese Rasenschachclubs, bemerkt er am Rande. (sgr)

Weitere Informationen über die Autoren und das Literaturfestival im Internet: www.erzaehlzeit.com

 

 

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