Es ist eine unspektakuläre Info-Veranstaltung für Medienvertreter im Vorfeld der am 13. und 14. Juli in Singen stattfindenden Internationalen Deutschen Para-Leichtathletikmeisterschaften, doch gegen Ende sorgt Dirk Beer vom Turnverein Singen doch noch für so etwas wie Begeisterung. Wenn beispielsweise die 14-jährige Merle Menja aus Singen mit „dem Rollstuhl und bis zu 35 oder 40 Stundenkilometern über die Bahn brettert oder andere behinderte Sportler aus dem Stand einen Speer 25 Meter weit werfen, dann sucht das einfach Seinesgleichen“. Der Mann, der maßgeblich an der Organisation der Meisterschaften beteiligt ist, redet sich warm und sein Ziel ist klar: „Bei so einer Veranstaltung dabei zu sein“, sagt Dirk Beer, „hat was.“

Merle Menje in Aktion. Sie wird im Münchriedstadion an den Start gehen. Bild: privat
Merle Menje in Aktion. Sie wird im Münchriedstadion an den Start gehen. Bild: privat | Bild: Bild: privat

Damit wird sogleich das Manko deutlich: Bislang fehlen die Zuschauer bei Para-Sportereignissen, nur langsam wächst die Aufmerksamkeit für die Wettbewerbe behinderter Sportler. An der Leistung kann‘s kaum liegen, sie ist im Zweifel sogar höher einzuschätzen als die von körperlich nicht beeinträchtigten Top-Athleten. Dirk Beer berichtet dazu von einer auf zwei Prozent ihres Sehvermögens reduzierte Sportlerin, die ohne Hilfe 100 Meter in einer Zeit von etwa zwölf Sekunden rennt oder im Sinne des Wortes blind in den Weitsprung-Wettbewerb geht. Die Schilderungen zeigen sein Herzblut für die Sache, seine Darstellungen von Leistungsbereitschaft und Gottvertrauen der behinderten Sportler sorgen für Gänsehaut.

Robin Weiler (links) hat ein klares Ziel: Die Paralympics in Tokio 2020. Das Bild zeigt ihn beim integrativen Sportfest in Leverkusen. Rechts neben ihm übrigens lässt es Niko Kabbel (Paralympic-Sieger von Rio) stauben – auch er ist in Singen mit dabei. Bild: Axel Kohring
Robin Weiler (links) hat ein klares Ziel: Die Paralympics in Tokio 2020. Das Bild zeigt ihn beim integrativen Sportfest in Leverkusen. Rechts neben ihm übrigens lässt es Niko Kabbel (Paralympic-Sieger von Rio) stauben – auch er ist in Singen mit dabei. Bild: Axel Kohring | Bild: BEAUTIFUL SPORTS/Axel Kohring

Oswald Ammon, Behindertenbeauftragter des Landkreises Konstanz und ebenfalls einer der Teilnehmer an den Para-Leichtathletikmeisterschaften, fasst dieses Phänomen in einem Satz zusammen. „Das Geheimnis des Könnens liegt im Wollen“, sagt er, was sich wiederum für den TV-Vorsitzenden Hans-Peter Storz nicht nur auf die sportliche Leistung bezieht. „Die Integration hat von jeher eine wichtige Rolle für den Turnverein gespielt“, erklärt er zu den Hintergründen des nicht gerade geringen Aufwands für die Ausrichtung des Ereignisses. Der Behinderten-Sport sei etwas Tolles, mit den Para-Leichtathletik-Meisterschaften wolle man ein Zeichen setzen.

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Dass es sich dabei um einen organisatorischen Kraftakt handelt, hob Oberbürgermeister Bernd Häusler hervor. „Ohne den Turnverein geht so eine Veranstaltung nicht“, ist er überzeugt, wobei das Rathaus mit Monika Graf-Bock, Fabian Wilhelmsen und Bernd Walz den Verein unterstützt. Das operative Geschäft freilich bleibt beim Verein hängen: Laut Winfried Skowronek wird sich die Zahl der Helfer auf dem Platz des Münchriedstadions auf bis zu 110 belaufen, von denen rund die Hälfte vom TV Singen stammen. „Die melden sich üblicherweise nicht freiwillig“, erläuterte er, wobei die Personalorganisation damit noch nicht bewältigt ist. Dazu zählt auch die Zusammenstellung des Kampfrichter-Teams, deren Zahl sich am Samstag auf 50 und am Sonntag auf 45 summiert.

Der Aufwand findet seine Berechtigung nicht zuletzt darin, dass die Meisterschaften zugleich in die Wertung für die Teilnahme an der Paralympics in Tokio im nächsten Jahr eingehen. Merle Menje sowie die Kugelstoßer Yanis Fischer und Robin Weiler als Lokalmatadoren rechnen sich dabei Chancen für frühzeitige Qualifizierungen aus.

Zur Bedeutung der Sportveranstaltung

  1. Eröffnung mit Minister: Die Internationalen Deutschen Para-Leichtathletikmeisterschaften werden am Samstag, 13. Juli, um 10.30 Uhr im Münchriedstadion von Manfred Lucha in seiner Funktion als Minister für Soziales und Integration des Landes Baden-Württemberg eröffnet. Die Wettbewerbe finden nach 2007 und 2011 zum dritten Mal in Singen statt. Die Stadt stand dabei im Wettbewerb mit Berlin, wo bisher die meisten der Para-Leichtathletikmeisterschaften stattfanden.
  2. Die Teilnehmer: Bis zum Anmeldeschluss lagen dem TV Singen 170 Anmeldungen vor, es ist aber von weiteren Nachmeldungen auszugehen. Die Sportler kommen aus Deutschland, der Schweiz, Luxemburg und den Arabischen Emiraten. Nach Sichtung der Teilnehmer ist laut Dirk Beer von hochklassigen Leistungen auszugehen.
  3. Zur Bedeutung: Wegen der Qualifizierungsmöglichkeit für die Paralympics in Tokio 2020 wurden die Anlagen auf ihre Tauglichkeit überprüft. Um den Zweifel an den sportlichen Leistungen ausschließen zu können, gibt es beispielsweise doppelte Zeitmessungen und die Sportler müssen mit Doping-Kontrollen rechnen.
  4. Freier Eintritt: Während bei den meisten professionellen Sportveranstaltung nichts mehr ohne Preisgeld geht, wird in Singen auf einen solchen Anreiz verzichtet. Einer der Vorteile der schlanken Finanzierung: Der Eintritt für Besucher ist gratis. (tol)