Die große Party ist es nicht, die da auf dem Singener Rathausplatz stattfindet. Kaum heben sich die Hände, gehüpft und gesprungen wird auch nicht. James Morrison bietet dafür nämlich fast noch weniger Potential als Ed Sheeran: Beide sind Briten, beide sind Singer-Songwriter mit einem Faible für Gitarren-lastige Liebeslieder. Nur dass der 35-jährige Brite mit seiner Mischung aus zurückhaltender Gitarrenmusik, beeindruckender Stimme und gefühlvoller Texte bereits vor über zehn Jahren die Hallen dieser Welt füllte. Die Begeisterung des Singener Publikums ist entsprechend groß, auch wenn sie sich nicht in ausgelassenem Feiern äußert.

Begeisterung auch ohne ausgelassene Party

Stattdessen wird vor allem gemeinsam im Takt gewippt. Links, rechts, links, rechts. Im Regen, mit durchsichtigem Cape gegen die größten Tropfen. Das ein oder andere Pärchen nimmt sich in den Arm und wippt gemeinsam.

Nach einer heißen Woche kam der Regen denkbar ungünstig kurz vor Konzertbeginn. Doch die Fans waren vorbereitet.
Nach einer heißen Woche kam der Regen denkbar ungünstig kurz vor Konzertbeginn. Doch die Fans waren vorbereitet. | Bild: Tesche, Sabine

Ob sie verstehen, dass es nicht nur um die schöne Liebe geht? Sondern auch um die zerbrechende, um Unsicherheiten und Selbstzweifel? Denn auch wenn James Morrison in „Wonderful World“ von einer wundervollen Welt singt – eigentlich geht es darum, dass er es in diesem Moment nicht fühlen kann.

Die Songs, die er bereits vor Jahren anstimmte, sitzen noch heute.

„Broken Strings“ können die rund 1200 Fans ebenso mitsingen wie „You give me something“. Das eine Lied handelt von einer endenden Beziehung, das andere von den Unsicherheiten bei einer beginnenden. Im März veröffentlichte James Morrison sein jüngstes Album „You‘re stronger than you know“ – vier Jahre nach dem vorherigen, 13 Jahre nach seinem erfolgreichen Debüt „Undiscovered“. Es sei nun das Album, das er schon immer habe machen wollen, sagt er selbst. Und die Themen? Bleiben so zeitlos wie die begleitenden Klänge seiner Gitarre. Davon zeugen schon Titel wie „Brighter kind of love“, „Feels like the first time“ oder die Single-Auskopplung „My love goes on“ mit Joss Stone. Doch hier und da geht es auch um die eigene Kraft (“Power“) oder um ein kreatives Tief und eine schwierige Kindheit (“Slowly“). Warm, ehrlich und pur nennt der Künstler das selbst. Auch wenn es schwer sei, so ultra-persönlich zu werden.

Von solchen Schwierigkeiten ist in Singen nichts zu merken.

James Morrison hat sich eingespielt, seit Monaten ist er bereits mit seinem neuen Album. Einer der nächsten Stops: Australien. Routiniert spielt er einen Song nach dem anderen, mischt ältere Charterfolge mit neueren Werken. Der Brite begann seine Karriere als Straßenkünstler und übte sich schon damals darin, eine Menge zu begeistern. Die große Bühne erklamm er dann als Unterstützung von Corinne Bailey Rae. Zwischenzeitlich dürfte er aber der bekanntere Künstler von den beiden sein. Er selbst verzichtete in Singen dann auf eine Vorband und konzentrierte die Aufmerksamkeit auf sich – wenn auch 30 Minuten später als angekündigt, um den gröbsten Regen abklingen zu lassen.

Bild: Tesche, Sabine

Die Aufmerksamkeit der Fans allerdings, die hat nachgelassen in den vergangenen Jahren. Wincent Weiss lockte am Donnerstag rund 4200 Leute nach Singen, bei James Morrison war angesichts von rund 1200 verkauften Karten noch viel Luft in den Reihen.

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Er brachte Ed Sheeran zur Musik. Zumindest ein bisschen

Auch Ed Sheeran hat seinem Kollegen heute etwas voraus. Denn bei seinen Konzerten erscheinen zehntausende, um einen Mann mit Gitarre zu erleben. Dabei ermutigte ihn unter anderem James Morrison dazu, die Musik zum Lebensinhalt zu machen: Ed Sheerans Vater habe Morrisons erstes Album gekauft und seinem Sohn dann empfohlen, etwas Ähnliches zu machen. Das erzählt Morrison im März 2016 in einem Interview, nachdem er Ed Sheeran getroffen hatte. Der sei übrigens ein wirklich netter Typ. Auch das haben die beiden britischen Musiker gemeinsam.

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Als sich der leere Rathausplatz nach und nach füllt, dankt es der Künstler seinen Fans mit bewundernden Worten – für ihre gute Vorbereitung in Form von Regencapes und für ihr Durchhaltevermögen. In den vergangenen sechs Jahren könne er sich nicht erinnern, dass Fans so lange für ihn im Regen standen. Vielleicht können sie alle gemeinsam doch ein wenig diese wundervolle Welt fühlen. Der Mann mit Gitarre und seine treuen Fans.

James Morrison macht mit seinem neuen Album nochmal in der Region Station: Er spielt am Dienstag, 15. Oktober, in Zürich.