Martin Wenner ist Holzblasinstrumentenmachermeister. Er und seine fünf Mitarbeiter bauen in Singen Block- und Trafersflöten nach historischen Originalen. Sie sind Kopien von Flöten aus der Renaissance um 1560 bis zur Romantik um 1850. Jedes Original aus Museen oder von Sammlern wird vermessen, bekommt einen eigenen Bauplan und einen eigenen Werkzeugsatz. Dazu reist Wenner zu den Sammlern oder in ein Museum zum Beispiel nach Italien. Die Flöten sind Unikate und echte Schmuckstücke. Sie sind aber nicht als Schmuck gedacht. "Wir liefern das Werkzeug für den Musiker, wir sind Diener des Künstlers, der uns wichtige Impulse geben kann", erklärt der Flötenbauer. Das Werkzeug muss funktionieren und die Kunst endet nicht mit dem Bau, sondern damit, dass jemand das Instrument zum Klingen bringt. Wenn das Instrument für den Musiker nicht funktioniere, erfülle es nicht seinen Zweck.

Wenner ist über das Flötespielen zu seinem Beruf gekommen. "Ich habe Quer- und Blockflöte gespielt und mich in den Klang der alten Flöten verliebt", erzählt er. Die historischen Flöten hätten einen warmen, runden und weichen Klang. Er bezeichnet ihn als filigraner und berührender als den moderner Flöten. Glücklicherweise wissen diesen Klang auch andere zu schätzen. Die Block- und Trafersflöte sei inzwischen ein etabliertes Instrument und Studienfach. Als er mit dem Flötenbau angefangen habe, habe er Pionierarbeit geleistet. Inzwischen haben die historischen Flöten viele Fans weltweit. Aber auch andere Flötisten kommen in das Ladengeschäft, das eine große Auswahl an modernen Block- und Querflöten bietet.

So entsteht eine Flöte

Die Entstehung einer Flöte beginnt mit dem Holz. Wenner öffnet die Tür zu seinem Holzlager. Dort lagern besondere, wertvolle, teilweise artgeschützte Hölzer, wie zum Beispiel Buchsbaumstämme, Grenadill oder Ebenholz. Diese Hölzer sind besonders hart, dicht und feuchtigkeitsabweisend. Das ist wichtig, weil beim Spielen Feuchtigkeit in die Flöte gelangt, die das Holz verzieht und zu Rissen führen kann. Das Holz lagert über viele Jahre, bis daraus eine Flöte wird.

Da blickt nur der Fachmann durch: Eine Flöte und ihr Bauplan. Das historische Original wird genau vermessen und dann nachgebaut.
Da blickt nur der Fachmann durch: Eine Flöte und ihr Bauplan. Das historische Original wird genau vermessen und dann nachgebaut. | Bild: Tesche, Sabine

Die ersten Arbeitsschritte sind das Spalten und Runddrehen. Danach wird imprägniert. Dann wird die Innenbohrung gearbeitet, die Form gedrechselt, die Grifflöcher gebohrt, der Windkanal gezogen, Labium und Mundloch geschnitzt und der Block eingesetzt. Die Klappen werden kunstvoll aus Silber gefertigt. Am Schluss steht die Messkontrolle, bei der noch einmal nachgemessen wird, ob alles dem Bauplan entspricht. Jede Flöte bekommt ein Einhorn eingeprägt, als Zeichen unverwechselbarer Qualität. Das Einhorn gelte seit dem Mittelalter als Symbol für Reinheit, Mystik und Schönheit. Es solle daran erinnern, dass das Instrument mit Liebe und Sorgfalt gefertigt wurde.

Maschinen im Einsatz: Amadeus Bodenstein an der Drehbank. Hier wird das Holz rundgedreht und auch die Innenbohrung wird maschinell gemacht.
Maschinen im Einsatz: Amadeus Bodenstein an der Drehbank. Hier wird das Holz rundgedreht und auch die Innenbohrung wird maschinell gemacht. | Bild: Tesche, Sabine

"Es ist ein ruhiges, präzises Handwerk und man hat mit Menschen zu tun", erklärt Martin Wenner, was ihm an seinem Beruf gefällt. Die Kunden kommen aus aller Welt: "Von Stein am Rhein bis Singapur." Dass er mit seiner Werkstatt in Singen gelandet sei, sei eher Zufall. Über die Jahre hat sich Wenner einen guten Ruf erarbeitet und viele Aufträge kämen auf Empfehlung. Die Lieferzeit beträgt mindestens sechs Monate, die Kunden bezahlen im Voraus, eine Flöte kostet ab 2000 Euro.

Die halbfertigen Flöten warten auf ihre Weiterverarbeitung. Jede Flöte hat schon einen Besitzer, weil alles Auftragsarbeiten sind.
Die halbfertigen Flöten warten auf ihre Weiterverarbeitung. Jede Flöte hat schon einen Besitzer, weil alles Auftragsarbeiten sind. | Bild: Tesche, Sabine

Das braucht Vertrauen auf beiden Seiten, aber oft kennt man sich. "Wir machen spezielle Dinge für spezielle Leute", sagt Wenner – auch das mag er an seinem Beruf.

Flötenbeispiele und zur Ausbildung

  • Die Flöten: In Wenners Werkstatt wird zum Beispiel die Oberlender-Flöte in Buchsbaum oder Ebenholz mit elfenbeinfarbigen Zier- oder Hornringen gebaut. Johann Wilhelm Oberlender lebte und arbeitete von 1681 bis 1745 als Flötenbauer in Nürnberg. Er gehörte zu den bekanntesten Flötenbauern seiner Zeit. Eine besonders schöne Flöte findet sich im Museo Civico in Modena. Dieses Instrument ist aus Buchsbaum gefertigt und mit barock gestalteten Hornringen und Silberringen verziert. Das Original ist nicht mehr spielbar. Die Flöte bietet sich für die Interpretation deutscher Flötenmusik um 1730 an. Ein weiteres Beispiel ist die Blockflöte von Johann Christoph Denner, die zu Beginn des 18. Jahrhunderts als Tenorflöte gebaut wurde. Die Familie Denner gehörte zu den herausragendsten europaweit bekannten Blasmusikinstrumentenherstellern.
  • Die Ausbildung: Drei Jahre dauert die Ausbildung zum Holzblasinstrumentenmacher. In Deutschland gibt es drei Berufsschulen, die Blockunterricht anbieten. Handwerkliches Geschick ist verlangt, denn ein Instrument zusammenzubauen, bedeutet viel feinmechanische Arbeit. Der Bewerber sollte vor der Ausbildung mindestens ein Instrument spielen können. Er soll testen können, ob sich gut anhört, was er gebaut hat. Auch menschenscheu sollte ein Holzblasinstrumentenmacher nicht sein: Er muss Kunden beraten, verkaufen und mit ihnen im Gespräch bleiben. Teilweise betreut er Orchester oder Musikvereine. Zu den Holzblasinstrumenten gehören Blockflöte, Saxophon, Querflöte, Klarinette, Oboe. Sie sind teilweise aus Metall, haben aber im Mundstück ein feines Rohrblatt, das den Ton erzeugt und dafür sorgt, dass sie in diese Kategorie fallen.