Ein selbstbestimmtes Leben führen – das ist auch für Menschen mit einem Handicap möglich, wenn sie Hilfen bekommen. So hat der Landkreis Konstanz im Jahr 2017 das Angebot der ambulanten Dienste der Stiftung Liebenau Teilhabe gemeinnützige GmbH installiert. Ulrike Merk und weitere Fachleute betreuen im Raum Singen Menschen, die Hilfe im Alltag brauchen. In der begleiteten Elternschaft geht es darum, dass Eltern mit Einschränkungen trotzdem ein selbstbestimmtes Leben mit Kind in eigener Wohnung führen können. Dafür werden sie von Fachleuten unterstützt.

Das Beispiel von Mia und Nadja

Ein Beispiel zeigt auf, was die Hilfe einer Betroffenen bringt: Die kleine Mia ist eigentlich müde und es wäre Zeit für den Mittagsschlaf. Trotzdem ist Nadja Wolf (Name von der Redaktion geändert) mit ihr in das Büro der ambulanten Dienste im Landkreis Konstanz gekommen. Sie wird von Ulrike Merk und einer weiteren Mitarbeiterin der Stiftung Liebenau betreut.

"Mia war ein Wunschkind", betont Nadja Wolf (26). Doch in der Schwangerschaft trennte sie sich von ihrem Freund und wurde obdachlos. Während ihres Aufenthalts im Jakobushof wurde sie auf das Angebot der begleiteten Elternschaft durch eine Mitarbeiterin aufmerksam gemacht und nahm Kontakt mit Ulrike Merk auf. "Wegen meiner psychischen Vorbelastung hatte ich Angst, dass ich es nicht allein schaffe, wenn das Kind da ist", erinnert sie sich. Gut zwei Monate nach Mias Geburt konnte sie eine eigene Wohnung beziehen. Durch die regelmäßige Begleitung habe sie wieder eine Tagesstruktur, was ihr sehr wichtig ist.

Auch für die Entwicklung ihrer kleinen Tochter bekommt sie wertvolle Hilfe. "Als sie etwa neun Monate war, ist sie immer noch nicht gekrabbelt und ich habe mir Sorgen gemacht." Eine physiotherapeutische Behandlung habe der Kleinen geholfen, auch dies konnte dank der Begleitung in die Wege geleitet werden. Zum Vater des Kindes hat sie inzwischen einen freundschaftlichen Kontakt aufgebaut und auch Mia sieht er regelmäßig.

Landkreis Konstanz als Leuchtturm

Die ambulante Hilfe ist im Landkreis Konstanz bisher ein Alleinstellungsmerkmal, erklärt Ulrike Merk. Derzeit sei die Stiftung dabei, das Modell auch andernorts zu installieren. Bei der begleiteten Elternschaft sind sowohl das Jugendamt wie auch das Eingliederungsamt beteiligt. Durch eine gute Kooperation mit den Kostenträgern läuft das Angebot sehr gut. Von Seiten des Jugendamtes wird der Blick vor allem auf das Kindeswohl gerichtet, während die Eingliederungshilfe die Eltern fördert. Deshalb ist neben Ulrike Merk noch eine Kollegin regelmäßig bei Nadja Wolf.

Neben den Fachfrauen der ambulanten Dienste kommt auch eine Alltagsbegleiterin zu Nadja Wolf. Von ihr bekommt sie Tipps, wie sie ihren Haushalt besser organisieren kann. Wenn es darum geht, Anträge von Behörden auszufüllen und ähnliches, hilft ihr außerdem ein gesetzlicher Betreuer. "Es war die beste Entscheidung meines Lebens, mir diese Hilfe zu holen", sagt die junge Frau heute.

Neue Einrichtung in Singen

Die Stiftung Liebenau baut übrigens seit Mitte 2017 eine neue Einrichtung in Singen an der Bruderhofstraße, die im Mai 2019 in Betrieb gehen wird. Dort entstehen 28 stationär betreute Wohnplätze für Menschen mit Behinderung und erhöhtem Unterstützungsbedarf sowie ein Kurzzeit-Wohnangebot. Außerdem wird es drei Appartements für Eltern mit Behinderung geben, die ihre Kinder dort mit unterstützender Begleitung erziehen können. In der Nachbarschaft entsteht zudem eine Förder- und Betreuungsstätte für 20 Menschen, die dort eine Tagesstruktur erhalten.