„Wir sind Viviane und Steffen, zwei Reiseverrückte und Naturliebhaber, die dir die Welt ein bisschen näherbringen möchten.“ So stellen sich Viviane Meyer und Steffen Mitchell aus Singen auf ihrer Internetseite vor. Eine Beschreibung, hinter der sich große Ambitionen verstecken: Das Singener Paar bricht am 1. Juni zu einer nachhaltigen Weltreise auf.

Nachhaltig und Weltreise – ist das nicht ein Widerspruch in sich? „Am schonendsten für die Umwelt wäre es in vielen Fällen, einfach zu Hause zu bleiben“, gibt Viviane zu und erklärt: „Deshalb haben wir einen Reisekodex erstellt, in dem der Naturschutz eine zentrale Rolle spielt. Das ist für uns der bestmögliche Kompromiss.“ Den eigenen ökologischen Fußabdruck klein zu halten und dabei die Welt zu erkunden, ist jedoch gar nicht so einfach. Motorisierte Flugzeuge sind tabu, weite Teile der Strecke sollen auf dem Fahrrad zurückgelegt werden. Auch auf touristische Unterkünfte wollen Viviane und Steffen verzichten und stattdessen im Zelt und auf Sofas von Einheimischen übernachten.

Ihr Essen stellen sie sich idealerweise ökologisch, fair gehandelt, regional und traditionell verarbeitet vor – in Deutschland kein Problem. Hier gibt es zahlreiche Bio-Bistros wie das in Radolfzell, in dem die beiden dem SÜDKURIER von ihren Plänen erzählen. Auf dem Balkan oder in Südamerika dürfte es ­dagegen deu­tlich schwieriger werden, Nahrung zu finden, die den Ansprüchen der beiden Vegetarier gerecht wird. Dessen sind sich die Singener zwar bewusst, wirkliche Sorgen machen sie sich jedoch nicht. „Auch dann werden wir versuchen, Kompromisse zu finden, mit denen wir gut leben können“, sagt Steffen.

Sowohl die Reiselust als auch das Interesse an Nachhaltigkeit wurde bei Viviane und ihrem Freund auf vergangenen Trips geweckt. Die gebürtige Niedersächsin war unter anderem in Südostasien, um sich die produktiven Palmölplantagen anzuschauen. Steffen begann beim Tauchen vor der Küste Australiens, sich mit Naturschutz zu befassen, als er sah, wie sehr Umweltverschmutzung dem Great Barrier Reef zugesetzt hat. Beide wissen also, wie es ist, längere Zeit unterwegs zu sein. Doch die anstehende Weltreise birgt noch einmal ganz andere Risiken und Herausforderungen.

 

Zu den Personen

Viviane Meyer und Steffen Mitchell (beide 28) lernten sich im April 2017 im Naturfreundehaus Bodensee in Radolfzell kennen. Während die gebürtige Niedersächsin zuletzt als Campaignerin bei der Stiftung Euronatur angestellt war, arbeitete ihr Singener Freund als Prozessoptimierer bei Constellium.

Leaf and Sea heißt der Blog, in dem das Paar über seine Reise berichtet: www.leafandsea.net/de

 

 

Generalprobe auf dem Bodenseeradweg

 

Wie gut die beiden zusammen in Extremsituationen funktionieren, wissen sie noch nicht. Das Paar lernte sich erst im April 2017 im Naturfreundehaus in Radolfzell kennen. „Wir werden uns hoffentlich gut ergänzen“, wünscht sich Viviane. „Wenn die Laune mal im Keller ist, werden wir uns im besten Fall gegenseitig motivieren“, ergänzt Steffen. Auch die körperliche Belastung ist nicht zu unterschätzen, schließlich hat den Singenern die Generalprobe bereits einen ordentlichen Muskelkater beschert. 220 Kilometer legten sie auf dem Bodenseeradweg zurück – das entspricht einem Dreizehntel der Strecke, die sie in den ersten drei Monaten radeln wollen. Finanzieren werden Viviane und Steffen ihr Abenteuer über Erspartes. Equipment und technische Expertise steuern verschiedene Sponsoren bei.
 

Schlafen mit gutem Gewissen: Das Singener Paar setzt auch beim Thema Übernachtungen auf Nachhaltigkeit und will viele Nächte im Zelt verbringen.
Schlafen mit gutem Gewissen: Das Singener Paar setzt auch beim Thema Übernachtungen auf Nachhaltigkeit und will viele Nächte im Zelt verbringen. | Bild: Mitchell / Meyer

Wohnung und Jobs haben die beiden bereits gekündigt. Dieses Wagnis gehen sie ein, weil sie von ihrem Plan überzeugt sind. „Es gibt einen Unterschied zwischen Urlaub machen und auf Reisen gehen“, betont Steffen und führt aus: „Wir möchten den Menschen, die bisher nur große Ferienanlagen und All-inclusive-Hotels kennen, zeigen, wie man auch mit einfachen Mitteln verschiedenste Kulturen und Menschen auf der ganzen Welt bewusst erleben kann.“ Von ihren Erlebnissen werden Viviane und Steffen regelmäßig in ihrem Blog „Leaf and Sea“ berichten. Sie wollen damit Werbung für den sogenannten sanften Tourismus machen, durch den die Natur möglichst wenig beeinflusst wird.

Das Ziel ist also klar, der Weg dahin noch weitgehend unbekannt. Zwei Jahre hat das Paar für das große Abenteuer Weltreise veranschlagt, festgelegt sind bisher jedoch nur die ersten Monate. Geplant wird immer nur von einer Etappe zur nächsten. Zunächst werden sie von Radolfzell aus mit dem Fahrrad entlang des Donauradwegs bis zur österreichisch-ungarischen Grenze fahren. Von dort aus geht es weiter über den Balkan-Abschnitt entlang des Grünen Bandes Europa bis in den Süden Montenegros zur Saline Ulcinj, wo Viviane ein zweimonatiges Praktikum bei einem regionalen Naturschutzverein machen möchte. Wie genau es danach weitergeht, wissen die beiden noch nicht. Sie freuen sich erst mal darauf, dass es bald endlich losgeht.

 

Eine Weltreisende gibt Tipps

Die frühere SÜDKURIER-Redakteurin Luisa Rische reist seit über einem Jahr auf ihrem Fahrrad um die Welt.
Die frühere SÜDKURIER-Redakteurin Luisa Rische reist seit über einem Jahr auf ihrem Fahrrad um die Welt. | Bild: Luisa Rische
Luisa Rische ist an der Ostsee aufgewachsen, hat in Konstanz studiert und als Redakteurin für den SÜDKURIER gearbeitet. Seit einem Jahr ist sie unterwegs, um auf ihrem Fahrrad die Welt zu umradeln.

Woran sollte man beim Packen unbedingt denken, welche Dinge haben sich als nützlich erwiesen?

So viel wie nötig. So wenig wie möglich. Packen hat viel mit Wohlfühlen zu tun. Wer sich traut, mit 50 Kilogramm den Berg hochzufahren, sollte seine Taschen vollstopfen. Wer seine Spiegelreflexkamera, Wohlfühlhose oder sein Bügeleisen nicht zurücklassen will, sollte seine Herzensobjekte mit auf die Reise nehmen. Aus eigener Erfahrung kann ich aber folgende Gegenstände empfehlen, die vielleicht nicht auf jedermanns Packliste stehen: Thermoskanne, Schneidebrett, Brotdose und eine kleine Wärmflasche für kalte Füße in kalten Nächten. Ach ja, für Erstis wäre dieser Tipp noch gut: Lass Platz für Essen!

Was kann man tun, wenn der Muskelkater schmerzt und die Motivation im Keller ist?

Grundsätzlich gilt: Fahre so viel du magst, übertreibe es nicht. Dann hast du weder Muskelkater noch schlechte Laune. Aber tiefe Täler gibt es immer. Da hilft nur weiterfahren, es wird besser. Wenn es nicht besser wird, sollte man ernsthaft darüber nachdenken, ob die Reise das Richtige für einen ist. Auch im Aufgeben liegt Stärke – vielleicht mehr als im Weiterfahren.

Wie kommt man am besten mit Einheimischen in Kontakt?

Da gibt es tausende Möglichkeiten. Es lohnt sich immer, auf lokale Märkte zu gehen. Wer mit Zeit reist, kann Einheimische fragen, ob er auf deren Grundstück übernachten darf. Viele Radler nutzen aber das Netzwerk Warmshowers, um Locals zu treffen oder ein Dach über dem Kopf zu haben.

Wenn die Heimat, Freunde und Familie mal fehlen – gibt es gute Tipps gegen Heimweh?

Weiterfahren, Menschen treffen, sich ablenken. Das Heimweh kommt immer mal wieder. Nicht zu sehr darüber nachdenken und den Moment genießen.

Gibt es nach einem Jahr auf Weltreise ein paar Lieblingsorte oder Geheimtipps?

Meine Lieblingsländer waren Norwegen und Japan, gleich danach folgen Thailand und Malaysia. Sonst ist es wirklich schwierig, einzelne Orte zu nennen. Das Beeindruckendste war für mich, an der Küste Norwegens entlang zum Nordkap zu fahren. Eine einmalige Erfahrung, die ich nur jedem Radler ans Herz legen kann.

Über ihre Reiseerlebnisse berichtet Luisa Rische in ihrem Blog: luisarische.blog

Fragen: Svenja Graf