Singen – Ein rotes Sofa, ein Flashmob und ein inspirierender Vortrag mit einer Stimmexpertin – das waren die Komponenten, mit denen in Singen der Internationale Frauentag groß gefeiert wurde. Frauen sprengen alle Ketten – diesen Eindruck könnten zumindest die Bürger bekommen, die am Weltfrauentag nachmittags in der Fußgängerzone vorbeikamen. Der Flashmob machte richtig gute Laune.

Unter Federführung der Mädchentanzgruppe des Hauses am Mühlebach, geleitet von Julia-Vanessa Brack und Marita Rhiem, tanzten weit über 100 junge Mädchen zu dem Song "Break the chain" (Sprengt die Ketten), der im Rahmen der Kampagne "One billion rising" seit 2015 weltweit Mut machen soll und für eine Welt ohne Unterdrückung und Gewalt plädiert. Mit im Boot waren beim Flashmob auch Tanzgruppen des Tanzstudios "Colours of Dance" mit ihrer Leiterin Svetlana Frank-Gerdt sowie Tanz-AGs verschiedener Singener Schulen oder der Jugendhäuser.

Klare Frage an die Frau

In der Fußgängerzone stand ein rotes Sofa, auf dem im Laufe des Nachmittags Frauen unterschiedlichen Alters Platz nahmen und erzählten, warum sie gern eine Frau sind. Diese Aktion hatten die Jugendhäuser zusammen mit der Mobilen Jugendarbeit und der Arbeiterwohlfahrt (AWO) initiiert. "Ich bin gern eine Frau, weil es unter Frauen viel Solidarität und ein tolles Netzwerk gibt", sagte Bea Gabele, die sich seit Jahren als Vorsitzende des Gesamtelternbeirats der Singener Schulen engagiert. Der Weltfrauentag ist für sie wichtig, "weil es immer noch viele Bereiche gibt, in denen Frauen benachteiligt sind".

Vor ihrem Auftritt beim Flashmob nehmen Julia-Vanessa Brack und Marita Rhiem (von links) auf dem "Roten Sofa" Platz.
Vor ihrem Auftritt beim Flashmob nehmen Julia-Vanessa Brack und Marita Rhiem (von links) auf dem "Roten Sofa" Platz.

Warum sie gerne Frauen sind

Julia-Vanessa Brack (33) ist gern eine Frau, "weil nur Frau weiß, was Mann braucht". Und weil der weibliche Körper ein Wunderwerk ist, der neues Leben zur Welt bringen kann. Auch Petra Farina und Christine Ghazouani, Mitarbeiterinnen der AWO nahmen auf dem Sofa Platz. "Ich finde mich toll, so wie ich bin und kann als Frau Gefühle besser ausleben, denn das wird mehr toleriert", sagt Farina. Das Schönste am Frausein ist für Christine Ghazouani: "Ich kann alles, was ein Mann kann, auch mit Stöckelschuhen". Doch eigentlich hätte die Frage ihrer Meinung nach auch lauten können: "Was ist schön daran, Mensch zu sein?" Auch Nadine Behrens, Mitarbeiterin der Mobilen Jugendarbeit, sprach die Gefühle an. "Als Frau kann ich meine Gefühle offen zeigen. Auch sind Frauen einfühlsamer als Männer", findet sie. Die Schülerinnen Carina und Zilan (beide 16) sind froh, dass sie als Mädchen ihre eigenen Entscheidungen treffen dürfen.

Welche Wünsche Frauen haben

Gisela Schlatter (63), die mit ihrer 88-jährigen Mutter Agathe Kobrzinowski in der Stadt unterwegs war, erzählt, dass sie es genossen habe, drei Kinder groß zu ziehen. Aber manchmal hapere es schon an der Mithilfe der Männer im Haushalt. Diesen Punkt sprach Oberbürgermeister Bernd Häusler am Abend auch bei der Eröffnungsveranstaltung an. "Hausarbeit liegt oft in den Händen der Frauen. Hier sollte sich die Männerwelt stärker engagieren", womit er sich selbst mit einbezog. Auch laste die Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder die Pflege von Angehörigen auf den Frauen und "trotzdem engagieren sich viele Frauen noch ehrenamtlich".

Was Singen zum Thema zu bieten hat

Die Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises Konstanz, Petra Martin-Schweizer, hatte ein umfangreiches Programm für Frauen in Singen zusammengestellt. Auf dem roten Sofa hatte sie schon gesagt, dass sie die Stärke von Frauen schätze. "Ich liebe es, Mutter zu sein", sagt sie. Bei den Vorbereitungen hatte sie von 23 Institutionen Rückmeldung bekommen, sich an dem Programm zu beteiligen.

Bei der Eröffnungsveranstaltung am Abend ging es im Wichernsaal unter dem Motto "Wir sind es wert" auch um die Rechte von Frauen. In ihrem Grußwort berichtete die Landtagsabgeordnete der Grünen, Dorothea Wehinger, vom "Smartmob" des Landesfrauenrates, der am 8. März vor dem Landtag in Stuttgart stattfand. "Wir wollten zeigen, dass wir als Frauen mehr mitreden wollen". Deshalb fordern der Landesfrauenrat und einige Frauenverbände eine Wahlrechtsreform, damit es eine paritätisch besetzte Liste für die Landtagswahlen gibt. Die MeToo-Debatte zeige erstmals auf, wie Frauen seit Jahren Sexismus und Gewalt ausgesetzt sind.

Petra Martin-Schweizer, Gleichstellungsbeauftragte des Landkreis Konstanz, hat die Veranstaltungen zum Frauentag koordiniert. Bild: Susanne Gehrmann-Röhm
Petra Martin-Schweizer, Gleichstellungsbeauftragte des Landkreis Konstanz, hat die Veranstaltungen zum Frauentag koordiniert. Bild: Susanne Gehrmann-Röhm

 

Wie Frauen sich in Singen engagieren

  • Die Gleichstellungsbeauftragte: Petra Martin-Schweizer arbeitet seit einem Jahr im Landkreis Konstanz als Gleichstellungsbeauftragte und ist derzeit am Aufbau neuer Frauen-Netzwerke in Singen und Radolfzell. In verschiedenen Arbeitskreisen werden insbesondere die Themen „Gegen Gewalt an Frauen“, „100 Jahre Wahlrecht der Frau“ und die Kommunalwahl 2019 behandelt.
  • Der Frauentag: Am 8. März wird weltweit der Frauentag oder Tag der Vereinten Nationen für die Rechte der Frau und den Weltfrieden gefeiert. Er entstand um den Ersten Weltkrieg, als Frauen verstärkt um Gleichberechtigung und Wahlrecht kämpften, zuerst in den USA und Großbritannien. 1910 setzte sich die Sozialistin Clara Zetkin auf der zweiten internationalen sozialistischen Frauenkonferenz erstmals für die Einführung eines Frauentages ein. Am 19. März 1911 wurde der erste Frauentag in Deutschland, Dänemark, Österreich-Ungarn sowie der Schweiz gefeiert. 1977 erkannte die UN-Generalversammlung den 8. März als internationalen Frauentag an.
  • Das Programm zum Projekt "Wir Frauen in Singen" im Internet: www.singen.de