Es gibt sie noch, die Mitarbeiter mit 10, 25, 30, 40 oder sogar 45 Jahren Betriebszugehörigkeit. Einmal im Jahr können wir das in den Singener Großunternehmen der Aluminiumbranche, bei Georg Fischer, der Maggi oder Takeda in festlichen Jubilarfeiern erleben, wenn ebendiese Unternehmenstreue gewürdigt wird. Längst haben die Besitzer der Betriebe gewechselt und mit ihnen die Unternehmenskultur, längst kann man sich gar nicht mehr an all die Namen der neuen Eigner erinnern – da sind die loyalen Mitarbeiter zur Konstante geworden, quasi als Gedächtnis der Fabrik. Doch was bringt das in einer sich immer schneller verändernden Arbeitswelt? Wissenstransfer? Zusammenhalt? Identifikation? Oder ist es einfach nur persönliche Trägheit?

30 Jahre SÜDKURIER, 33 Jahre Singen: Nie hätte ich mir das träumen lassen, als ich 1985 die mir damals vollkommen unbekannte Stadt zum ersten Mal betrat. Nie werde ich den Augenblick vergessen, in dem mir auf der Suche nach dem Weg mein früherer Freiburger Studienkollege Stephan Glunk als erster Singener mit Einkaufstasche begegnete und ich ihn fragte: "Was machst Du denn hier?" Das Ausmaß seiner Ureinwohnerschaft konnte ich da noch nicht abschätzen. Genauso wenig wie die von Walafried Schrott, Dieter Jetschmanegg und Manfred Kleemann, die sich als SPD-Youngster im Stadtrat zusammen mit der damaligen FDP um Peter Hänssler als Umstürzler hervorgetan hatten. Als Neue wurde ich beäugt, für passabel befunden und ganz schnell in die Gemeinschaft aufgenommen.

Fühlt sich im Hegau wohl: Gudrun Trautmann. Unser Bild zeigt sie zusammen Lesern im Rahmen einer SÜDKURIER-Wanderung von 2009.
Fühlt sich im Hegau wohl: Gudrun Trautmann. Unser Bild zeigt sie zusammen Lesern im Rahmen einer SÜDKURIER-Wanderung von 2009. | Bild: Tesche, Sabine

So rückte die Gems als soziokulturelles Zentrum in mein Bewusstsein, gleich gefolgt von der Färbe mit ihrem ganz eigenen, durch den "Patron" Peter Simon geprägten Theaterstil. Schon damals überraschte mich das lebendige Kulturleben in der Arbeiterstadt. Herbert Berner leitete das Kulturamt und Walter Möll kümmerte sich um das Jazzfestival auf dem Hohentwiel, bei dem es noch recht familiär, aber dennoch professionell zuging. Wenn ich das Festival von damals mit dem heutigen vergleiche, so wird mir bei allem Glanz und der enormen Außenwirkung auch die Kommerzialisierung bewusst. Längst hat ein externer Konzertveranstalter (jetzt ist es Vaddi) die Organisation übernommen. Nur das Burgfest will sich die Stadt nicht aus der Hand nehmen lassen. Wie lange wird sie das zusammen mit den Vereinen noch stemmen können?

Ich kam nach Singen, als sich die Stadt gerade mal wieder erneuerte und mithilfe der neuen Fußgängerzonen und einem lebendigen Einzelhandel – maßgeblich angeführt durch den rührigen Apotheker Artur Sauter – auf den Weg zur Einkaufsstadt machte. Natürlich vermisste ich das studentische Freiburg mit der schönen Altstadt. Aber hatte ich dort jemals auch nur einen Fuß in die bürgerliche Gesellschaft setzen können? – In Singen war ich sofort aufgenommen, ohne mich anbiedern zu müssen. Ich war willkommen, obwohl ich meine professionelle Distanz als Redakteurin zu den verschiedenen Themen nie aufgegeben habe. Ich erlebte Friedhelm Möhrle und Andreas Renner als Oberbürgermeister und mit ihnen das rasante Wachstum des Singener Krankenhauses. Und ich erlebte mit der Gesundheitsreform und Oliver Ehret als Oberbürgermeister den Beinahe-Untergang des Gesundheitsverbundes, sowie die Konsolidierung des Hauses in einer Kreislösung unter Oberbürgermeister Bernd Häusler.

Vier Oberbürgermeister in drei Jahrzehnten

Vier Oberbürgermeister durfte ich als Redakteurin beobachten und mit ihnen auch die zum Teil weniger erfreulichen Wahlkämpfe. Es mag am Charakter der Persönlichkeitswahl liegen, dass solche Wahlkämpfe gelegentlich unter die Gürtellinie zielen – besonders der letzte, der die Stadt zu zerreißen schien. Zu viele Probleme hatten sich angehäuft: von dem missratenen Kunsthallen-Deal über die bereits erwähnten Klinik-Schwierigkeiten bis hin zur GVV-Pleite. In 30 Redakteursjahren war das in seiner gesamten Tragik das schwärzeste Kapitel der Stadtgeschichte, das ich zusammen mit meinen Kollegen journalistisch zu begleiten hatte. Jahrelanger Stillstand und ein zweistelliger Millionenverlust für die Stadt waren die Folge. Erst die sensationelle Konjunktur und die Übernahme der gesamten Insolvenz­masse der GVV durch die Stuttgarter Immobiliengesellschaft Oswa brachten wieder Bewegung in die Stadt. Wo früher Theater gespielt wurde, entstehen heute Wohnungen auf dem Kunsthallengelände. Der Hegau-Tower und das Gründerzentrum haben die Besitzer gewechselt. Die Stadt baut den Bahnhofsplatz um – endlich! Singen gleicht einer einzigen Baustelle. Es herrscht Aufbruchstimmung.

Es gab auch andere Zeiten, in denen das Geld knapp und die Arbeitslosigkeit hoch war. Stellenabbau bei Maggi und der Alu löste Proteste und eine große Solidarität aus. Solidarisch waren die Singener in drei Jahrzehnten, die ich überblicken kann, immer: mit Geflüchteten aus dem Balkankrieg, mit Notleidenden in den Partnerstädten und mit den Menschen, die ab 2015 von den Krisenherden der Welt in den Hegau kamen. Ich habe Singen immer als eine offene, großzügige Stadt erlebt. Hier tun sich die Bürger leichter mit der Integration als anderswo. Hier ist man stolz auf das Interkulturelle. Und so wurde ich als gebürtige Münsterländerin schnell heimisch in der facettenreichen Stadt mit ihrem schönen Umland.

Natürlich ist auch hier nicht alles Gold, was glänzt. So könnte die autogerechte Stadt durchaus noch etwas fahrradfreundlicher werden. Hier tut sich ja schon einiges. Man muss aber schon ein bisschen grübeln, um so richtig miese Seiten der Stadt zu finden. Immer, wenn ich von einer Reise in den Hegau zurück komme, fällt mir auf, dass die Menschen in dieser begünstigten Region auf sehr hohem Niveau jammern. Wo gibt es das noch: fünf Freibäder plus Seen und ein Hallenbad auf so engem Raum? In welcher Stadt der Größe von Singen gibt es so viele Sport- und Kultur­einrichtungen?

In 30 Berufsjahren durfte ich eine Landesgartenschau erleben, die die Bürger im Jahr 2000 euphorisierte und die Wirtschaft ankurbelte. Ich erlebte, wie sich eine innerstädtische Brache in einen Park mit Stadthalle (2007) verwandeltet. Und jetzt sehe ich, wie sich die Stadt schon wieder vollständig erneuert. Mit Einkaufszentrum, Scheffel- und Kunsthallenareal, mit Herz-Jesu- und Bahnhofsplatz, mit Wohnungen in der Alemannenstraße, Romeiasstraße, Schnaidholz und Malvenweg.

Einblicke ins Redaktionsleben

In 30 Jahren hat sich auch das Zeitungswesen rasant gewandelt. Viele Themen sind geblieben, wie ich beim Zurückblättern feststellen kann. Manchmal erstaunt es mich, über was ich alles berichtet habe. Neun Wechsel an der Spitze der Lokalredaktion sowie das veränderte Nutzungsverhalten unserer Leser sorgten jedoch dafür, dass es niemals zu gemütlich wurde. Unzählige schöne Begegnungen mit Menschen, unter anderem in den weit über 200 großen Interviews "Montags bei Trautmann" werden mir in Erinnerung bleiben.

Für die Serie "Montags bei Trautmann" führte Gudrun Trautmann mehr als 200 Interviews. Hier ist sie mit dem Singener Ehrenbürger Dietrich H. Boesken zu sehen.
Für die Serie "Montags bei Trautmann" führte Gudrun Trautmann mehr als 200 Interviews. Hier ist sie mit dem Singener Ehrenbürger Dietrich H. Boesken zu sehen. | Bild: Tesche, Sabine

Ich werde auch künftig die Entwicklung der Stadt, der Gesellschaft weiter verfolgen, jedoch nicht mehr aus der ersten Redakteursreihe, sondern gelassen aus der Beobachterperspektive. Ich kann sagen: Ich war gerne Mitglied dieser quirligen Redaktion mit so unterschiedlichen wie netten Kollegen. Stets konnte ich auf sie vertrauen. Wir waren ein eingespieltes Team, Jacqueline Weiß, Albert Bittlingmaier, Matthias Biehler, Torsten Lucht, der junge, quirlige Kollege Daniel Schottmüller, Susanne Braun und Sinikka Kranz. Nicht zu vergessen die Fotografin Sabine Tesche. Unzählige Recherchen haben wir gemeinsam bewältigt, vom Schönheitswettbewerb bis zum Leichenfund, von der Kunstausstellung bis zur Tuningszene, vom Konzert bis zur Gemeinderatssitzung – als Duo waren wir stark.

Ein eingespieltes Team: Jahrzehnte hinweg betreuten Gudrun Trautmann und SÜDKURIER-Fotografin Sabine Tesche unzählige Pressetermine gemeinsam.
Ein eingespieltes Team: Jahrzehnte hinweg betreuten Gudrun Trautmann und SÜDKURIER-Fotografin Sabine Tesche unzählige Pressetermine gemeinsam. | Bild: Achim Eickhoff

Ich habe die Region lieben gelernt. Ich bin gerne unterwegs in dieser prosperierenden, manchmal auch rauen Stadt. Wenn man bedenkt, dass ich eigentlich nur ein Jahr bleiben wollte ...