Herr Anderson, Ihre Band Jethro Tull hat schon einmal in Singen gespielt – 2007 auf dem Hohentwielfestival. Haben Sie noch Erinnerungen an diesen Auftritt?

Ich wünschte, ich könnte Ihnen jetzt eine Antwort geben, wie: "Natürlich, in Singen habe ich das schlechteste indische Essen aller Zeiten gegessen und das beste Konzert meines Lebens gespielt". Aber um ehrlich zu sein, kann ich mich an den Auftritt nicht mehr wirklich erinnern. Zu meiner Entschuldigung muss ich aber sagen, dass ich in den zwölf Jahren, die seitdem vergangen sind, mehr als 1000 Konzerte gespielt habe. Wenn ich Sie fragen würde, ob Sie sich an jeden Tag erinnern können, an dem Sie in den vergangenen Jahren ins Büro gegangen sind, könnten Sie sich wahrscheinlich auch nicht mehr an alle erinnern (schmunzelt).

Im Sommer 2007 traten Jethro Tull beim Hohentwielfestival auf. Am Samstag kehren sie in den Hegau zurück. Bilder: DPA (2), Sabine Tesche (1)
Im Sommer 2007 traten Jethro Tull beim Hohentwielfestival auf. Am Samstag kehren sie in den Hegau zurück. | Bild: Tesche, Sabine

Das Leben auf Tour ist meist ja ziemlich durchgetaktet. Finden Sie da überhaupt Zeit, sich die Städte anzuschauen, in denen Sie spielen?

In Singen sind wir in einem Hotel untergebracht, das ziemlich zentral gelegen ist. Wenn ich am Samstag ankomme, werde ich wahrscheinlich erst einmal essen gehen. Zumindest ein Stündchen sollte ich danach noch haben, um die Stadt zu erkunden, bevor ich zum Soundcheck muss. Bei so einem Stadtrundgang gehe ich vor wie ein klassischer Tourist. Mich interessieren größere Plätze, Kirchen, alte Bauwerke. Wonach ich in Singen aber in jedem Fall nicht suchen werde, sind Diskotheken und dunkle Korridoren, in denen man die Damen der Nacht antrifft.

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Ihre Band hat sich 1967 gegründet. Hat sich das Tourleben seither verändert?

In den Anfangszeiten von Jethro Tull gab es Tourmanager, die sich wie Hirten verhalten haben. Und wenn ein Schäfer in der Nähe ist, verwandeln sich Musiker sehr schnell in Schafe. Ihre Gehirne schrumpfen in Rekordzeit auf die Größe einer Walnuss zusammen. Aber: Wenn man Musiker wie empfindungsfähige funktionierende Menschen behandelt, dann stellt sich heraus, dass sie es tatsächlich schaffen, pünktlich am Terminal zu sein, einzuchecken und das richtige Gate zu finden. So läuft es heute ab. Jeder in der Band hat online Zugang zu einem Ablaufplan, den ich schon Monate im Voraus ausarbeite und stetig aktualisiere. Da stehen sogar die aktuellen Wetterverhältnisse drin, damit meine Bandkollegen wissen, ob sie kurze oder lange Hosen einpacken müssen. Das Internet hat die Dinge ziemlich vereinfacht. Das einzige, das heute wesentlich schlimmer ist als damals, sind die Schlangen beim Sicherheits-Check am Flughafen. Du musst ewig anstehen, nur um dabei zuzusehen, wie jemand deine Zahnbürste inspiziert.

Damals: Ian Anderson 1971 bei einem Konzert in Düsseldorf. Im gleichen Jahr veröffentlichte Jethro Tull den großen Hit "Aqualung".
Damals: Ian Anderson 1971 bei einem Konzert in Düsseldorf. Im gleichen Jahr veröffentlichte Jethro Tull den großen Hit "Aqualung". | Bild: Burghardt Lochow

In den späten Sechziger Jahren, jener Zeit, in der Sie bekannt wurden, hat sich kulturell sehr viel verändert. Gerade für Rockmusiker müssen das richtig spannende Jahre gewesen sein.

Zweifellos. Alles war strahlend neu. Mir fällt es schwer, mich in einen jungen Mensch um die 20 hineinzuversetzen, der heutzutage den Durchbruch im Rockgeschäft schaffen möchte. Natürlich könnte ich sagen: Es ist doch langweilig – die großen Leistungen der großen Gitarristen wie Eric Clapton, Jimi Hendrix, Jeff Beck und Ritchie Blackmore liegen ja alle bereits 30, 40, 50 Jahre zurück. Ich könnte damit aber auch falsch liegen. Vielleicht liegt der Reiz genau darin, sich in den Fußspuren dieser Vorbilder zu bewegen. Nur fällt es mir schwer, das zu glauben. Ich denke, es war spannender, Jimi Hendrix zu sein, als ihm nachzueifern. Fairerweise muss man aber auch sagen, dass die jungen Leute es heute schwerer haben. Selbst wenn du es auf Millionen von Downloads schaffst, bringt das nur einen kleinen Anteil des Gewinnes, der sich früher mit Albenverkäufen erwirtschaften ließ. Und wo die Chancen, mit Musik Geld zu verdienen, in den Sechzigern vielleicht bei eins zu 100 standen, stehen sie heute bei eins zu 10.000.

Auch gesamtgesellschaftlich gibt es im Moment nicht unbedingt Grund zur Zuversicht. Ist die Brexit-Debatte für Sie als Briten so frustrierend, wie es von außen den Anschein macht?

2016 hat man der Bevölkerung eine einfache, ja kindische Frage gestellt: "Willst du in der EU bleiben oder nicht?" Die Menschen haben aus dem Bauch heraus entschieden. Die einen aus einem Gefühl von Nationalstolz, die anderen aus einem Gefühl der Solidarität mit der EU. Seitdem hatten wir drei Jahre der Konfusion. Ich habe vor Kurzem an einer Online-Petition teilgenommen und war einer der ersten 100 000 Menschen, die auf diese Weise dafür gestimmt haben, zumindest für die unmittelbare Zukunft in der EU zu bleiben. Denn im Moment sind wir als Nation einfach nicht in der Lage zu entscheiden, was wir wollen. Was uns aber alle nervös machen sollte, ist der allgemeine Trend nach rechts, hin zum Populismus. Wir wissen doch, wohin das führen kann.

Heute: Ian Anderson geht auch mit 71 Jahren noch gerne auf Tour.
Heute: Ian Anderson geht auch mit 71 Jahren noch gerne auf Tour. | Bild: Stadthalle Singen

Das klingt eher pessimistisch. Gibt es auch Entwicklungen, die Ihnen Hoffnung für die Zukunft machen?

Ich würde mich als einen Optimisten beschreiben. Beim Thema Klimawandel zum Beispiel hoffe ich, dass die Weisheit der Jugend die Politik noch stärker beeinflussen wird. Schließlich sind es meine Generation und die meiner Eltern, die für die industrialisierte Konsumgesellschaft, wie wir sie heute haben, verantwortlich sind. Anzeichen der Veränderung sind auch bereits spürbar. Der sanft ansteigende Trend hin zu weniger Fleischkonsum und kleineren Familieneinheiten macht mir Hoffnung. Es muss uns gelingen, das Plündern der endlichen Ressourcen unseres schönen kleinen Planeten aufzuhalten.