Viktoria Leitner-Fischer gestaltet ihren Alltag so, wie es aktuell viele Eltern müssen: im Home-Office, also in den eigenen vier Wänden und ohne Kollegen. Das tut sie nicht wegen des Coronavirus, sondern seit einigen Monaten ganz freiwillig. „Es macht das Leben als Mutter so viel einfacher“, schwärmt sie. Einzig Hausfrau wollte sie nicht sein, doch zurück in ihren Job mit vielen Reisen wollte sie nach der Geburt des zweiten Kindes auch nicht. Also fasste sie ihren Mut zusammen und machte sich selbstständig.

Ein Jahr später weiß sie, dass sich der Mut und die Mühe gelohnt haben. „Es gibt so viel Freiraum, selbst entscheiden zu können, wann und wie ich arbeite.“

Heute sind es nur ein paar Stufen ins Büro

Früher pendelte Viktoria Leitner-Fischer nach Konstanz oder zum Flughafen, um zu einem der deutschlandweit verstreuten Kunden eines Ärztenetzwerks zu reisen. Heute trennen die 32-Jährige nur einige Stufen von ihrem Büro. Im Dachgeschoss ihres Reihenhauses nahe der Singener Innenstadt steht ein Schreibtisch samt Computer, viel mehr braucht es nicht. Die 32 Jahre alte Mutter von zwei Kindern hat BWL sowie Kultur- und Freizeitmanagement studiert und war im Online-Marketing tätig. Auch wenn sie teilweise von zuhause aus arbeiten konnte, war besonders das Reisen für sie schwer mit Kindern zu vereinbaren. Denn auch ihr Mann war viel unterwegs. Deshalb entschied sie sich, zuhause ein Unternehmen aufzubauen.

Die Geschäftsidee kam fast von allein

Bei ihrer eigenen Hochzeit 2012 fehlte ihr eine gute Lösung, alle Bilder zu teilen – auch die hochauflösenden des Profi-Fotografen. Eine Kamera oder ein Smartphone haben viele Gäste schnell zur Hand. Doch die Bildergebnisse zu bündeln und dann wieder zu teilen, kostet Zeit und Mühe. „Das online einfach zusammen zu fassen, gab es zu dem Zeitpunkt noch nicht“, erinnert sich Viktoria Leitner-Fischer. Ihr Mann, ein Software-Entwickler, programmierte eine Plattform, auf der Gäste passwortgeschützt Bilder hoch- und runterladen konnten.

„Am Anfang habe ich mich noch nicht getraut, damit durchzustarten“, sagt sie rückblickend. Deshalb konnten andere die Seite weddies.de zwar finden und nutzen, aber die 32-Jährige investierte noch nicht viel Aufwand oder Werbung in ihre Idee. Bis sie sich in ihrer zweiten Elternzeit im Online-Marketing weiterbildete und für ihre Abschlussarbeit eine Unternehmens-Strategie ausformulierte. „Die konnte ich nicht nicht umsetzen“, erklärt sie mit einem Augenzwinkern.

Die Arbeitszeiten sind flexibel. Auch bei Krankheit oder Corona

Ihre Arbeitszeiten sind seitdem flexibel: Wenn die Kinder morgens in der Kita sind, widmet sie sich ihrem Unternehmen, mittags verbringt sie Zeit mit dem fünf Jahre alten John und der zweijährigen Josefin, und abends arbeitet sie wieder – meist mit ihrem Mann von der Couch aus. Das sei sogar ein Vorteil, sagt Leitner-Fischer: Wenn ihre Kunden online sind und Fragen haben, kann sie umgehend antworten. Ihre Arbeitsleistung entspricht einer Teilzeit-Stelle, sagt die 32-Jährige. Doch der Umsatz sei nicht direkt an ihre Arbeitszeit gebunden: Wenn die Kinder krank sind oder es wegen des Coronavirus keine Kinderbetreuung gibt, kann sie auch weniger arbeiten.

Online ist es einfach, ohne großes Budget zu starten

„Ich glaube, dass viele Frauen Ideen haben, aber ihnen der Mut fehlt“, sagt sie. Dabei gebe es gerade online viele Möglichkeiten, sein eigenes Business aufzubauen. Dafür braucht es kein Ladengeschäft mit Kosten für Miete, Ware und Mitarbeiter. „Das macht es so einfach, ohne großes finanzielles Polster zu starten.“ Viktoria Leitner-Fischer nennt als Beispiel Online-Kurse, die ein passives Einkommen generieren können. Wichtig sei es, das schlecht-möglichste Szenario durchzudenken, und dann die Selbstzweifel auch mal abzulegen. Sie selbst sei vor ihrer Selbstständigkeit teils unsicher gewesen, aber mit der Herausforderung gewachsen.

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Stolpersteine auf dem Weg: Rechtliches, fehlender Kontakt

Zu den Herausforderungen zählt das Rechtliche: Wie ist das im Internet geregelt, was bedeutet zum Beispiel die Datenschutzgrundverordnung? Und wie funktioniert das mit den Steuern, mit der Krankenversicherung? „Ich kann mir vorstellen, dass dieser Bereich viele abschreckt“, sagt die 32-Jährige. Als Nicht-Juristin fühlte sie sich auch mal überfragt, fand aber Hilfe – online. „Man muss es nur einmal machen und hat es dann hinter sich.“ Ein anderer Wermutstropfen ist der fehlende direkte Kontakt mit Kollegen. Normalerweise könne sie das ausgleichen, indem sie nachmittags auf dem Spielplatz befreundete Eltern trifft, erzählt Viktoria Leitner-Fischer, doch mit der Corona-Krise hat sich das vorerst verändert. „Das ist dann schon eine kleine Herausforderung, aber zum Glück gibt es WhatsApp, Social Media und Telefone.“

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... und wenn es schief geht, ist da kein Chef mehr

Auch wirtschaftlich ist sie als Unternehmerin in der alleinigen Verantwortung: Wenn derzeit einige Hochzeiten verschoben oder sogar abgesagt werden müssen, fallen auch Aufträge für Leitner-Fischer weg. Den Mut will sie aber nicht verlieren und zwischenzeitlich weiter an der Seite arbeiten.

Ihr Geschäft wächst langsamer wegen der Kinder. Aber es wächst.

Seit einem Jahr widmet sie sich ausschließlich ihrem eigenen Geschäft. Zwischenzeitlich ist eine neue Webseite online gegangen und es können auch Videos geteilt werden. Eine App für Apple-Smartphones gibt es schon, eine Variante für Android ist in Arbeit. Und die erste Hochzeitssaison sei gut gewesen: „Wir hätten niemals damit gerechnet, dass dieses Projekt direkt schon so einen Schwung bekommen hat.“ Künftig soll die Plattform noch bekannter und international genutzt werden werden – auch weil das Geschäft bisher saisonabhängig ist, sodass es im Winter und Frühjahr weniger Aufträge gibt.

„Ich wachse langsamer, weil ich die Kinder habe.“ Doch Wachsen ist ihr erklärtes Ziel. Dann ist Viktoria Leitner-Fischer vielleicht auch mal offline bei einer Hochzeitsmesse zu sehen.

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Tipps fürs Home-Office

  • Sich einen Plan machen: Viktoria Leitner-Fischer schreibt sich morgens auf, was sie im Verlauf eines Tages erledigen möchte. „Daran kann mich entlang hangeln, ohne immer wieder überlegen zu müssen, was sollte oder könnte ich jetzt noch tun.“
  • Flexibel bleiben: Man darf laut der Online-Unternehmerin nicht davon ausgehen, dass man ungestört acht Stunden am Stück arbeiten kann – „das wird nicht funktionieren“. Deshalb empfiehlt sie, in mehreren kleinen Zeitabschnitten zu denken. So kann jemand im Home-Office zum Beispiel von 8 bis 10 Uhr arbeiten, dann bis 12 Uhr mit den Kindern spielen, dann wieder für zwei Stunden arbeiten. Die Mutter von zwei Kindern rät außerdem, gerade mit etwas älteren Kindern offen darüber zu sprechen: „Damit sie wissen, dass Mama oder Papa jetzt arbeitet, aber nachher auch wieder Zeit hat.“
  • Ansprüche herunterschrauben: „Besondere Situationen, erfordern besondere Maßnahmen. Dann darf das Kind halt etwas mehr fernsehen als üblich oder darf auch mal am Tablet spielen“, sagt Viktoria Leitner-Fischer angesichts einer wichtigen Telefonkonferenz oder eines wichtigen Termins. „Wir sind alle keine Übermenschen und müssen irgendwie mit der aktuellen Situation klar kommen – auch die Kinder.“
  • Verständnis haben: Gerade bei spontanem, dauerhaftem Home-Office wie aktuell im Zuge der Corona-Krise appelliert Viktoria Leitner-Fischer: „Ich finde es in dieser Situation sehr wichtig, dass alle Parteien flexibel und verständnisvoll reagieren und vor allem mit einander sprechen und gemeinsam Lösungen finden.“ Gerade bei Eltern biete es sich an, dass sie abends die Arbeitszeit dran hängen können, die tagsüber im Zuge von Kinderbetreuung womöglich fehlt.

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