"Mit dem Kinderwagen ist es heikel", sagt Vivien Berger. Die 29-Jährige setzt jeden ihrer Schritte sorgfältig. Dabei muss sie nicht nur auf die 14 Monate alte Dior achten, die sie im Kinderwagen über das unebene Gelände schiebt, sondern auch auf den kleinen Mika, der gerade auf ihrem Arm eingeschlafen ist. Und ganz nebenbei soll Vivien Berger auch noch Ben (9) und Kira (3) im Auge behalten, die den Bauarbeiten auf dem Herz-Jesu-Platz gespannt zuschauen. Keine leichte Aufgabe.

„Das größte Hindernis sind die aufgerissenen Straßen“, berichtet die Frau mit den langen schwarzen Haaren und deutet auf die unschöne Mischung aus Sand und Steinen, die sie gerade überquert hat. Vivien Berger und ihre Familie sind vor einem Monat von der Süd- in die Innenstadt gezogen. Akustisch ist die Baustelle neben der Haustür alles andere als angenehm.

Vivien Berger und ihre Kinder Kira (von links), Mika, Dior und Ben wohnen nahe des Herz-Jesu-Platz. An die Baustelle in der Nachbarschaft haben sie sich schon gewöhnt.
Vivien Berger und ihre Kinder Kira (von links), Mika, Dior und Ben wohnen nahe des Herz-Jesu-Platz. An die Baustelle in der Nachbarschaft haben sie sich schon gewöhnt. | Bild: Sabine Tesche

Trotzdem hat sich die junge Mutter ihren Optimismus bewahrt: „Immerhin gibt es immer etwas zu sehen.“ Ben erinnert sich zum Beispiel noch lebhaft daran, wie vor drei Wochen der riesige Kran auf dem Baustellengelände aufgebaut wurde: „Das war toll!“ Auch am heutigen Vormittag sind zwölf Männer in weißen und roten Bauhelmen, Neonwesten und Blaumännern dabei, das weitläufige Areal umzubauen.

Die Arbeiten am Herz-Jesu-Platz sind beileibe nicht die einzige Baustelle in der Hegau-Metropole. Unter der Überschrift „In Singen brummt’s“ führt die städtische Homepage fünf Baustellen in Kernstadt auf, an denen im Moment gewerkelt wird. Private und betriebliche Arbeiten hat man bei dieser Auflistung sogar noch ausgeklammert. „In Singen wird ja immer mal wieder gebaut, aber jetzt ist es wirklich enorm“, findet Marita Maus.

Gemeinsam mit ihrer Mutter hat sie gerade den schmalen Gang eines Tunnels vor dem Schoch-Gebäude in der Ekkehardstraße überwunden. „Bis vor Kurzem war es noch schwerer, hier durchzukommen“, berichtet sie. Immerhin: Den Metallpfeiler, der zuletzt noch in der Mitte des Durchgangs, den Weg versperrt hat, hat man inzwischen entfernt.

Gute Laune bei der Tunneldurchquerung: Marita Maus (links) und ihre Mutter Erika Restle.
Gute Laune bei der Tunneldurchquerung: Marita Maus (links) und ihre Mutter Erika Restle. | Bild: Sabine Tesche

Überall Baustellen, aber nirgends ein Parkplatz

Tatsächlich bildet der provisorische Tunnel in der Ekkehardstraße die dritte Baustellen-Absperrung innerhalb von nur knapp 50 Metern. Nebenan sind zwei Männer dabei den Boden des Kunsthallen-Areals mithilfe eines Baggers und einer Planierraupe platt zu walzen.

Auf dem Dach des Theateranbaus schaut ihnen ein weiterer Arbeiter auf einen Schubkarren gestützt zu. „Für die Anwohner ist das schon schlimm, mit den ganzen Baustellen“, meint ein junger Mann mit Kurzhaarschnitt im Vorübergehen. Zeit zum Plaudern hat er nicht – er muss weiter zu Norma.

Eine muss absteigen: Zeitgleich passieren zwei Radfahrerinnen die Baustelle am Kunsthallen-Areal.
Eine muss absteigen: Zeitgleich passieren zwei Radfahrerinnen die Baustelle am Kunsthallen-Areal. | Bild: Sabine Tesche

Auch Marita Maus und ihre Mutter, Erika Restle, sind heute in der Innenstadt, um Einkäufe zu erledigen. Dass sie als Fußgänger dabei den ein oder anderen Umweg in Kauf nehmen müssen, finden sie gar nicht so schlimm. Unangenehmer: Die Parkplatzsituation.

„Mein Mann arbeitet in der Innenstadt und hat eigentlich einen entsprechenden Parkausweis. Wegen der Baustellen gibt es aber in der Nähe von seinem Arbeitsplatz keine Parkplätze mehr, die er nutzen kann.“ Marita Maus fährt wegen des Parkplatzmangels schon gar nicht mehr mit dem Auto in die Innenstadt hinein: „Ich nehme im Moment immer das Fahrrad.“

Allen Unannehmlichkeiten zum Trotz finden Mutter und Tochter, es aber trotzdem gut, dass sich etwas tut in der Innenstadt. „Ich bin froh, dass etwas gemacht wird in Singen“, betont Erika Restle. Die derzeitige Baustellensituation erinnert sie an den Bau des neuen Sparkassengebäudes vor einigen Jahren. „Auch da gab es lange eine Baustelle“, erinnert sie sich. „Aber jetzt sieht das fertige Gebäude doch richtig schön aus.“

So verändert Singen sein Gesicht

Neben zahlreichen privaten Bauprojekten (der SÜDKURIER berichtete am Donnerstag), hat auch die Stadt größere Arbeiten in Auftrag gegeben. Hier wird im Moment gebaut:

  • Herz-Jesu-Platz: Im Dezember 2019 soll die Umgestaltung des Herz-Jesu-Platz fertiggestellt werden. Bis dahin wird der Platz neu gestaltet. Es entstehen eine neue Tiefgarage und neue Wohnungen. Im August 2018 ist die Fertigstellung der Tiefgarage geplant, woraufhin der Platz gestaltet werden soll. Ab April 2019 soll das Parkhaus in Betrieb genommen werden und ab Frühsommer 2019 auch der Platz. Die Wohnungen soll man ab dem ersten Quartal 2020 beziehen können.
  • Hegaustraße: Zwischen Erzberger- und Scheffelstraße finden Tiefbauarbeiten statt. Dabei werden Versorgungsleitungen erneuert. Ab Mai folgt die Umgestaltung der Hegaustraße. Dabei werden die Baumpflanzquartiere erneuert, eine Schlitzrinne zur Entwässerung und ein großformatiger Betonplattenbelag mit Blindenleitsystem geschaffen. Nach einer kurzen Unterbrechung beim City Fest und einer zweiwöchigen Unterbrechung in den Handwerkerferien soll die Maßnahme Ende Oktober fertiggestellt sein. Während der Baumaßnahme bleibt die Hegaustraße für den Verkehr gesperrt. Jedoch wird der Einbahnverkehr in der Hegaustraße aufgehoben, sodass Anwohner von der Hauptstraße an ihre Wohnungen und Geschäfte anfahren können.
    Ein Besucher aus Büsingen bestaunt die Arbeiten in der Hegaustraße. Peter Topell hat keine Probleme mit dem Singener Baustellen-Labyrinth: "Früher war es schlimmer."
    Ein Besucher aus Büsingen bestaunt die Arbeiten in der Hegaustraße. Peter Topell hat keine Probleme mit dem Singener Baustellen-Labyrinth: "Früher war es schlimmer." | Bild: Sabine Tesche
  • Nordstadt Singen: In dem Waldgebiet östlich der Kleingartenanlage werden Tiefbauarbeiten durchgeführt. Neue Abwasser-Leitungen werden verlegt und eine Versickerungsanlage eingebaut. Das alte Versickerungsbecken am Sportplatz Radolfzeller Straße wird zurückgebaut. Die Baumaßnahme soll Ende Juni beendet sein.
  • Eisvogel: Im bestehenden Baugebiet „Eisvogel“, zwischen Schrotzburgstraße und Steißlinger Straße, werden bis Ende Oktober 2019 sämtliche Hauptkanäle und Straßen erneuert. Das bedeutet, dass innerhalb von zwei Jahren zwölf Straßen mit circa 15 000 Quadratmetern Fläche neu gestaltet und 1830 Meter Kanal verlegt werden. Zusätzlich wird auf 1100 Metern die Wasserleitung erneuert und die Beleuchtung verbessert. Die Baumaßnahme geht abschnittsweise vonstatten. Sobald in einer Straße die Kanäle und Wasserleitungen verlegt sind, wird mit dem Straßenbau nachgezogen.
  • Domänenstraße: Im Bereich des ehemaligen Schnaidholz-Sportplatzes wird ein Neubaugebiet erschlossen. Dabei werden Ver- und Entsorgungsleitungen gelegt und Straßenbauarbeiten durchgeführt. Bis Ende April soll alles fertig sein. (das)