Der Europaabgeordnete Andreas Schwab (CDU) ist überzeugt, dass die Forderung des Einzelhandels nach Gleichbehandlung gegenüber global aufgestellten Unternehmen nur durch die Stärkung der Europäischen Union umgesetzt werden kann. Wie er beim Handelsverbandstag in Singen ausführte, sollten die Händler dafür ihren Einfluss verstärkt geltend machen. „Die Politik reagiert nur auf Druck“, sagte er und nahm dabei seine eigene Partei nicht aus. Mit seinen Ausführungen positionierte er sich deutlich als Anhänger des französischen Präsidenten Emmanuel Macron, der die nationalen Kompetenzen zugunsten einer gemeinschaftlich ausgerichteten europäischen Strategie beschneiden möchte. Innerhalb der CDU sieht der Europapolitiker etliche Bremser am Werk, wobei er den örtlichen Bundestagsabgeordneten Andreas Jung ausdrücklich ausnahm.

Vielsagende Gestik: Andreas Schwab bittet den Einzelhandel um mehr Druck auf die nationalen Politiker zwecks Stärkung der EU. Nur sie ...
Vielsagende Gestik: Andreas Schwab bittet den Einzelhandel um mehr Druck auf die nationalen Politiker zwecks Stärkung der EU. Nur sie könne die Wettbewerbsverzerrungen in der global aufgestellten Wirtschaft regulieren. | Bild: Torsten Lucht

Anlass für die Debatte über die Weltwirtschaft bildete ein handfestes Problem der Einzelhändler. „Wie können wir Waffengleichheit zwischen den international aufgestellten Konzernen und dem stationären Handel herstellen?“, fragte Hans Wöhrle als Singener Ortsvorsitzender des Handelsverbands Südbaden. Die Verzerrung des Wettbewerbs wird dabei in erster Linie durch die unterschiedliche Besteuerung bewirkt: Während die Einzelhändler nach deutschen Gesetzen zur Kasse gebeten werden, suchen sich die Handelskonzerne den für sie günstigsten Standort innerhalb Europas aus und zahlen dadurch teils so gut wie keine Steuern.

Sie tun dabei nichts Unrechtes. In Gibraltar beispielsweise wird laut Andreas Schwab die Steuer nach der Fläche der Unternehmen berechnet, was die Neigung zu einer Niederlassung der Firma in der Größe eines Briefkastens verständlich erscheinen lässt. Auch Irland biete durch sein Steuerrecht Anreize für einen Firmensitz und prinzipiell will Andreas Schwab an den nationalstaatlichen Steuerungsmöglichkeiten zwecks Stärkung strukturschwacher Räume auch nicht rütteln. „Doch wir brauchen etwas mehr Europa“, ist er überzeugt. Ihm schweben dabei zum Beispiel europäisch einheitliche Mehrwertsteuersätze oder etwa die Vereinheitlichung von Zollbestimmungen vor. Für Container-Schiffe aus China zum Beispiel spiele es keine Rolle, ob sie in Rotterdam oder Hamburg anlanden, man suche sich einfach aus, wo die Fracht günstiger an Land gebracht werden könne.

Um legale Steuerschlupflöcher zu stopfen, führt für Andreas Schwab an einer Vereinheitlichung von Steuer- und Handelsrichtlinien von daher kein Weg vorbei. So recht einleuchten mochte dies den Einzelhändlern in Singen dennoch nicht. Nach dem Vorbild in der Baubranche erwarten sie von der Politik auch für den Einzelhandel umgehend Schutzbestimmungen insbesondere im Bereich des online-Handels.

Doch unabhängig davon, ob die Wettbewerbsbedingungen durch einzelstaatliche oder europaweite Gesetze angeglichen werden, spüren die Händler einen Strukturwandel im Geschäftsalltag. Am deutlichsten wurde dabei Reiner Wöhrstein vom gleichnamigen Foto-Geschäft. Konkret erlebte er dies am jüngsten verkaufsoffenen Sonntag in Singen. „Die Stadt war voll, die Kasse war leer, aber online lief der Verkauf prima“, so seine Bilanz. In den vergangenen drei Jahren stellt er zugleich gravierende Veränderungen beim Verhalten der Kunden fest: „Der Kunde will alles – das Erlebnis, die Beratung, den online-Service und den besten Preis.“ Und das werde so weitergehen.

Utz Geiselhart als stellvertretender Geschäftsführer des Handelsverbands Südbaden hat keine Patentrezepte, warnt angesichts eines wachsenden Anteils des online-Geschäfts von 20 auf 30 Prozent zwischen 2014 und 2017 aber vor der Vernachlässigung dieses Geschäftszweigs. Der Handel müsse im Internet sichtbar sein und das mit vollem Engagement. „Ein bisschen schwanger geht nicht“, so seine Bewertung, „entweder man ist so gut wie bei Amazon oder man lässt es gleich.“