Schweinebuckel! Acht Wochen lang lässt uns dieses Stichwort nicht mehr los. Gleich zu Beginn des Trainings hat der Streckenchef der Mountainbike-Weltmeisterschaft, Uli Lutz, dem SÜDKURIER-Hegau-Bike-Team klar gemacht, was es heißt, auf diese Strecke zu gehen. Acht Wochen lang wird der Schweinebuckel für die 29-köpfige Gruppe zum Symbol für Stärke und Schwäche, für Sieg und Niederlage, für Trost und Jubel sein.

Der kurze, kiesige Anstieg am Plören bei Hilzingen hat 25 Prozent Steigung. Wer hier keine Kraft mehr hat, wer hier die falsche Technik einsetzt, hat verloren. Jetzt ist der Schweinebuckel Vergangenheit und das Scheitern auch. Ja, ich musste absteigen, so wie viele vor und nach mir. Wenn die Kraft kurz vor der letzten langen Abfahrt auf der 31 Kilometer langen Strecke verbraucht ist, hilft auch die beste aller Zuschauerkulissen nicht mehr über den Berg.

Hochschieben ist auch anstrengend. Oben greift plötzlich ein Mann nach meinem Sattel und schiebt mich kurz und beherzt ein paar Meter auf die Strecke. Oh, wie das gut tut. Jetzt kann nicht mehr viel schief gehen. Die letzte, lange Abfahrt liegt vor uns. Hier ist die Hegau-Bike-Truppe bestens vorbereitet. Hier kommen Glücksgefühle auf. Hier mutiert der Freizeit-Radler langsam zum Weltmeister. Unter zwei Stunden hatten sich etliche der SÜDKURIER-Biker für die 31 Kilometer vorgenommen. Am Ende sind die meisten sehr viel schneller.

Am Tag zuvor laufen die Mitteilungen in der eigenen WhatsApp-Gruppe im Sekundentakt auf dem Mobiltelefon ein. Was soll man vor und während des Rennens essen, was trinken? Wie stark muss der Reifendruck sein? Wie lassen sich die Kräfte am besten einteilen? Wie verhalte ich mich, wenn die Möchtegernprofis mich vom Singletrail schreien? Es werden Tipps gegeben, Verabredungen getroffen und jede Menge Mut zugesprochen.

Ich merke, wie sich beim Lesen der Nachrichten bei mir langsam eine gewisse Nervosität ausbreitet. Es ist der erste sportliche Wettkampf meines Lebens überhaupt; es ist eine neue Sportart und immer noch ein (zugegebenermaßen sehr gutes) Leihrad der Firma Stroppa. Angetreten bin ich ohne großen Ehrgeiz. Oberste Priorität ist, gesund ins Ziel zu kommen. Doch dann kamen die Gespräche über die Rennzeit und die Motivation durch die Fitness-Trainer im Move, die wunderschönen Ausfahrten im Hegau. Man tauscht sich aus. Die Trainingsgruppe ist jetzt kurz vor dem Start so richtig zusammengeschweißt. Nicht Konkurrenz, sondern die Gemeinschaft wird zum Motor. Und plötzlich will ich's doch noch wissen.

Beflügelt von einem sagenhaften Publikum an der Strecke und angestachelt von den Kollegen in den grünen Hegau-Bike-Trikots vor mir gebe ich alles. Immer wieder höre ich unter den lautstarken Ermunterungen meinen Namen, kann gar nicht glauben, dass ich mit Helm und Brille überhaupt erkannt werde. Die Menschen klatschen am Wegesrand, vermitteln Begeisterung. An der Verpflegungsstation steckt mir einer eine Trinkflasche in die Trikot-Tasche. Was für tolle Helfer.

Ich trete noch mehr in die Pedale und komme am Ende mit 1:44:31 auf eine Zeit, von der ich nicht einmal zu träumen gewagt hätte. Immerhin Platz fünf in meiner Wertung. Warum also noch trauern über den Abstieg am Schweinebuckel?

Spätestens im Ziel am Rathaus gibt es nur noch Glücksgefühle. Die Stimmung der Sportler und Zuschauer ist weltmeisterlich. So nach und nach trudeln die Hegau-Biker ein und erleben sogar noch den Zieleinlauf der Frauenweltmeisterin Annika Langvad und der Vize-Weltmeisterin Sabine Spitz. Auf der Strecke sind die Profi-Bikerinnen und -Biker auf ihrer 80-Kilometer-Distanz an uns Jedermännern locker vorbei gezogen. Geschrien hat niemand. Vielleicht lag es an der guten Stimmung. Singen und der Hegau haben sich als perfekte Gastgeber bestens empfohlen.

Die Weltmeisterschaft

Bei bestem Wettkampfwetter fanden am Sonntag der 15. Hegau Bike-Marathon und die 15. UCI Mountainbike Marathon-Weltmeisterschaften in Singen statt. Zum breiten Profifeld kamen über 1000 Freizeitsportler. Auf Initiative von Daniel Bensberg und Leo Malsam (SÜDKURIER), Uli Lutz (Fahrradhaus Stroppa) und Daniel Rosenkranz (Move) fuhr das Hegau-Bike-Team mit 29 Fahrern mit. Ergebnisse: www.hegau-bike-marathon.de/ergebnisse