Gemessen an der Zahl der Küchenstudios, die gerade einen gewaltigen Aufschwung erleben, müssten wir Deutschen ein Volk von Kochweltmeistern sein. Auch im Hegau schießen die Anbieter von Premiumküchen wie Pilze aus dem Boden. Doch der Anschein trügt. Um die Kochkunst ist es längst nicht überall gut bestellt. Sehr viele Zeitgenossen greifen häufig zu Fertigprodukten und schnellen Gerichten. Gekocht wird, wenn überhaupt, nur noch an den Wochenenden. So auch bei Karin Marxer. Die Leiterin der Bildungsakademie der Handwerkskammer in Singen hat dafür allerdings gute Gründe: "Meine Kinder essen in der Schulmensa und ich esse hier. Wenn ich abends noch einmal kochen würde, wäre das sehr schlecht für meine Balance zwischen Ernährung und Bewegung." Und warum soll sie nicht im hauseigenen Restaurant essen, wenn es ihr dort schmeckt?

Zertifizierte Mensa genießt Sonderstellung

Erst im vergangenen Jahr ist die Kantine unter Küchenchef Alexander Strack von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung mit 100 Prozentpunkten für ihr ausgewogenes Speisenangebot ausgezeichnet worden. Seit Eröffnung der Bildungsakademie im Jahr 2012 ist die Küche zertifiziert. Damit genießt sie als einzige zertifizierte Mensa eine Sonderstellung unter allen Kantinen des Landkreises.

Externe Gäste sind willkommen

Externe Gäste sind in dem Restaurant der Lerneinrichtung ebenso willkommen wie die Schüler. Selbst Beschäftigte der benachbarten Maggi verbringen ihre Mittagspause hier. Grund genug also für die Ernährungstage 2019 des Landes mit ihrer Aktion "Essen zwischen Hektik und Genuss" in Singen Station zu machen.

Die Leiterin der Bildungsakademie der Handwerkskammer in Singen, Karin Marxer, versucht durch Hören herauszufinden, welche Obstkerne sich in der Dose befinden. Bild: Gudrun Trautmann
Die Leiterin der Bildungsakademie der Handwerkskammer in Singen, Karin Marxer, versucht durch Hören herauszufinden, welche Obstkerne sich in der Dose befinden. Bild: Gudrun Trautmann | Bild: Gudrun Trautmann

Im Foyer haben Sabine Rest vom Forum Ernährung und Verbraucherbildung in Stockach und Hanna Plate, Koordinatoren der Landesinitiative "Mach's Mahl", einen Erlebnisparcours aufgebaut. Dort sollen die Teilnehmer mit ihren Sinnen herausfinden, welche Lebensmittel und Gewürze in Dosen und Säckchen verpackt sind. So gilt es, Obstkerne an ihrem Klang zu identifizieren, Gewürze zu erriechen und Gemüsesorten zu ertasten. Schließlich müssen die Teilnehmer in einem Quiz zwölf Fragen beantworten. Etwa, wieviel Frucht in einem Fruchtjoghurt oder Zucker in einem Glas Cola enthalten ist. Oder was sich hinter Begriffen wie Ascorbinsäure oder Emulgator verbirgt. "Ich bin erstaunt, dass einige junge Männer sich ganz gut auskennen", stellte Sabine Reste fest. Das sei nicht selbstverständlich.

Küchenchef Alexander Strack präsentiert einen Prima-Klima-Burger mit Süßkartoffelpommes und Tzatziki, ein Vorschlag des Bundesministeriums für Ernährung. Bild: Gudrun Trautmann
Küchenchef Alexander Strack präsentiert einen Prima-Klima-Burger mit Süßkartoffelpommes und Tzatziki, ein Vorschlag des Bundesministeriums für Ernährung. Bild: Gudrun Trautmann | Bild: Gudrun Trautmann

Das Klientel in der Bildungsakademie ist zu über 90 Prozent männlich und steht nicht unbedingt im Verdacht, die Ernährung als leidenschaftliches Hobby zu betreiben. Die Gäste nehmen's eher pragmatisch. Das liegt an den Handwerksberufen, die die Schüler und Meisterschüler ausüben. Das Angebot von Alexander Strack scheint ihnen jedoch zu schmecken. Sie loben die Abwechslung, die Auswahl, die Frische und den Preis. Diese Kriterien schätzen auch die externen Gäste, die mit 5,50 Euro pro Essen nur 70 Cent mehr bezahlen als die Schüler.

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Mit den Ernährungstagen wollen das Land und der Landkreis Konstanz Aufklärungsarbeit über gesunde und nachhaltige Kost leisten, ohne den Zeigefinger zu erheben. Mit dem Prima-Klima-Burger aus der Rezeptsammlung des Bundesministeriums für Ernährung demonstriert Strack, dass es auch ohne Fleisch geht. Verzichten muss trotzdem niemand. Auf dem Speiseplan steht einmal pro Woche Fleisch, Fisch und sonst Vegetarisches. Strack reagiert auch auf Wünsche. Täglich werden frische Zutaten geliefert, aus denen dann 80 bis 100 Essen zubereitet werden. Sein Erfolgsrezept: "Wenig Zucker, wenig Salz, kurze Produktionswege und kurze Standzeiten." Das hört sich leicht an, erfordert aber viel Planung.

"Ich esse regelmäßig hier. Vor allem die Burger in der Frühstückspause mag ich gerne. Das Angebot stimmt."Domenic Hug (17), KFZ-Mechatroniker im 1. Lehrjahr
"Ich esse regelmäßig hier. Vor allem die Burger in der Frühstückspause mag ich gerne. Das Angebot stimmt."Domenic Hug (17), KFZ-Mechatroniker im 1. Lehrjahr | Bild: Gudrun Trautmann

Regionalität und Wertschätzung von Lebensmitteln, selber kochen und ausgewogenes Essen – all dies sei der Landesregierung ein wichtiges Anliegen, lautet der Anspruch. Das Ministerium für Ländlichen Raum Baden-Württemberg wolle Impulse für nachhaltige, gesundheits- und genussorientierte Außer-Haus-Verpflegung geben. Das sei eine Reaktion auf die aktuelle gesellschaftliche Entwicklung im Land. Was nicht ausgesprochen wurde, ist die wachsende Kritik an der fleischproduzierenden Landwirtschaft. Die Tierzucht wird neben den Autoabgasen immer öfter für die Klimaerwärmung verantwortlich gemacht. Aber wie gesagt: Die Ernährungstage kommen nicht mit dem erhobenen Zeigefinger daher, sondern wollen mit guten Beispielen überzeugen. In der Singener Bildungsakademie bestehen da gute Chancen. Die Auszubildenden kommen im Rahmen ihrer dualen Ausbildung dreimal im Jahr für eine Woche und nutzen dann die Kantine. Auch wenn Schnitzel und Pommes sowie Burger nach wie vor die Renner sind, so lassen diese sich immer öfter auf fleischlose Gerichte ein, hat Alexander Strack festgestellt. Und vielleicht entstehe ja auch mal der Wunsch, das eine oder andere Gericht nachzukochen.